Den einen Afghanen, den man für diese Geschichte überhaupt treffen könnte, kann man leider nicht treffen. "Das Medieninteresse ist zu groß", sagt der Pressesprecher von Siemens. Man kann sich auf eine Liste setzen lassen, bis irgendwann das Telefon klingelt und man an der Reihe ist. Dass das Interesse an diesem Afghanen so groß ist, hat einen Grund: Er ist der einzige unter den dieses Jahr in Deutschland angekommenen Flüchtlingen, der bei einem Dax-30-Konzern ein Praktikum macht.

Der Index umfasst die 30 größten Konzerne, sofern sie Aktiengesellschaften sind und ihre Anteilsscheine an der Börse gehandelt werden. Sie gehören zur Spitze der Wirtschaft, und viele ihrer Chefs haben sich in letzter Zeit mit der Ankündigung zitieren lassen, jungen Flüchtlingen helfen zu wollen. Nicht mit Sachspenden, sondern mit Arbeit und Weiterbildung: Sprachkursen, Praktika, Ausbildungsplätzen. Erst am vergangenen Sonntag sagte etwa Dieter Zetsche, Vorstandsvorsitzender von Daimler, bei der ZEIT Matinee in den Hamburger Kammerspielen: "Wir können etwas Tolles schaffen, sowohl für Deutschland als auch für die Menschen, die bei uns Hilfe suchen." Seit Jahren schrumpfe die Bevölkerungszahl, das Thema also sei eine klassische Win-win-Situation: Wir brauchen Arbeitskräfte, Flüchtlinge brauchen Arbeit.

Die ZEIT hat deswegen bei allen Dax-30-Unternehmen nachgefragt: Was passiert ganz konkret in den Unternehmen, um junge Flüchtlinge zu beschäftigen? Und was ist geplant? Unter den Antworten waren viele Ankündigungen, gute Ideen, ambitionierte Vorhaben, ein paar Ausreden – und ganz konkret: ein Praktikant bei Siemens.

Und das, obwohl erstens der Zustrom von Flüchtlingen seit vielen Monaten nicht abreißt und zweitens die Unternehmen seit Jahren über den Fachkräftemangel klagen. Schon 2013 kamen knappe 130.000 Flüchtlinge, 2014 waren es gute 200.000. Und für 2015 wurde die anfängliche Prognose von 450.000 mittlerweile auf 800.000 korrigiert.

Unter ihnen sind viele motivierte, überwiegend junge Menschen. Bei allem Lob für das geplante Engagement deutscher Unternehmen stellt sich die Frage: Wieso bemühen sich die Konzerne erst jetzt, ihren Teil beizutragen und junge Flüchtlinge kurzfristig und umkompliziert zu integrieren?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 39 vom 24.09.2015.

Ruft man in den Unternehmen an, bekommt man zwei Erklärungen – eine offizielle und eine inoffizielle. Die offizielle hat mit dem komplizierten deutschen Ausländerrecht zu tun und hört sich bei fast allen so an wie bei Siemens. Zum Ausbildungsstart im September habe man beispielsweise schon mehrere Iraner in Ausbildung genommen, die seit zwei Jahren hier sind, sagt Unternehmenssprecher Michael Friedrich. "Sobald der rechtliche Status der Flüchtlinge geklärt ist, können wir da loslegen. Vorher aber eben nicht."

Das Problem liege, und das hört man aus allen Unternehmen, in den komplizierten rechtlichen Bestimmungen, insbesondere der sogenannten Vorrangprüfung. Danach wird erst geprüft, ob es einen anderen Bewerber gibt, der für den Job infrage käme. Vorrang haben alle Deutschen, EU-Bürger und die Einwohner mehrerer anderer Länder, etwa der Schweiz. Ob einer dieser Kandidaten den Job überhaupt will, spielt keine Rolle. Es genügt, dass es jemanden gibt: Die Genehmigung wird dem Flüchtling dann versagt. Erst nach 15 Monaten Aufenthalt entfällt die Vorrangprüfung.