Miodrag nennt es eine Notunterkunft, und so sieht es hier auch aus. Sachte klopft er an, ehe er die Tür öffnet zu einem kleinen Raum voller Menschen. Sie liegen auf dem Boden, von dem nichts mehr zu sehen ist, Mensch an Mensch döst hier unter bunten Decken, die Luft warm und verbraucht. So haben sie die Nacht verbracht im Gemeindehaus des Michels: 40 Roma aus Serbien, Mazedonien, Bosnien und dem Kosovo, die lieber auf dem nackten Boden schlafen, als zurück in ihre Heimat zu gehen.

"Die Kirche ist jetzt unsere Mutter und unser Vater", sagt Miodrag an diesem Dienstagmorgen. "Sie ist alles, was wir haben. Wir sind jetzt in der Hand von Gott."

Es war ihre fünfte Nacht am Michel, und wie viele noch folgen werden, kann niemand sagen. Freiwillige Helfer bringen Brot zum Frühstück, gebrauchte Kleidung und Luftmatratzen, für die nur noch eine Pumpe fehlt. Wie er seine Herberge findet? "Schlecht", sagt Miodrag. Er lebt hier mit seiner Frau und seinen vier Kindern. "Aber wir kämpfen", sagt der 50-jährige Mann aus Serbien, "wir müssen hierbleiben." Dann geht er zur Dusche nebenan, die die Gemeinde von acht bis neun Uhr morgens öffnet. Und noch einmal für zwei Stunden am Abend.

Am Donnerstag der vorausgegangenen Woche standen die Roma plötzlich im Michel und erklärten, die Kirche zu besetzen. Die Hälfte von ihnen sind Kinder, ihre Eltern hatten Abschiebungspapiere dabei, mit Terminen in den nächsten Tagen. Bald schon rückten die Reporter an, eine Besetzung des Hamburger Wahrzeichens erzeugt besondere Aufmerksamkeit. Das war einkalkuliert von der Gruppe Vereinigte Roma Hamburg und den linken Aktivisten, die sie unterstützen.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 39 vom 24.09.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Seither ist das Gemeindehaus eine Notunterkunft – und die Seelsorger werden zu Diplomaten mit einer unlösbaren Mission. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass Asylbewerber vom Balkan in Hamburg bleiben dürfen, ist verschwindend gering. Mehr als 99 Prozent ihrer Anträge auf Asyl werden abgelehnt. Serbien, Mazedonien und Bosnien gelten als sichere Herkunftsstaaten, was Abschiebungen erleichtert.

"Die juristische Sicht scheint wirklich klar zu sein", sagte Michel-Hauptpastor Alexander Röder schon vor den Gesprächen mit der Innenbehörde. "Wir können diesen Menschen hier nur den Ort geben, wo sie ein bisschen zur Ruhe kommen können." Ein Wunder aber können die Kirchenvertreter nicht bewirken.

So endeten die ersten Gespräche zwischen Pröbstin Ulrike Murmann und dem zuständigen Staatsrat der Innenbehörde am Montagabend auch ergebnislos. Man habe sich nur "sehr allgemein über die Situation ausgetauscht", sagte ein Behördensprecher.

Nach dem Frühstück gehen die Roma hinüber in den Michel. Und warten. Was sie den ganzen Tag tun? "Wir zünden Kerzen an und beten", sagt Miodrag. In seinem Dorf in Serbien hätten die Mitschüler seine Söhne blutig geschlagen und ihre Schulbücher zerrissen. In der Bäckerei habe man sie als Zigeuner beschimpft und ihnen nur zwei Tage altes Brot verkauft. "Wenn ich zurückgehe, werde ich gleich verhaftet", sagt Miodrag. Da harrt er lieber auf dem Boden und auf Kirchenbänken aus.

Die 40 Überraschungsgäste stürzen die Michel-Gemeinde in ein kaum lösbares Dilemma: Fortjagen kann sie die Roma nicht. Ordentlich beherbergen auch nicht. Und ihre Hoffnungen auf ein Bleiberecht erfüllen – schon gar nicht. Auf Dauer sei die Situation untragbar, räumt Hauptpastor Röder ein. "Beide Seiten sind überfordert."