Für viele Fans der englischen Fußballnationalmannschaft schnurrt die WM von 1990 in der Erinnerung auf ein einziges Spiel zusammen: das Halbfinale gegen die Bundesrepublik. Das Spiel bot in verschärfter Form, was die englischen Fans mittlerweile sowieso erwarten (und insgeheim genießen): eine glorreiche Niederlage. Die vergebenen Torchancen, das Elfmeterschießen, die Tränen von Englands jungem, draufgängerischem neuem Helden Paul "Gazza" Gascoigne – all dies war ein Schauspiel der Schicksalsergebenheit für die englischen Fans, die im folgenden Vierteljahrhundert nur noch tiefer in ihre Melancholie versinken sollten.

Eine gewisse Versöhnung mit dem Ausgang des Turniers für England erlaubte aber der offizielle WM-Song seiner Mannschaft, World in Motion, aufgenommen von den Three Lions selbst und New Order. Bis dato pflegten Englands WM-Lieder eine bleierne, äußerst mühsame Angelegenheit zu sein, die die Zuhörer nicht weniger quälte als die Spieler, die sie verlegen "sangen". World in Motion war deshalb so überraschend wie Englands (relativer) Turniererfolg. Abgesehen davon, dass der gelegentlich brillante Außenmittelfeldspieler John Barnes in dem Stück rappte, klang World in Motion so wie jedes andere Lied von New Order damals. Es war so leichtfüßig wie Barnes in seinen besten Momenten, ganz fröhliche Synthesizer und druckvolle elektronische Percussion. Seine – zugleich feierliche und elegische – emotionale Färbung bekam das Stück jedoch, wie immer bei New Order, durch Bernard Sumners verhaltenen Gesang. Inzwischen hatte Sumner nämlich gelernt, aus seinen begrenzten Möglichkeiten als Sänger eine Tugend zu machen, eine Masche. Wie die holprigen Verse der Songtexte war sein verdruckster Gesangsstil suggestiver als ein klar artikulierter Gefühlsausdruck. Selbstvertrauen hörte man hier heraus, sogar ein gewisses Hochgefühl, aber auch Zweifel, Bedenken.

Der britische Kulturkritiker Mark Fisher © Zoë Fisher

2015 sind New Order fester Bestandteil des postmodernen Rock-Adels. Sie unterscheiden sich heute nicht groß von den Eagles: Sie können sich eine Auszeit nehmen, zurückkommen und eine neue Platte herausbringen, sooft sie wollen, und trotzdem davon ausgehen, dass jede Veröffentlichung von etwas Ereignishaftem umweht wird. Dieses Jahr also ist es wieder so weit: New Order sind wieder da, mit einem neuen Album, dem ersten mit neuem Material seit zehn Jahren. Es ist zugleich ihre erste Platte ohne Gründungsmitglied und Bassist Peter Hook. Dass New Order dem postmodernen Rock-Adel angehören, heißt vor allem: Ihr Status als "Legende" ist ihnen garantiert. Bloß ist dieser Status in ihrem Fall mit einer gewissen Melancholie verbunden. Der eigentliche Unterschied zwischen New Order und Bands wie den Eagles besteht darin, dass die Eagles nie irgendeinen besonderen Anspruch auf Experimentierfreude erhoben. Die Geschichte, wie New Order sich von einem Art-Rock-Kult in prollig-populistische Electronica verwandelt haben, ist zugleich eine Geschichte über die grundsätzlichen Veränderungen in der englischen Kultur der achtziger Jahre.

Auf "Blue Monday" klang die Band, als sänge sie im Schlaf

New Orders schwierige Geburt aus den Überresten von Joy Division – mit denen es schlagartig zu Ende war, als sich der Sänger Ian Curtis 1980 im Alter von 23 Jahren erhängte – ist oft erzählt worden. Curtis war ein Autodidakt, der seine eigentliche Bildung nicht in angestaubten Klassenzimmern, sondern von Iggy Pop, experimentellen Filmen, Penguin Classics, J. G. Ballard, Velvet Underground, der Musikpresse, William S. Burroughs und dem künstlerisch anspruchsvolleren Teil des BBC-Programms erwarb. Diese informelle kulturelle Infrastruktur verfügte über eine Eigendynamik: Plattencover führten zu Kunstfilmen, Songtitel zu Schriftstellern. Sie regte die Kreativität von Jugendlichen aus der Arbeiterschicht an, enthielt aber auch ein klares Verbot: Die Vergangenheit zu wiederholen ist inakzeptabel. Joy Division – Curtis, Sumner (damals an Gitarre und Synthesizer), Hook und Stephen Morris am Schlagzeug – nahmen sich dieses Verbot zu Herzen und wurden Teil einer Welle von populärem Modernismus.

