Es ist noch nicht viel Zeit vergangen, seit zum letzten Mal durch eine Massenwanderung über eine große deutsche Zukunftsfrage entschieden wurde. Vor 25 Jahren, nach der Öffnung der Mauer, verhandelten die Regierungen Ost- und Westdeutschlands über eine gemeinsame Währung. Während die Gespräche über Umtauschkurse noch liefen, verließen immer mehr Menschen die DDR. Allein in den ersten zwei Monaten nach der Maueröffnung zogen 300.000 Menschen um. Wenn die D-Mark nicht in den Osten komme, komme man eben zu ihr, hieß es damals. So ging plötzlich alles schnell. Die Abstimmung mit den Füßen zählte mehr als alle anderen Argumente.

Heute kommt die Armut nach Deutschland: in Zügen, Lastwagen oder zu Fuß. Wenn nur jeder dritte Flüchtling im erwerbsfähigen Alter innerhalb eines Jahres einen Job fände, wäre das schon viel, heißt es im Arbeitsministerium. Im Umkehrschluss bedeutet das: Die Arbeitslosenzahlen werden steigen, wenn erst einmal mehr Asylbewerber anerkannt sind. Daran ändern auch Bildung, Abschlüsse und Ehrgeiz vieler Flüchtlinge nichts. Verteilungskonflikte um Wohnungen, Schülerbetreuung und Gesundheitsangebote sind daher absehbar – auch wenn kein Politiker das bisher öffentlich sagt. Wirtschaftsvertreter und Liberale fordern Ausnahmen vom Mindestlohn. Ein geplantes Gesetz gegen Dumpinglöhne durch Werkverträge kommt später, weil das Arbeitsministerium sich mit der Flüchtlingskrise beschäftigen muss.

Man wolle sich jetzt besonders um die sozial Schwachen kümmern, die schon in Deutschland leben, hat SPD-Chef Sigmar Gabriel am Wochenende gesagt. Sie sollen nicht den Eindruck haben, sie würden abgehängt. Die Linke in Berlin hält sich bisher auffällig zurück bei Appellen zur Solidarität mit Flüchtlingen. Auch der frisch gewählte Chef der britischen Labour-Partei Jeremy Corbyn will sich bislang nicht mit liberaler Flüchtlingspolitik von seinen Vorgängern abheben.

Es ist nicht überraschend, dass Teile der Gewerkschaften, die konservative Hälfte der SPD und der Linken oft mit Einwanderung hadern. Das nicht nur daher, dass ihre Wähler und Mitglieder häufiger in der Nähe von Flüchtlingsheimen leben und ihre Kinder eher Schulen mit hohem Ausländeranteil besuchen. Nein, diese Volks- und Arbeitnehmervertreter fühlen sich auch oft für jene Langzeitarbeitslosen, Alten und Berufsrückkehrerinnen zuständig, die sich bisher von der guten Konjunktur und vom Fachkräftemangel Chancen auf dem Arbeitsmarkt versprachen. Andererseits können Parteien, die internationale Solidarität fordern und in alten Liedern besingen, nicht kneifen, wenn immer mehr Notleidende aus anderen Ländern ebendiese Solidarität in Deutschland erwarten. Sollen Politiker sich zuerst um diejenigen kümmern, die besonders dringend Hilfe brauchen – oder um diejenigen, die wählen dürfen? Dieses moralische Dilemma lässt sich nicht auflösen. Aber fünf Maßnahmen könnten helfen:

1. Migration ökonomisch denken

Teddybären am Münchner Hauptbahnhof, rassistische Hetzer in Heidenau: Wie fremdenfeindlich oder hilfsbereit ist die Mehrheit der Deutschen wirklich? Oliver Decker sagt, ökonomische Aspekte würden bei der Suche nach Antworten meistens unterschätzt. Decker ist Professor für Psychologie an der Universität Leipzig und Co-Autor der bundesweit größten Untersuchung zu rechtsradikalen Einstellungen. Seinen Forschungsergebnissen zufolge schauen die Deutschen heute nicht generell freundlicher, sondern anders auf Flüchtlinge als während der Asyldebatte vor zwanzig Jahren. Qualifizierte, integrationsbereite Flüchtlinge seien willkommen, es habe sich herumgesprochen, dass ein alterndes Land, dem Fachkräfte fehlen, von ihnen profitieren könne, sagt der Forscher. Gegenüber allen anderen Flüchtlingen indes seien die Vorbehalte größer als früher. Dabei spielt es interessanterweise kaum eine Rolle, ob der Interviewte sich persönlich sorgt, Job oder Wohnung zu verlieren. Entscheidend sind nur gesamtwirtschaftliche Folgen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 39 vom 24.09.2015.

Wer Sozial- und Verteilungspolitik für Einwanderungsnationen machen will, könnte damit beginnen, diese Geisteshaltung zur Kenntnis zu nehmen. Das ist oft nicht der Fall, weil wir uns aus historischen Gründen besonders für Religion und Rassismus interessieren. Der Holocaust hat das Bewusstsein für alltäglichen Fremdenhass geschärft, Generationen von Soziologen und Meinungsforschern haben seine Auswüchse dokumentiert. Und die Islam-Debatten nach den Anschlägen vom 11. September 2001 haben dazu geführt, dass Integrationspolitik stark auf religiöse Themen ausgerichtet wurde. Das war oft gut, manchmal aber auch eine Ursache für Missverständnisse.

Wir unterstellen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, obwohl Abstiegsängste und Sozialneid bessere Erklärungen sind. Für Ökonomen ist naheliegend, dass ausgerechnet Bürger scheinbar liberaler Länder wie Dänemark oder die Niederlande so anfällig für Rechtspopulismus sind. In Staaten mit viel Umverteilung gibt es schließlich mehr Anlässe für solche Ressentiments. Mit dem Umfang der garantierten Sozialleistungen wachsen die Vorbehalte gegenüber Fremden, die womöglich ohne eigene Leistung profitieren. Umgekehrt fällt es den Vereinigten Staaten leichter, Zuwanderer ins Land zu lassen, weil neue Staatsbürger weniger Ansprüche an den Staat reklamieren können.