Eine Revolution hat gerade begonnen. Die Bildung wandelt sich so tiefgreifend wie zuvor nur durch den Buchdruck oder die Schulpflicht. Internet und Big Data verändern das Lernen radikal. Wie radikal, lässt sich in den USA, Asien und Südamerika heute schon beobachten: Es geht dabei um weit mehr, als Schulen und Universitäten mit Tablets oder Smartboards auszustatten. An der Onlinehochschule Coursera studieren 15 Millionen Menschen, fast sechsmal so viele wie an allen deutschen Hochschulen zusammen; die Nachhilfevideos der Khan Academy wurden rund eine halbe Milliarde Mal abgerufen, ihr Gründer Salman Khan wurde der erste Popstar des digitalen Lernens; letztes Jahr flossen fast zwei Milliarden Dollar in Education-Technology-Start-ups. Die digitale Bildungsrevolution stellt auf den Kopf, wie wir lehren und lernen: weg von exklusiven Angeboten für wenige in der westlichen Welt, hin zu globalen Massenprodukten; weg vom Einheitslernen nach striktem Lehrplan, hin zur individuellen Förderung für jeden; weg vom Renommee der Eliteinstitutionen, hin zu den tatsächlichen Kompetenzen des Einzelnen. Das ist ein Angriff auf das Bildungsbürgertum, auf alte Eliten und etablierte Netzwerke. Viele von ihnen reagieren mit Abwehr und Verunsicherung. Manche sprechen gar von einem digitalen Tsunami, der das Bildungsideal Wilhelm von Humboldts zerstöre.

Früher orientierten sich andere Länder an uns, heute werden wir abgehängt

Das Gegenteil ist der Fall. Humboldt hätte an der Digitalisierung Gefallen gefunden. Der große Reformer des 19. Jahrhunderts wollte "Bildung für alle" als Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben und schuf in Deutschland das allgemeine Schulwesen. Sein lange unerfülltes Ideal: Wer gut ist, kommt weiter, egal, wo er herkommt. Diese Demokratisierung wird jetzt möglich. Dank digitaler Hilfsmittel erhalten bisher Abgehängte Zugang zu günstiger und personalisierter Bildung, Können wird wichtiger als Herkunft oder Titel.

In Deutschland ist von alldem allerdings noch wenig zu spüren. Es fehlt das Gefühl der Dringlichkeit. Die Lehrer klagen über große und immer heterogenere Klassen, wissen wenig über den Lernfortschritt einzelner Schüler und wünschen sich mehr Raum für individuelle Förderung. Doch die Erkenntnis, dass digitales Lernen keine zusätzliche Belastung, sondern ein Teil der Lösung ist, hat sich noch nicht durchgesetzt. Deutsche Lehrer sind laut der internationalen Vergleichsstudie ICILS nicht nur schlechter ausgebildet im Umgang mit Computertechnologien, sondern auch deutlich medienskeptischer als ihre Kollegen in 19 Vergleichsländern. Dabei gibt es hierzulande kaum Erfahrungen mit dem Einsatz neuer Medien; in keinem der untersuchten Länder werden Computer seltener im Unterricht genutzt. Auch an den Hochschulen sieht es nicht besser aus. Mancherorts bedeutet digitale Innovation allenfalls, die überfüllte Einführungsvorlesung per Live-Streaming ins benachbarte Kino zu übertragen. Orientierten sich einst andere Länder an der deutschen Reformpädagogik, so ist unser Bildungssystem inzwischen in Gefahr, abgehängt zu werden.

Wer eine Reise durch die Welt der Bildung macht, merkt den deutschen Nachholbedarf an vier Stellen besonders deutlich – und sieht konkret, wie sich die Bildung revolutioniert.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 39 vom 24.09.2015.