New Orders Karriere in den achtziger Jahren wird für gewöhnlich als ein Triumph über Widrigkeiten dargestellt, die Geschichte der Band somit zu einer weiteren der vielen therapeutischen Erzählungen gemacht, mit denen die Kultur zunehmend zugestopft wurde. Die Verwandlung von Joy Division in die New Order der späten Achtziger lässt sich aber noch anders erzählen, nämlich nicht als Geschichte eines Triumphs, sondern als die einer Niederlage und eines Rückzugs. Es ist gerade der Geist der populären Experimentierfreude, von dem sich die Band nach und nach verabschiedete. New Order wurden von vielen Geistern heimgesucht – den Gespenstern einer verrottenden Industrielandschaft, die bei Joy Division in jedem Ton zu hören war, dem Gespenst von Joy Division selbst, aber auch dem Gespenst der Verheißungen ihrer eigenen Musik.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 16.09.2015.

Tony Wilson, der Gründer von New Orders Label Factory Records, hat einmal gesagt, dass Joy Division, wäre 1980 für sie nicht Schluss gewesen, so groß geworden wären wie U2. Vielleicht aber sollte man besser sagen, dass U2 – die mehr als jede andere Band die Voraussetzungen dafür schufen, dass "Rocklegende" wieder zu einem ehrbaren Begriff wurde – ihren kolossalen Erfolg erreichten, weil eine Band wie Joy Division unmöglich geworden war. Die Voraussetzung von New Orders Erfolg aber war dieselbe Unmöglichkeit. Sie mussten ihrem eigenen Schatten entkommen – sie mussten sich erneuern, ohne das zu verleugnen, was sie abgestreift hatten, wie jeder Trauernde es tun muss, um weiterleben zu können. Es war berauschend, in den frühen Achtzigern zuzuhören, wie sich die Band bemühte, die Strukturen von Rock zu erweitern und so elastisch werden zu lassen, dass sie die stotternden Rhythmen und vocoderverzerrten Signale aufnehmen konnten, die New Order zuerst auf amerikanischen Tanzflächen gehört hatten. Dass diese Versuche manchmal unbeholfen waren, gehörte mit zu ihrem Reiz, als Ausweis ihres experimentellen Geistes: Da war nichts von jenem trostlosen professionellen Hochglanz einer Musik, deren Form restlos geklärt ist.

New Orders erster ernsthafter Flirt mit der Struktur von Tanzmusik, der Song Blue Monday, übertraf alle Erwartungen. Blue Monday, veröffentlicht 1983, ist bis heute eine der außergewöhnlichsten Platten der achtziger Jahre. Die Single war zugleich der letzte Atemzug von Joy Division und der erste der Band New Order, die ernsthaft begonnen hatte, Joy Division hinter sich zu lassen. Ich erinnere mich noch an das schwindelerregende Gefühl für all die Möglichkeiten, die sich eröffneten, als ich die Maxi aus der eleganten Hülle zog und zum ersten Mal das treibende Stakkato des Drumcomputers von Blue Monday hörte. In seinem Gesang hatte Sumner zu einer neuen Sicherheit gefunden, der Sicherheit freilich von jemandem, der sich ganz dem Unbewussten anheimgegeben hat. Er klang, als sänge er im Schlaf, und die mangelnde Logik, die Schuldzuweisungen und ziellosen Beschwörungen des Textes schienen einer Traumlandschaft zu entstammen, die an de Chirico erinnerte und aus maschinellen Komponenten zusammengesetzt war, umfunktionierten Elementen aus Elektro und Hi-NRG.

Mit Ernst in die neuen elektronischen Musikwelten

Was einen an den frühen Platten von New Order so fesselt, ist gerade ihre Suche nach einer musikalischen Welt außerhalb der Rockmusik. Im Einklang mit den aufregendsten Entwicklungen der achtziger und neunziger Jahre waren New Order dann am besten, wenn sie dem Live-Rockspektakel den Rücken kehrten und sich der neuen Entourage der Maschinen zuwandten – den Drumcomputern, Sequenzern, Samplern und Tonstudiotechnologien, die im Mittelpunkt der avanciertesten Tanzmusik standen. New Order klangen aufregend, weil sie die Herausforderung dieser neuen elektronischen Musikwelten ernst nahmen. Ihre Genialität lag darin, dass sie zu einer Zeit, als das Spielen eines Instruments scheinbar überflüssig wurde, genau dieser alten Kunst neue Bedeutung verliehen. Mit ihrem in einem alten Lagerhaus eingerichteten Club The Haçienda wurde die Band selbst zu einem Teil jenes Wandels, der aus ihrer Heimatstadt Manchester, einem verfallenden Zentrum der industriellen Revolution, eine postmoderne Designerstadt machte. Nur dass dieser Wandel nicht zu einer kreativen Erneuerung führte, im Gegenteil. Die sogenannte Madchester-Szene der späten Achtziger und frühen Neunziger sollte sich leider nicht als Morgenröte, sondern als Schwanengesang der experimentellen Popmusik in Manchester erweisen. Mit den Stone Roses und dann Oasis wurde die Stadt zum Zentrum eines reaktionären Rückfalls in "bodenständigen" Rock.

