Es stinkt wie auf einer Müllkippe – und es sieht auch so aus. "Manchmal verstopft der Abfluss vom Toilettenpapier", berichtet eine Mutter. "Dann schwimmt auf dem Fußboden eine Suppe aus Straßenschmutz und Urin." Klobürsten? Sind keine zu sehen. Klobrillen? Auch nicht. Schon klar, dass Kinder am Erasmus-Grasser-Gymnasium in München nicht aufs Klo gehen wollen.

In den vergangenen Monaten wollten wir von unseren Lesern wissen, wie es an Deutschlands Schulen wirklich aussieht. Es ging uns um den Zustand von Klassen und Turnhallen, um die Ausstattung mit Computern, um die Frage, ob und wie man die Finanznot der Kommunen an den Schulen spürt. Eine der Fragen, die wir den Eltern stellten, lautete: Geht Ihr Kind in der Schule aufs Klo?

Eigentlich sollte so was eine rhetorische Frage sein. Kein Kind, das sich halbwegs anständig ernährt, verbringt einen Vormittag, ohne aufs Klo zu müssen. An den Ganztagsschulen im Land essen die Kinder auch noch zu Mittag und verbringen den Nachmittag in der Schule. In dieser ganzen Zeit nicht ein Mal aufs Klo zu gehen schafft kein normaler Mensch.

Außer, die Toiletten sind immer wieder so ekelhaft, wie es mehrere Eltern über das Münchner Erasmus-Grasser-Gymnasium erzählen. Obwohl zwischendurch geputzt wird. Recherchen an der Schule stützen diese Berichte.

Es ist keine repräsentative Umfrage, die ZEIT und ZEIT ONLINE durchgeführt haben. Aber rund 3.000 Eltern aus dem ganzen Land haben uns geschrieben – und ein Drittel von ihnen schildert den Zustand der Schultoiletten so drastisch, dass etwas im Argen liegen muss.

Jedes dritte Kind verkneift es sich den Eltern zufolge in staatlichen Schulen, auf die Toilette zu gehen. Es geht in der Pause lieber raus, in die Büsche. Es trinkt morgens nichts zum Frühstück, um am Vormittag bloß nicht zu müssen. Es lernt, den Harndrang zurückzuhalten, so lange, bis es wieder zu Hause ist. Und das sogar in Schulen, die eigentlich in einem ordentlichen Zustand sind.

Dort, sagt Johannes Rück von der German Toilet Organization (GTO), gehe es um etwas anderes. Als die gemeinnützige Organisation in Berlin gegründet wurde, schien das Einsatzgebiet klar: In Ländern wie Lesotho wollte die GTO helfen, armen Menschen saubere Toiletten zu bieten. Dann begannen die Anrufe aus Deutschland. Anfangs dachte Rück, das wäre ein Scherz. Oder die Leute hätten etwas falsch verstanden. Aber Tatsache ist: Um katastrophale Zustände auf Toiletten zu finden, mussten Mitarbeiter der GTO nicht weit fahren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 16.09.2015.

Inzwischen organisiert Rück regelmäßig Workshops in Deutschland. Dabei fällt auf, sagt er, dass es manchmal gerade Kinder aus Elternhäusern sind, in denen großer Wert auf gutes Benehmen gelegt wird, die den unbeobachteten Ort nutzen, um wortwörtlich auf die Kacke zu hauen. Das ist für sie, die vom Aufstehen bis zum Schlafengehen unter Kontrolle von Eltern und Lehrern sind, offenbar verlockend.

Es liegt nahe zu schlussfolgern, dass vor sich hin rottende Schultoiletten die Hemmschwelle zu randalieren noch senken. Was soll schon noch groß kaputtgehen? An der Frankfurter Robert-Schumann-Schule, einer Grundschule im beschaulichen Stadtteil Heddernheim im Norden der Stadt, beschwerten sich Eltern im vergangenen Winter über den unerträglichen Gestank in der aus den sechziger Jahren stammenden Jungstoilette. Dort wurde dann ein Deckenventilator installiert, der so stark vibrierte, dass der Klassenraum über der Toilette nicht mehr zu nutzen war. Also wurde der Ventilator wieder abgestellt. Mittlerweile wurde in die alte Toilette für einen hohen fünfstelligen Betrag ein Belüftungssystem eingebaut.

Eine der reichsten Industrienationen der Welt ist offenbar nicht in der Lage, ihre Schulen flächendeckend anständig instand zu halten.

Deshalb macht unter Eltern längst ein neuer Kniff die Runde, wenn sie eine Schule für ihr Kind auswählen müssen: Statt nach der Anzahl der außerunterrichtlichen Aktivitäten zu fragen, gehen sie einfach mal aufs Schülerklo.

Pädagogik in der Baracke

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"Lapidar gesagt sieht es an der Schule aus wie in Bulgarien in den Sechzigern."

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Ein Vater aus Hessen

"Die Toiletten würde kein normaler Mensch betreten, dagegen sind die öffentlichen Klos am Hauptbahnhof ein Wellnessparadies."

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