Als ich bei Wolf & Lehmann in der Prenzlauer Allee ankam, ganz oben, kurz vor dem Ernst-Thälmann-Park, also dort, wo fast schon Stasi-Land ist, waren Igor und Kowalski längst da. Igor saß auf einem viel zu niedrigen Hocker und hielt eine von den schönen klassischen Gitarren, die hier verkauft wurden, so ungeschickt und übervorsichtig wie ein Mann, der das erste Mal im Leben ein Baby halten muss. Kowalski saß ihm gegenüber auf einem Barhocker und sagte geduldig, aber so geduldig auch wieder nicht: "E-Moll, spiel E-moll! Das ist der einfachste Akkord der Welt, den habe ich dir doch gerade beigebracht." Igor presste ängstlich den Mittelfinger auf die A-Saite, den Ringfinger auf die D-Saite, er schlug mit der anderen Hand ein paar Mal alle Saiten an und summte dazu auf Russisch: "Mnje kaschetsa poroju, schto soldaty ..."

"Das klingt ja schrecklich", sagte ich. –"Findest du?", sagte Igor und grinste ertappt. – "Die Goldberg-Variationen kannst du besser", sagte ich. – "Die mochtest du aber auch nicht!" – "Doch, doch, die vorletzte, die, glaube ich, schon." – "Ja", sagte Kowalski, "aber auch nur, weil sie wie Jazz klingt und nicht wie Bach, du Amateur!" Dann nahm er Igor die Gitarre weg und spielte How I think of you, den gainsbourghaften Superohrwurm von dem Album, an dem er seit zwei Jahren gearbeitet hat und das bald rauskommen sollte. Igor und ich wurden sofort still, während die Gitarre in Kowalskis Händen ganz leise seufzte und knarrte, und ich glaube, ich machte sogar kurz vor Erstaunen den Mund auf – und Igor sowieso.

Drei Tage vorher war Igor endlich auch mit seiner Platte fertig geworden. Fast eine ganze Woche hatte er mit dem Toningenieur und ein paar Leuten von Sony draußen in den Nalepa-Studios in Oberschöneweide gesessen und die Goldberg-Variationen aufgenommen, jeden Tag acht Stunden, in dieser tollen, schrecklichen, nicht enden wollenden August-Hitze. Er aß meist nur Kekse oder Schokolade und trank Espresso dazu, und wenn er müde war, legte er sich irgendwo in dem ehemaligen, halb zerfallenen DDR-Funkhaus auf den Boden und schlief sofort ein. Das weiß ich deshalb, weil er einmal ein Foto von sich auf Facebook hochgeladen hat, und darauf lag er mit geschlossenen Augen und blassem Wunderkindgesicht unter seinem Flügel, aber vielleicht war es der Tisch mit dem Mischpult, daran erinnere ich mich nicht mehr genau. Am letzten Abend seines kleinen Bach-Festivals lud Igor dann ein paar Freunde und andere Musiker in die Nalepa-Studios ein. Er spielte für uns noch mal mit letzter Kraft und größter Konzentration alle 32 Goldberg-Variationen, und als er fertig war und wir mit ihm, benommen und glücklich, im dunklen, kühlen Foyer standen, sagte er zu Kowalski: "So, und jetzt besorg ich mir eine Gitarre, damit ich ab und zu auch mal andere Musik machen kann. Wann hast du Zeit und gehst mit mir eine kaufen?"