Bei New Order hörte man die Gespenster verlorener Zukünfte

Man kann unmöglich übersehen, dass die ersten Karriere-Jahre von New Order mit dem Aufstieg des Thatcherismus zusammenfielen, wie wir damals nannten, was heute als britischer Arm einer internationalen Bewegung namens Neoliberalismus zu erkennen ist. Aber die achtziger Jahre waren in England viel komplexer, als sie mitunter aus der Perspektive eines triumphierenden – wenn auch inzwischen massiv krisengeschüttelten – Neoliberalismus erscheinen. Sie waren keineswegs nur eine einzige Serie von Niederlagen für die Linke, die unweigerlich zu einer Naturalisierung von Thatchers berüchtigter Behauptung führen musste, zum Kapitalismus gebe es keine Alternative. Kulturelle Stile, Musik und Fußball eröffneten immer noch ästhetische Möglichkeiten, die sich mitnichten dem thatcheristischen Konsumdenken unterwarfen. Diese Zugänge zur Kreativität der Arbeiterschicht kündeten von einer proletarischen Moderne, einer Ästhetik des alltäglichen Lebens, die die arbeitenden Menschen hervorbringen und an der sie teilhaben konnten. Doch schienen diese Träume schon wieder in weite Ferne gerückt, als Oasis auf die Bühne stapften. New Order gehörten da schon zum Rock-Mainstream. Die Tanzmusik mutierte in völlig ungeahnte Richtungen, New Order aber machten kaum Konzessionen an die neuen Klangwelten. Die Gruppe war zu einem Exerzitium in Entmystifizierung und Entmythisierung geworden. In Interviews gab sich die Band alle Mühe, sich von dem strengen Joy-Division-Image zu distanzieren. Sie seien nichts Besonderes, keine großen Künstler, nur gewöhnliche Leute, denen es Vergnügen bereite, Musik für andere gewöhnliche Leute zu machen. Ihre Songtexte seien nur irgendein meist improvisiertes Zeugs. Allmählich standen New Order für die Unmöglichkeit eines populären Modernismus – und die Unausweichlichkeit eines prolligen Populismus. Die Platten, die sie nach 1983 herausbrachten, sind auf dieselbe Weise veraltet wie ein Großteil des Hitparaden-Pop der mittleren bis späten achtziger Jahre. Als Peter Hook die Band 2007 verließ, waren New Order schon lange egal geworden. Dass man egal wird, ist schließlich der Preis dafür, zur Rocklegende zu werden.

Ihr neues Album Music Complete folgt leider diesem Muster. Hook ist nicht mehr dabei, dafür nach einer Auszeit wieder Gillian Gilbert. Einen großen Unterschied macht es nicht. Music Complete klingt genauso, wie man es von einer New-Order-Platte im Jahr 2015 erwarten würde – also praktisch genauso, wie man es von einer New-Order-Platte im Jahr 1995 erwartet hätte. Eine Atmosphäre der Sinnlosigkeit und Mattigkeit hängt über dem Album, wie über so viel Musik heute. Music Complete ist nur ein weiterer Beitrag zum endlosen spätkapitalistischen Kreislauf kultureller Konsumgüter, die sich nur minimal unterscheiden. Natürlich wäre es zu viel verlangt von New Order, im Alleingang den allgemeinen Trend zu Nachahmung und Wiederholung umzukehren, dem Musik im 21. Jahrhundert unterworfen ist. Bands, die halb so alt sind wie sie, schaffen das nicht – warum sollten sie es können? Trotzdem ist New Orders Versagen besonders schmerzlich – nicht nur wegen der Geister vergangener Triumphe, sondern auch wegen der Gespenster verlorener Zukünfte, die man in ihrer frühen Musik noch hören kann. Wie würde eine postindustrielle Kultur aussehen und sich anfühlen, in der der Neoliberalismus nicht jede Konzeption von Modernität geschluckt hätte? Wir wissen es nicht, aber vielleicht können die New Order der frühen achtziger Jahre immer noch ein paar wertvolle Hinweise geben.

Aus dem Englischen von Michael Adrian