Hypernervös und empfindsam wirkt die Komponistin Anna Thorvaldsdottir im Gespräch: eine zerbrechliche Person, deren behutsame, fast tänzerische Bewegungen zugleich eine gewisse Zähigkeit ausstrahlen. Die Worte sprudeln ihr mit heller Stimme aus dem Mund, während sie zwischendurch an der großen Portion Rohkost kaut, die sie sich vom vegetarischen Take-away-Restaurant um die Ecke in Reykjavík mitgebracht hat. Einmal geäußert, wird jeder Satz sofort akribisch auf seine Tragfähigkeit hin überprüft, neu formuliert, bekräftigt oder korrigiert.

Geboren wurde Thorvaldsdottir 1977 in Reykjavík. Mutter und Tante waren Musiklehrerinnen, und so war das Haus immer voll mit Musik. Anna begann früh mit dem Cellospiel. "Aber es gab keinen Druck", wirft sie zwischen zwei Gabeln Sellerie-Fenchel-Salat ein, "was für mich sehr gut war." Dann entdeckte sie eines Tages die Möglichkeit, all die Klänge und Melodien, die sie mit sich herumtrug, aufzuschreiben, und entschied: "Das ist es offenbar, was ich bin." Sie studierte Komposition an der Musikakademie in Reykjavík und an der University of California in San Diego, wo sie 2011 auch einen Doktortitel erwarb. Im selben Jahr erschien ihre erste CD bei dem amerikanischen Label Innova recordings. Auch ihre jüngste CD, Aerial, kam zunächst in den USA heraus, wo Thorvaldsdottirs Werke bereits seit einigen Jahren mit großer Resonanz aufgeführt werden. Soeben wurde sie vom New York Philharmonic Orchestra zum "Kravis Emerging Composer" ernannt. Die Auszeichnung schließt ein hoch dotiertes Stipendium ein und einen Kompositionsauftrag für das New Yorker Orchester.

Die auf Aerial versammelten Orchester- und Kammermusikwerke strahlen eine ungemeine Ruhe aus. Diese Musik scheint das Zeitgefühl aufzuheben, als blicke man in den unendlichen Horizont der isländischen Landschaft. Beinahe statische Klangbänder beginnen geheimnisvoll zu schimmern, wie der arktische Himmel, wenn er von den surrealen Farben eines Nordlichts erleuchtet wird. Erratische Instrumentalgesten stechen dann und wann jäh aus der tönenden Weite heraus wie das spitze, vulkanische Gestein auf einem der Lavafelder der Halbinsel Reykjanes. Nur an wenigen Orten der Erde ist die Natur präsenter und launischer als auf Island, wo sich die eurasische und die nordamerikanische Erdplatte berühren, wo neben einem Gletscher plötzlich Geysire aufschießen oder heiße Quellen aus dem Schnee hervorsprudeln und wo sich das Wetter von einer Sekunde zur nächsten exzentrisch verändert.

Die Natur, erzählt Thorvaldsdottir, sei immer schon eine ihrer stärksten Inspirationsquellen gewesen. Man kann das an den Titeln ihrer Kompositionen ablesen: Aeriality heißen sie oder Shades of Silence oder Hrim, was auf Isländisch so viel bedeutet wie "gefrorener Tau". Aber es geht hier nicht um klingende Landschaftsmalerei. Vielmehr streben die Raumklang-Skulpturen Thorvaldsdottirs nach einer bruch- und gewaltlosen Verschmelzung von innerer und äußerer Natur. Bisweilen, etwa in den subtilen Farbwechseln der Blechbläserklänge des Kammermusikwerks into – second self, fühlt man sich ein wenig an die auratischen Klangwelten György Ligetis erinnert. Das bringt die Komponistin zum Strahlen. Denn Ligetis Musik bewundert sie über die Maßen.

Die Idee zu ihrem ersten Musiktheater, der Oper UR-_, die nach der Uraufführung in Trier im Laufe der Saison noch an mehreren anderen Orten, darunter Basel, Oslo, Stockholm und Reykjavík, zu sehen sein wird, entstand nicht in Island, sondern in der eisigen Weite Grönlands. Oqaatsut heißt der knapp fünfzig Bewohner zählende Ort in der Diskobucht am Rande des Ilulissat-Fjords. Trotz eines Sendemasts und WLAN könnte dieser Flecken Erde vom emsigen Kulturgesumme der Metropolen kaum weiter entfernt sein. Hier treffen sich seit gut zwei Jahren die Mitglieder des Künstlernetzwerks Far North, das die Kulturmanagerin Arnbjörg Maria Danielsen ins Leben gerufen hat. Mitten im ewigen Eis sucht hier einmal im Jahr eine Handvoll junger, international ausgebildeter und hoch ambitionierter isländischer Künstler nach neuen Impulsen für die zeitgenössische Musik und das Theater.

Ein bisschen steckt darin die Sehnsucht nach einer ästhetischen Tabula-rasa-Situation: als müsse man aus den großen Warenhäusern der Neue-Musik-Zentren einmal hinaus ins Freie treten, um jenseits des Überangebots an Stilen, ästhetischen Positionen und musikalischen Materialien noch einmal ganz von vorn nachzudenken.

Zu den ersten Proben trifft man sich in Island. Da ist noch lange keine Partitur in Sicht. Denn das Werk, so der Wunsch der Komponistin, soll seine Gestalt im Austausch mit dem gesamten Produktionsteam annehmen. Es wird viel geredet und noch mehr korrigiert, verworfen und geschwiegen bei diesen Treffen mit dem Regisseur Thorleifur Örn Arnasson, der Bühnenbildnerin Anna Rún Tryggvadottir, den drei Sängern der Produktion und der Komponistin. Es stellt sich heraus, dass ein von der Schriftstellerin Mette Karlsvik verfasster Text sich als Libretto nicht eignet, ja, dass die semantische Eindeutigkeit der Sprache bestimmte Bereiche des Verstehens eher blockieren würde.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 16.09.2015.

Thorvaldsdottir verfasst daher eigene "phonetische Texturen", wie sie es nennt, die ein Libretto ersetzen. Die narrative Linie des Stücks nimmt in Island Gestalt an, ebenso die Besetzung: Drei Sänger agieren auf der Bühne als eine Art symbiotisch verschmolzenes Einzelwesen. Weitere Protagonisten sind ein Schauspieler und ein Flügel. Tatsächlich ist es der Flügel – und nicht etwa der Pianist –, der als Figur der Handlung auftreten soll. Dann zieht sich Thorvaldsdottir für Monate zurück, um ihre Kammeroper zu komponieren.

Erhabenheit und Verletzlichkeit der noch immer übermächtigen, aber langsam dahinschmelzenden Gletscher in Grönland waren es, die für das Produktionsteam den ersten Impuls zu UR_ gaben. Wie unter einem Brennglas, so meinen die Künstler von Far North, zeige sich in Grönland der Raubbau, den unsere Zivilisation durch ihr Produktions- und Konsumverhalten mit der Natur betreibe. Ist UR_ am Ende also eine kapitalismuskritische Umweltoper? Regisseur Arnasson, der zurzeit leitender Regisseur am Hessischen Staatstheater Wiesbaden ist, erhofft sich von der Produktion, "dass man einen Blick auf die Welt wirft und auf eine andere Art und Weise über diese Umbruchzeiten nachdenkt".

Die Komponistin dagegen versenkt ihren Blick beharrlich in die eigenen Innenwelten und erzählt ein musikalisches Drama über die Ursehnsucht des Individuums nach symbiotischer Verschmelzung. Beide eint die Utopie einer Geborgenheit.