DIE ZEIT: Herr Reinhardt, was hat sich bei Ihnen verändert?

Heinz-Joachim Reinhardt: Ich habe im August meine Bäckerei zugemacht, nach genau 59 Berufsjahren. Mein Vater hatte sie 1934 gegründet, am 1. September 1956 fing ich bei ihm meine Ausbildung an.

ZEIT: Wie fühlte sich das an – zu wissen, dass man gerade zum letzten Mal am Ofen steht?

Reinhardt: Ich habe ganz bewusst noch ein Riesenbrot gebacken und im Verkaufsraum einen Zettel ausgelegt: "Das ist das letzte Brot der Bäckerei Reinhardt". Meine Kundschaft hat mich mit Geschenken überhäuft. Ich bekam Blumen, Wein und Schnaps, hausschlachtene Wurst, Pralinen, Merci-Schachteln. Einer meiner Kunden hat 50 Sauerteigbrote gekauft, um sie einzufrieren und nach und nach zu essen. Er will keine anderen.

ZEIT: Sauerteigbrot, war das Ihre Spezialität?

Reinhardt: Ja. Und Biskuitplätzchen habe ich in Massen produziert. Die Brötchen waren natürlich auch sehr beliebt.

ZEIT: Und ein Mysterium! Uwe Tellkamp schrieb im Roman Der Turm eine Hommage auf Ost-Brötchen. Welches Geheimnis steckt dahinter?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 39 vom 23.09.2015.

Reinhardt: Es ist so einfach. Man nehme Mehl, Wasser, Salz und Hefe, knete das, lasse den Teig ruhen, knete ihn wieder, forme ihn zu Brötchen und schiebe diese in den Ofen.

ZEIT: Das war’s?

Reinhardt: Das Geheimnis liegt darin, keine Gärunterbrecher oder andere Zusätze zu benutzen. Es gibt so viele Tricks und moderne Maschinen, die mir im Lauf der Zeit angepriesen wurden. Ich habe mich nie für diese Trends interessiert.

ZEIT: Viele frühere DDR-Bürger beklagen, die Brötchen seien nicht mehr so fluffig wie früher.

Reinhardt: Weil die Leute Brötchen aus dem Supermarkt oder vom Industriebäcker kaufen. Ich weiß nicht, was meine Kollegen da dem Teig beimischen. Ich möchte nichts Verkehrtes sagen, aber ich kann nur raten: Kaufen Sie Ihr Brötchen bei einem ordentlichen, traditionellen Bäcker, Sie werden es nicht bereuen.

ZEIT: Kaufen Sie denn andere Dinge im Supermarkt ein?

Reinhardt: Selten. Ich kaufe bei den Leuten ein, die meine Kunden waren. Die Wurst vom Fleischer, die Früchte vom Obsthändler. Ich habe immer die Leute unterstützt, die mich unterstützt haben. Und außerdem: Das Persönliche geht im Supermarkt verloren. Da heißt ein Kunde nur Kunde. Ich kenne hier jeden beim Namen.