Leider gab es bei Wolf & Lehmann kein einziges Instrument, das zu Igor gepasst hätte. Die billigen Gitarren klangen zu billig und zu hart, und die teuren waren zu teuer, jedenfalls für einen Anfänger wie ihn. Eine kleine, viel zu helle Westerngitarre mit hässlichen messinggelben Stimmwirbeln war nicht schlecht und auch nicht teuer, und Igor überlegte kurz, ob er sie kaufen sollte. Aber dann fiel ihm ein, dass man vom Gitarrespielen zuerst kaputte Fingerkuppen und später dicke Hornhaut bekam und dass er absolut keine Ahnung hatte, wie Bach, Beethoven und Rzewski das finden würden. "Ich muss das noch mal mit meinem Physiotherapeuten besprechen, das ist mir sonst zu riskant", sagte er zu Herrn Wolf, dem Besitzer des Gitarrengeschäfts. Herr Wolf trug eine hellgraue, kurze Hose und hatte den gleichen hellgrauen Seehundschnurrbart wie Wolf Biermann, von dem hinten im Laden ein Foto hing. "Na ja, gut. Kein Problem", sagte er auf diese unfreundlich-freundliche Ostberliner Art, ohne Igor dabei anzuschauen, und bevor wir rausgingen, fragte ich ihn, ob Wolf Biermann auch schon mal bei ihm eine Gitarre gekauft hätte, und er sagte schon wieder mit diesem merkwürdig doppeldeutigen Unterton: "Jaja. Klar."

Als wir auf die Straße hinaustraten, waren es immer noch mindestens 35 Grad, in der Sonne, im Schatten und überhaupt. Die Luft war schwer, aber auch leicht, zart, aber auch gemein, es war Sommer in Ostberlin, und plötzlich war es egal, dass wir hier fast schon in Stasi-Land waren. An der riesigen, hässlichen Kreuzung Danziger Straße und Prenzlauer Allee setzten Igor, Kowalski und ich uns noch kurz ins Café Opulent, wo es aufgebackene Fertigbrötchen, Kaufhauskuchen und Capuccino mit Sahne gab. Wir gingen, als echte Orientalen, natürlich rein und hockten uns auf eine lange, mit rotem Kunstleder bezogene Bank, wir tranken eiskaltes Mineralwasser aus kleinen, beschlagenen Plastikflaschen und machten Fotos von uns selbst, damit wir später eins für Facebook hatten. Meist redeten wir aber darüber, wie müde wir alle drei nach den letzten Monaten und Jahren waren – ich auch, denn ich hatte gerade eine halbe Ewigkeit mit einer einzigen Arbeit verbracht –, wir redeten über Sachen, über die ich hier nichts sagen darf, und zum Schluss redeten wir auch noch darüber, wie froh wir waren, dass so viel hinter uns lag und dass wir gerade überhaupt nicht wussten, wie es weiterging.

Wir hatten ungefähr eine Stunde Zeit, mehr nicht – ich wollte schwimmen gehen, Kowalski wollte nach Hause und schlafen, und Igor wollte zwar auch schlafen, aber er war mit einer Freundin in Kreuzberg verabredet, und das klang auch nicht gerade nach Stress –, und als diese tolle, leere, perfekte Stunde zu Ende war, standen wir absolut gleichzeitig auf und verließen das Café Opulent, in dem wir noch nie vorher gewesen waren und in das wir nie wieder gehen würden. Wir standen eine Weile schweigend davor, dann fuhren auf ein Mal drei oder vier Straßenbahnen vorbei, und als sie wieder weg waren und man nur noch den Lärm der Autos, Motorräder und Lastwagen hörte, sagte ich: "Sollen wir für Facebook das Bild nehmen, auf dem wir alle drei lachen? Was sagt ihr?"

"Nein, bloß nicht", sagte Kowalski. "Wir nehmen das ernste, auf dem wir mit unseren Hüten so männlich und entspannt aussehen." – "Aber ich hab doch gar keinen Hut", sagte Igor. – "Dann werden wir dir, wenn du das nächste Mal in Berlin bist, eben einen kaufen, du Amateur", sagte ich lachend und umarmte ihn. "Und eine Gitarre auch." – "Ich will keine Gitarre mehr", sagte Igor. – "Ich weiß", sagte ich, und ich drehte mich zu Kowalski um. Ich drückte zum Abschied meine Faust gegen seine Faust, dann umarmten sich Igor und Kowalski, und ein paar Sekunden später ging jeder von uns in eine andere Richtung davon.