Zugang für alle: Stanford im Silicon Valley gilt als eine der besten Universitäten der Welt. Wer hier studiert, der hat es geschafft. So innovativ das Umfeld der Hochschule in Kalifornien ist, so traditionell funktioniert die akademische Welt. Gelehrt und gelernt wird ganz klassisch in Hörsälen und in der Bibliothek. Doch die beiden Professoren Sebastian Thrun und Peter Norvig wagten 2011 Unerhörtes: Sie brachen mit der Exklusivität der Eliteuniversität und boten ihren Kurs "Einführung in die künstliche Intelligenz" nicht nur auf dem Campus, sondern auch im Internet an – kostenlos, als MOOC, als massive open online course. Mehr als 160.000 Menschen aus 190 Ländern schrieben sich ein. Sie alle hörten dieselben Vorlesungen, erhielten dieselben Übungsaufgaben und legten dieselben Prüfungen ab wie die Studenten auf dem Campus, nur eben online. Ein Computer korrigierte die Übungen, die Studenten diskutierten Fragen in Onlineforen. 23.000 Studierende bestanden die Abschlussprüfung und erhielten ein Zertifikat – mehr, als die beiden Professoren in ihrem Leben auf dem Campus je hätten erreichen können. Das eigentlich Revolutionäre dieses MOOC ist allerdings nicht, wie viele Teilnehmer es gab, sondern woher die besten kamen. Unter den 248 Studierenden mit Spitzennote war kein einziger aus Stanford. Deren Topstudent belegte im Abschlussexamen lediglich den 413. Platz. 412 Menschen, die eben nicht im exklusiven Stanford studierten, waren der sorgfältig ausgewählten vermeintlichen Elite überlegen. Zu den erfolgreichen Onlineabsolventen gehörte auch Khadija Niazi aus Lahore in Pakistan. Dass sie bei der Abschlussprüfung erst elf Jahre alt war, spielte keine Rolle. Sie brauchte nur einen Computer, schnelles Internet und viel Durchhaltevermögen. Für sie und viele andere war Spitzenbildung bisher unerreichbar. Nun verschaffen wenige Mausklicks Zutritt zum Wissen der Welt.

Der Algorithmus organisiert das Studium – und sichert den Erfolg

Personalisiertes Lernen: 80 Prozent der Schüler an der David-Boody-Schule im New Yorker Stadtteil Brooklyn bekommen ein free lunch, ein kostenloses Mittagessen; sie kommen aus einer sozial schwachen Familie, haben oft einen Migrationshintergrund und benötigen beim Lernen viel Unterstützung. Jeder hier brauchte eigentlich seinen auf ihn persönlich zugeschnittenen Unterricht. Seit vier Jahren bekommen alle Schüler genau das. New Classrooms heißt das Konzept, das auf digitalisierte Lerneinheiten statt Frontalunterricht setzt, um jeden bei seinem Wissensniveau abzuholen. In einem riesigen Raum, der sich über ein ganzes Stockwerk erstreckt, lernen etwa neunzig Schüler Mathe an wechselnden Stationen: Die einen schauen Videos, die anderen nutzen Lernsoftware, andere arbeiten in Gruppen oder sprechen mit dem Lehrer. Das Besondere ist allerdings nicht, wie vielfältig die Lernmethoden sind, sondern die automatisierte Personalisierung: Am Ende eines Tages legt jeder Schüler einen kurzen Onlinetest ab. So kann ein Zentralcomputer in Manhattan über Nacht errechnen, welcher Schüler noch nacharbeiten muss und welche Methode die beste dafür ist. Daraus entsteht ein individueller Lernplan für den nächsten Tag, den die Schüler morgens über große Monitore an den Wänden erfahren. Die Technik macht den Lehrer hier nicht überflüssig, sie verändert aber seine Rolle: vom Wissensvermittler zum Lernbegleiter. So bleibt ihm mehr Zeit für den Austausch mit den Schülern – mit beachtlichem Erfolg. Bevor an der David-Boody-Schule das Konzept New Classrooms Einzug hielt, lag die Leistung der Sechstklässler in Vergleichstests knapp unter dem Durchschnitt vergleichbarer Schulen. Heute lernen die Schüler von New Classrooms beinahe anderthalbmal so viel pro Jahr wie Schüler im nationalen Mittel.

Studienerfolg durch Big Data: Die Austin Peay State University, nordwestlich von Nashville, Tennessee, ist eine kleine Hochschule mit großen Ambitionen. Sie berät ihre zehntausend Studenten so ähnlich wie Amazon seine Buchkäufer: Aus dem Angebot Hunderter Vorlesungen und Seminare schlägt die Software Degree Compass jedem geeignete Kurse vor. Dazu vergleicht sie die bisher belegten Veranstaltungen und absolvierten Prüfungen mit den Leistungen früherer Studenten. Mit der Erfahrung aus mehr als 500.000 Datenpunkten empfiehlt das Programm dann die passendsten Kurse. Dabei berücksichtigt die Software natürlich die Studienordnung, aber auch, dass ein Student etwa dienstags nicht kann, weil er jobbt. Der größte Mehrwert des Degree Compass ist sein prognostisches Können: Die Software rechnet aus, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Studierender einen Kurs bestehen wird; sie kann sogar die Abschlussnote zielsicher vorhersagen. Tatsächlich bestehen 90 Prozent der Studenten, die den Empfehlungen des Programms folgen, ihre Prüfungen. Gerade für Jugendliche ohne akademisches Elternhaus, die bislang oft im System gescheitert sind, ist die Software wertvoll. Sie bietet Orientierung für Orientierungslose – der Algorithmus weist den Weg durch den Dschungel der Bildungsoptionen und mindert das Risiko des Studienabbruchs.