Wahrscheinlich ist die Oper, das ganze Theaterwesen, diese irre Mühsal und Anstrengung von vielen für viele, nie etwas anderes gewesen als ein Trotzdem, ein Appell zum Weiterleben. Gegen alle Verletzungen, die einem die Welt zumutet, alles Scheitern, alle Wunden, sichtbare wie unsichtbare, gegen Flüchtlingsströme, Naturkatastrophen, Krieg, Zerstörung, Hunger, Gewalt. Trotzdem weiterleben und singen, mal ekstatisch, ja geradezu hysterisch, mal einfach nur sirenenhaft schön. Oder wenigstens sprechen, schlimme Wörter sagen, Wörter wie "Kriegstreiberei, verkackte" oder "hinterfotzige Landminenscheiße". Auch "Mama Massaker" klingt irgendwie wehrhaft und gut, zumindest wenn Josef Ostendorf es skandiert, dieses sanfte Riesengebirge von einem Kerl, dem man stundenlang zuhören könnte, ganz gleich, ob er singt oder spricht oder schweigt, einfach weil es immer die Wahrheit ist.

In Michael Wertmüllers und Dea Lohers Weine nicht, singe – der ersten Uraufführung an der Hamburgischen Staatsoper unter neuer Leitung – leben alle irgendwie trotzdem weiter. Zeno lebt, der Alte im Rollstuhl mit den drei Granatsplittern im Kopf, den Ostendorf wie den Großinquisitor aus Verdis Don Carlos spielt, nur völlig unpathetisch, als würde er den Text und die Noten seiner Rolle lediglich memorieren. Zenos Sohn Ron lebt. Er und seine Frau Altai hüten ein finsteres Geheimnis. Namenlose Brüder, Cousins, Freunde leben weiter, obwohl man ihnen Arme und Beine weggeschossen hat in einem Krieg, der über Nacht immer neue Grenzen zieht und aus Freunden Feinde macht. Sogar Aki lebt, der so lange weg war, verschluckt von ebenjener Grenze, und der plötzlich wieder auftaucht. Aki, der an allem schuld ist und doch nichts dafürkann. Eine Geschichte, wie sie überall spielen könnte: in Israel und Palästina, aber auch in Syrien, Afghanistan oder Nigeria. Und auch in Europa, mitten unter uns. Grenzwälle und -zäune werden ja gerade genug errichtet.

Eine solche Geschichte will konventionell erzählt werden, damit man ihre Unausweichlichkeit begreift, und wenn es auf der Opernbühne aus der Mode gekommen sein sollte, Geschichten konventionell zu erzählen und die Regie von Jette Steckel genau dies tut, dann reibt man sich zunächst die Augen und Ohren: Darf hier denn wirklich alles so deutlich sein, so unmissverständlich? Die Zuschauer mittendrin, das schwarze Granulat auf dem Boden (Asche? verbrannte Erde?), der stroboskopische Strahlenkranz an der drückend niedrigen Raumdecke, der sinnbildlich eine Granate nach der anderen abfeuert, dazu die Kostüme mit ihren seltsamen Kartoffeldrucktarnmustern und die Partitur inklusive Dea Lohers fabelhaftem, offenem Text, zum Mitlesen an die Wand projiziert: In diesem Bunker, in dieser Bunkermentalität haben wir es uns alle miteinander gemütlich gemacht, so gemütlich es eben geht. Es gibt zu essen und zu trinken, und Familie gibt es auch.

Nur Oona, Rons Schwester, wollte dieses Leben nicht weiterleben und stürzte sich, kaum dass Aki, ihr Aki, verschwunden war, in den Tod. Starb ganz ohne Granatsplitter und zerfetzte Gliedmaßen, wählte, was in Zeiten wie diesen fast frevelhaft klingt, den Liebes-, ja den Operntod. Und das als Mutter einer Tochter, Akis Tochter Mira, die, seit sie denken kann, nun glaubt, dass Altai und Ron ihre Eltern sind. Natürlich geht die Sache am Ende böse aus, geradezu tragödisch, antikisch böse. Die Wahrheit ist eben selten dienlich.

Dieser Plot ist auch schon das ganze Stück, und man könnte vor allem Michael Wertmüller, dem Schweizer Komponisten, vorwerfen, mit seiner Musik kaum mehr oder andere Empfindungen zu wecken als die, die einen beim Betrachten der allabendlichen Nachrichten befallen. So hochkomplex und dicht seine Musik gestrickt ist, vor allem im Rhythmischen, im (von Bernd Alois Zimmermann inspirierten) Übereinanderschichten unterschiedlicher Zeitmaße, so altmodisch, ja nostalgisch kommt sie daher: Sie redet viel, fast zu viel und fast ausschließlich in Sprechblasen, sie hat eine unbändige Lust am Erklären, Nachfassen und doppelten Unterstreichen, und wenn sie wie in Zenos grandiosem Monolog einmal schweigt ("Ich weine nicht mehr, ich singe nur noch, dies ist mein Gesang"), dann schweigt sie tönend, ja dröhnend. Kommt es im Stück auf die alten Zeiten noch ohne Krieg und Grenzen, dann wird auf rührend-rührselige Weise geswingt und gerappt, und kommt es auf die Gegenwart, dann blinken einem (Palästina? Syrien?) arabisch-exotische Farbtupfer entgegen.