In einem überfüllten Flüchtlingslager in Darmstadt verteilen Mitarbeiter seit drei Wochen Handzettel mit dem Hinweis, dass es hierzulande verboten sei, Frauen gegen ihren Willen anzufassen. Auf dem Berliner Olympiagelände werden Flüchtlinge getrennt, in einer Halle sind Familien, Frauen und Kinder, in der anderen allein reisende Männer. Es handelt sich dabei um vorbeugende Maßnahmen. Weist der Deutsche Frauenrat doch alarmiert auf die besonders prekäre Lage für Mädchen und alleinstehende Frauen unter den Flüchtlingen hin. Die größten Integrationsprobleme, warnen Verbände, drohten von jungen männlichen alleinstehenden Asylbewerbern. Ihrer müsse man sich besonders annehmen.

Und gerade von ihnen gibt es besonders viele. Ob Syrer oder Afghanen, Eritreer, Nigerianer oder Albaner – die meisten Asylbewerber, etwa sechzig bis siebzig Prozent, sind laut dem Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen männlich und zwischen 18 und 30 Jahre alt. 80 Prozent – und damit insgesamt einige Hunderttausend in Deutschland – sind Muslime, und es handelt sich dabei um sunnitisch-arabische, nicht um türkische Muslime.

Meist sind es junge Männer, die das Wagnis einer beschwerlichen Flucht auf sich nehmen. Und bisweilen umgehen sie dabei Ordnung und Gesetz, etwa, indem sie auf der Flucht Grenzzäune stürzen oder sich weigern, ihren Fingerabdruck abzugeben. Zehntausende sollen sich bereits in Deutschland ihrer amtlichen Registrierung entzogen haben. Niemand weiß, wo sie stecken.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 39 vom 24.09.2015.

Meist sind es junge Männer, die in Flüchtlingsheimen wie etwa in Suhl eine Schlägerei anzetteln. Oder, wie neulich zwischen München und Berlin, einen Zug per Notbremsung stoppen und herausspringen, weil sie sich nicht verteilen lassen, sondern selber bestimmen wollen, wo sie leben werden.

Gerade auf jungen Männern aber lasten die gewaltigen Erwartungen ganzer Familien, die hoffen, dass sie so schnell wie möglich einen Job finden, Geld schicken und Verwandte nachholen. Der Druck auf diese jungen Männer ist enorm. Man muss sich nur einmal vergegenwärtigen, was es für einen selber bedeuten würde, monatelang in einer Flüchtlingsunterkunft untätig warten zu müssen. Nur Syrer dürfen meist schon nach drei Monaten eine Arbeit aufnehmen – und selbst dann müssen sie noch Hürden überwinden.