Marilyn wartet auf den 31. Oktober. An diesem Tag wird sie einmal keine Geldsorgen haben. Es ist der Tag, an dem sie ihre hand bekommt. Das ist die Ausschüttung ihres "Susu", einer Art Untergrundbank, bei der Marilyn Mitglied ist. Die 56-Jährige stammt aus Trinidad und arbeitet als Kinderfrau in New York. Ohne den Susu, sagt Marilyn, hätte sie wohl kein Dach über dem Kopf, weil sie ihre Miete nicht pünktlich bezahlen könnte.

Viele karibische Einwanderer in New York sind Mitglieder eines Susu. Ihren amerikanischen Nachbarn, Kollegen oder gar Arbeitgebern erzählen sie selten etwas darüber; bei der New Yorker Zentralbank, die für die Finanzaufsicht zuständig ist, hat man noch nie davon gehört. Weil Marilyn und viele Teilnehmer der Susus ohne gültige Papiere in New York leben, möchten sie nicht mit vollem Namen genannt werden. Auch, weil nicht klar ist, ob Susus wirklich legal sind. Dabei funktionieren sie besser als manche etablierte Bank und sind ein Lehrstück darüber, wie Vertrauen im Wirtschaftsleben Bürokratie ersetzt.

Ein Susu funktioniert wie ein privater Spar- und Kreditverein. Der Susu-Banker, fast immer ist es eine Frau, sammelt einmal in der Woche den Beitrag von den Mitgliedern ein. Die Summe wird dann einem der Mitglieder als hand ausgezahlt. Jede Woche erhält ein anderes Mitglied die hand – so lange, bis alle einmal dran waren. Dann kann eine neue Susu-Runde beginnen. Vereinbaren 20 Susu-Teilnehmer zum Beispiel eine hand von 2.000 Dollar, sammelt die Bankerin einmal in der Woche von jedem 100 Dollar ein. Meist vor oder nach dem Kirchgang, denn die meisten Teilnehmer sind auch in derselben Gemeinde.

Die Bankerinnen sind Respektspersonen

Susus gibt es zu Tausenden im New Yorker Stadtteil Brooklyn, in dem Marilyn lebt und arbeitet. Auch Jamaikaner, Haitianer, Einwanderer aus Grenada oder Guyana kennen das traditionelle Finanzsystem. Es funktioniert so zuverlässig, dass Ladenbesitzer ihre Rechnungen damit begleichen oder Firmengründer es als Startkapital nutzen. "Die Leute zahlen mit ihrem Susu-Geld für Hochzeiten, Beerdigungen, das Studium, Reisen, Möbel. Sie zahlen damit sogar ihren Hauskauf an", sagt Simone. Sie ist die Bankerin des Susu, zu dem Marilyn gehört. 22 Teilnehmer hat ihr Susu. Es sind Lehrer, Studenten, Trucker, selbst Bankangestellte, Menschen zwischen 25 und 65 Jahren.

Dass Simone Susu-Bankerin wurde, ist ungewöhnlich. Schließlich übernehmen meist ältere Respektspersonen diese Rolle, und sie ist erst Mitte 30. Sie arbeitet als Kinderfrau für zwei Familien, ein Baby am Vormittag, zwei Kleinkinder nachmittags und abends. Oft ist sie auch am Sonntag im Einsatz. Simone hat Anthropologie und Psychologie studiert. Aber eine Stelle bekommt sie nicht. Denn Simone ist zwar in New York aufgewachsen, doch nicht in den USA geboren. Deswegen fehlen ihr die US-Staatsbürgerschaft und eine offizielle Arbeitserlaubnis.

Ihre Rolle als Susu-Bankerin nimmt sie sehr ernst. Zinsen gibt es nicht, Simone behält bei einer Runde zwischen 20 und 40 Dollar für sich ein. Als Aufwandsentschädigung, denn Simone fragt bei ihren Mitgliedern nach, wer bei der aktuellen Runde dabei sein will und in welcher Höhe. Dann kassiert sie die Beiträge, mahnt säumige Zahler und bestimmt die Reihenfolge der Auszahlung. Sie ist verantwortlich dafür, dass alle rechtzeitig zahlen, und muss einspringen, wenn es nicht reicht. Deshalb zahlt Simone in der ersten Woche nicht aus, sondern hält diesen Betrag bis zur letzten Auszahlung als Reserve zurück. Dass ein Teilnehmer verspätet seinen Obolus leistet, kommt nicht so selten vor. Viele Teilnehmer haben schwankende Einkommen – oder können wegen unvorhergesehener Ausgaben nicht rechtzeitig den ganzen Betrag zusammenkratzen. Dennoch: "Wir machen das seit 2005, und noch nie ist ein Mitglied seinen Beitrag schuldig geblieben", sagt Simone stolz.

Vertrauen ersetzt Verträge, Gefühle ersetzen Belege

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 39 vom 24.09.2015.

Susus widersprechen vielen Grundsätzen, die sonst in Sachen Finanzen als unabdingbar gelten. Da ist erst einmal der Mangel an Schriftlichem. Abgesehen von einer Liste mit den Kontaktdaten der Teilnehmer, organisiert Simone ihren Susu ohne Papier. Keine Belege, keine Verträge. Das ist der Normalfall. "Susu funktioniert nur über Vertrauen", sagt Simone. Papier sei kein wirklicher Ersatz für Vertrauenswürdigkeit – das habe die Finanzkrise 2008 gezeigt. Trotz aller Kontrakte und schriftlichen Versicherungen hätten die Banker die Kunden abgezockt und betrogen. Und wenn es heißt, Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, schütteln Simone, Marilyn und die anderen Susu-Mitglieder nur den Kopf. Aus ihrer Sicht ist es genau umgekehrt. Wenn man seinen Freunden in Gelddingen nicht vertrauen kann – worin dann?