Was haben folgende Menschen gemeinsam? Angela Merkel, Joachim Gauck, Manuela Schwesig, Katrin Göring-Eckardt, Johanna Wanka, Stanislaw Tillich, Bodo Ramelow, Erwin Sellering, Dietmar Woidke und Reiner Haseloff. – Ja, sie alle sind Politiker und kommen aus Ostdeutschland. Sie sind die politisch einflussreichsten Ossis dieser Zeit. Aber es gibt noch eine andere, besonders auffällige Gemeinsamkeit: Sie alle sind Christen.

Ostdeutschland ist einer der gottlosesten Fleckcken dieser Erde. Drei Viertel der Menschen hier gehören keiner Religion an. Wie kann es sein, dass dieses entchristlichte Land von lauter Christen regiert wird? Dass nicht nur alle Ministerpräsidenten, sondern auch beinahe alle in der Bundespolitik einflussreichen Ostdeutschen Kirchenmitglieder sind? Manuela Schwesig, die Bundesfamilienministerin, ist zwar "überhaupt nicht religiös erzogen worden", wie sie einmal erzählt hat, inzwischen aber tiefgläubig. "Ich ziehe sehr viel Kraft aus meinem Glauben, genieße das gemeinsame Beten und Singen im Gottesdienst", sagte die 41-Jährige.

Ihr Beispiel zeigt: Das Paradox der mächtigen Christen im gottlosen Osten wird sich wohl nicht erledigt haben, sobald der letzte Wendepfarrer seinen Ruhestand antritt. Christiane Frantz, Politik-Professorin von der Universität Münster, hat dieses Paradox erforscht. Vor einiger Zeit fuhr sie nach Mecklenburg-Vorpommern mit der Frage: Warum mischen sich Christen so häufig in die Politik ein?

Es sei statistisch erwiesen, sagt Frantz, dass Kirchenmitglieder häufiger als Konfessionslose ehrenamtlich aktiv seien, auch in den Gemeindevertretungen. In den neuen Ländern, so hat es eine repräsentative Umfrage unter Tausenden Deutschen ergeben, engagieren sich 28 Prozent der Atheisten ehrenamtlich, aber mindestens 38 Prozent der Kirchenmitglieder. Und auf noch eine Zahl stieß Frantz in vorherigen Studien: Die Christenquote unter den ostdeutschen Landtagsabgeordneten betrug in den ersten 15 Jahren nach der Wiedervereinigung jeweils mindestens 50 Prozent. Die Christenquote unter der ostdeutschen Bevölkerung war gerade einmal halb so hoch.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 38 vom 16.09.2015.

Die Wissenschaftlerin besuchte eine Region um Rostock, in der besonders viele Atheisten leben, sie befragte die Christen in den Kommunalparlamenten. Und sie kam mit zwei Thesen zurück. Erstens: Christen fühlten sich grundsätzlich mehr als andere in der Verantwortung, sich in ihrer Region zu engagieren. "Christsein bedeutet, sich einzumischen", sagt Frantz. Zweitens sei die Kirche ohnehin ein relevanter Akteur in der Gesellschaft. "Die Christen sitzen eigentlich immer mit am Tisch", so Frantz. "Unsere Sozialpolitik ist ohne kirchliche Organisationen wie Caritas oder Diakonie nicht denkbar. Wer etwa ein Flüchtlingsheim eröffnen will, braucht die Kirche und ihre Ehrenamtlichen." Frantz sagt, es sei unerheblich, wie niedrig der Anteil der Christen in einer Gegend sei, auch die wenigen suchten Einfluss: "Christen sind in Deutschland außergewöhnlich präsent. Im Osten fällt das nur stärker auf, weil die Zahl der Atheisten hoch ist."

Bleibt die Frage, warum die Mehrheit der Atheisten immer wieder Christen in verantwortliche Positionen wählt. "Wir frömmeln ja nicht öffentlich herum", sagt dazu Wolfgang Thierse, 71, Katholik, ehemaliger Bundestagspräsident und Herausgeber des Buches Religion ist keine Privatsache. Politiker im Osten, sagte Thierse, hörten häufig: Warum tun Sie sich das an? Politisches Engagement gelte für viele Ostdeutsche immer noch als lästige Mühsal, und wenn Christen diese Mühsal auf sich nähmen, dann hätten die meisten anderen nichts dagegen.

Natürlich, sagt Thierse, habe die Präsenz der Katholiken und Protestanten etwas mit dem Wendeherbst zu tun. 1989 sei fast jeder Runde Tisch von Pastoren geleitet worden. Zudem, sagt Thierse, verbänden auch Ostdeutsche mit dem Christentum nichts Abstoßendes, im Gegenteil. Bei Pegida sei das zu beobachten. Die Bewegung wolle das "christliche Abendland" verteidigen, obwohl Pegidas Führungsfiguren nicht einmal der Kirche angehörten. Pegida spiele mit Entheimatungs-Ängsten, so sieht es Wolfgang Thierse. Und selbst für ungläubige Ostdeutsche sei das Christentum – so etwas wie eine Heimat.