Computerspiele statt Zeugnisse: "Abschlussnoten sind wertlos bei der Personalauswahl. Wir haben festgestellt, dass sie rein gar nichts vorhersagen", sagt Laszlo Bock, Personalchef von Google. Big-Data-Analysen zeigten, dass weder der Abschluss an sich noch das Renommee einer Universität entscheidend für den späteren Karriereverlauf sind. Knack, ein Start-up aus dem Silicon Valley, versucht die Persönlichkeit eines Bewerbers stattdessen mit Computerspielen namens Dungeon Scrawl oder Wasabi Waiter zu erfassen. So lässt sich binnen 20 Minuten ermitteln, ob ein Bewerber für einen Job geeignet ist oder nicht. Als Wasabi Waiter kellnert er am Computer in einer Sushi-Bar. Die Gesichter seiner Gäste zeigen Trauer, Freude oder Zorn. Der Kellner soll jedem Gast das zu seinem Gemütszustand passende Sushi, erkennbar an Schildchen, servieren. Die Schwierigkeit: Die Zahl der Gäste wächst ebenso wie die Menge der Gefühle. Der Spieler muss darauf reagieren: Welche Gäste bedient er zuerst, wen lässt er warten? Damit findet das Programm heraus, wie der Bewerber sich in Entscheidungssituationen verhält – wann er zögert, ob er aus Fehlern lernt, welche Prioritäten er setzt. Das gibt Aufschluss über seine Persönlichkeit. Mittels Algorithmen lässt sich daraus sehr präzise auf seine beruflichen Erfolgsaussichten schließen. Dazu ermittelt die Knack-Software aus dem Stellenprofil und den Erfahrungen mit bisherigen Mitarbeitern, was man können muss, um in dem ausgeschriebenen Job zu reüssieren. Das gleicht die Software mit den Spieldaten des Bewerbers ab. Bringt jemand die wesentlichen Fähigkeiten für einen Job mit, bekommt er die Stelle – unabhängig davon, wo und wie er gelernt hat oder wen er kennt. Das Zeugnis einer anerkannten Uni oder eines bekannten Arbeitgebers ist kein Garant mehr für einen guten Job. Anders als menschliche Personalvermittler ist das Knack-Programm ein emotionsloser Beobachter. So eröffnen sich Chancen für diejenigen, die bislang wenige hatten. Es wächst aber auch die Unsicherheit. Für viele, die den klassischen Bildungsweg gegangen sind, wirft die Macht der Algorithmen alte Gewissheiten über den Haufen: Eine halbe Stunde Computerspielen wird plötzlich für die Karriere wichtiger als die bisherige Lebensleistung.

Bildung für alle über MOOCs, persönlich zugeschnittenes Lernen, Big Data für die Studienberatung und Computerspiele statt Zeugnissen bei der Jobbewerbung – das ist nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was um uns herum die Welt revolutioniert. Bildungs- und somit Lebenschancen entkoppeln sich von sozialer Herkunft und finanziellen Möglichkeiten: Humboldts Vision kann so globale Wirklichkeit werden.

Der durchleuchtete Student – mehr Orwell als Humboldt

Digitale Bildung birgt aber auch große Risiken: Der Lerner wird gläsern und hinterlässt unauslöschliche Spuren im Netz; seine Daten können missbraucht werden. Der durchleuchtete Mensch, über dessen Bildungsweg Computeralgorithmen entscheiden und der zum Objekt von Wahrscheinlichkeiten wird – das klingt mehr nach George Orwells Überwachungsstaat als nach Humboldts Bildungsideal. Damit wir die Daten beherrschen, statt von ihnen beherrscht zu werden, muss der rechtliche Rahmen für mehr Datensouveränität gesetzt werden. Denn für die digitale Revolution gibt es in der Bildung keinen Stoppknopf.

Damit sich auch in Deutschland ein "digitales Ökosystem" entwickeln kann und faire Teilhabe für alle keine Illusion bleibt, brauchen Bildungseinrichtungen Rechtssicherheit bei der Nutzung von Internet, digitalen Lernmaterialien und Geräten – statt bürokratischer Vorschriften. Deshalb sind Haftungsfragen zu klären, das Urheberrecht ist zu modernisieren, und Regulierungen wie hochschulische Kapazitäts- und Lehrverpflichtungsverordnungen sind auf ihren notwendigen Kern zu reduzieren. Konkret heißt das: Onlinelehre muss auf das Lehrdeputat anrechenbar sein – wenn ein Professor eine Onlinevorlesung gibt, sollte er weniger Präsenzlehre machen müssen. Statt Handyverboten benötigt Deutschland ein flächendeckendes WLAN für seine Schulen; das kostet einige Hundert Millionen Euro pro Jahr, ist aber eine geringe Investition, verglichen etwa mit dem milliardenschweren Ganztagsausbau. Auch eine digitale Qualifizierungsoffensive für Lehrkräfte ist nötig – es reicht nicht aus, wenn einzelne Lehrer eine Fortbildung machen; ganze Lehrerkollegien müssen hinzulernen.

Daneben braucht das deutsche Bildungssystem mehr Experimentierfreude. Hochschulen sollten MOOCs standardmäßig als normale Vorlesung anerkennen – was jetzt bei einer neuen Online-Uni für Flüchtlinge erprobt wird, muss für alle Studierenden die Regel sein. Die führenden technischen Universitäten in Deutschland, zusammengeschlossen in den TU9, könnten ein digitales Ingenieurstudium "made in Germany" global positionieren und sich so gegen die Übermacht der amerikanischen Angebote stemmen. Und auch Staat und Wirtschaft sind in der Pflicht: Initiativen oder Wettbewerbe für frei zugängliche Lernmaterialien setzen ebenso wichtige Impulse wie spezielle Förderprogramme oder Wagniskapitalfonds für Gründer im Bildungsbereich. Damit all das gelingt, muss die Politik die Digitalisierung als Chance für das deutsche Bildungssystem begreifen: Der digitale Wandel ist kein Problem, sondern Teil der Lösung für mehr Chancengerechtigkeit.

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