Zwei Monate lang diskutierten wir über das Schweigen der Professoren. Am Ende der Debatte hätten wir da ein paar Fragen – an die Unis.

Neuer Kalter Krieg, Europa in der Krise, Flüchtlingsdrama – warum äußern sich dazu so wenige Professoren in der Öffentlichkeit? Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen eröffnete diese Debatte in der ZEIT Nr. 31. Alle Texte unter: www.zeit.de/professoren


Die diskursive Mangelwirtschaft

Es gibt eine merkwürdige Parallele zwischen dem Automarkt der DDR und dem intellektuellen Diskurs im Jahr 2015. Damals wollten die Menschen Trabis kaufen, sie hatten sogar Geld dafür, doch sie mussten warten und warten und warten.

Das nannte man Mangelwirtschaft, realsozialistische.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 39 vom 24.09.2015.

Heute, spätestens seit auf die Dauerfinanzkrise die Daueralleskrise folgte, ersehnen viele Menschen Deutung und Durchblick. Beides könnte besonders von Hochschullehrern kommen, sie könnten einordnen und kritisieren, aufrütteln und beruhigen, auf blinde Flecken hinweisen und Themen setzen. Doch in den öffentlichen Debatten melden sich ausgerechnet die Professoren kaum zu Wort. Sie schweigen und schweigen und schweigen.

Das nennt man Mangelwirtschaft, diskursive.

Diese Form der Mangelwirtschaft ist problematisch für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Wenn Krisen zur Dauerkrise verschmelzen, wenn Ambivalenzen unerträglich werden, wenn alle sprechen und senden, brauchen wir die klügsten Köpfe im öffentlichen Diskurs. Wir brauchen Welterklärer und Weltdeuter, die nüchternen Experten genauso wie die wagemutigen Generalisten. Sie sind oft stumm.

Die Hochschulen muss das beunruhigen. Weil sie nicht nur Teil, sondern Herz der Gesellschaft sind. Weil sie nicht nur den wissenschaftlichen Nachwuchs bilden, sondern längst einen großen Teil des gesamten Nachwuchses ausbilden, 2,7 Millionen Studenten. Sebastian Turners Diktum stimmt: Professor ist der drittwichtigste Beruf der Republik, nach Erzieher und Lehrer.

"Wo seid ihr, Professoren?", haben wir die vergangenen acht Wochen gefragt, Hochschullehrer antworteten, die Resonanz war enorm. Eine solche Debatte kann nicht zu Ende gehen. Doch da die Antworten der Professoren genauso viel über die Menschen sagten wie über ihre Institutionen, kann man die nächste Frage stellen: Was tut ihr, Hochschulen?

Fünf Themenvorschläge:

1. Das Paradox der Unsicherheit in der Sicherheit: Das Schweigen der Professoren ist umso erstaunlicher, als sie nichts zu befürchten haben – sie sind Beamte; kommodes Gehalt, ihre Freiheit zusätzlich durch das Grundgesetz geschützt; kein Chef kann ihnen sagen, was sie zu forschen oder zu veröffentlichen haben. Eigentlich könnten Professoren leichten Mutes mehr Chuzpe haben. Doch warum haben sie die nicht? Diese paradoxe Unsicherheit in der Sicherheit sollten Hochschulen ergründen: Wo ist das Klima vergiftet, was läuft falsch in der Führungskultur, in den Anreizsystemen?

2. Der zu lange Marsch durch die Institutionen: Viele Forscher haben ihre kreativste Zeit mit Mitte 30. Doch in dieser Zeit stecken die meisten in unsicheren Stellen fest; viele spielen mit dem Gedanken, aus der Wissenschaft auszusteigen (das zeigen Zwischenergebnisse der großen Crowdsourcing-Aktion von ZEIT und ZEIT ONLINE, bei der man noch unter www.zeit.de/doktoranden mitmachen kann). Und wer schließlich doch zum Ziel, der Professur, kommt, ist im Schnitt 41 Jahre alt. Der lange Marsch durch die Institution Hochschule ist ein Marathon. Das Problem ist seit Jahrzehnten bekannt, doch geändert hat sich, von beeindruckenden Ausnahmen abgesehen, wenig. Wann endlich schaffen es die Hochschulen, Wissenschaftler mit Mitte 30 nicht mehr als hoffnungsfrohen Nachwuchs aufzufassen, sondern als vollwertige Köpfe?

3. Die Bachelorisierung des Professorenberufs: Die Aufgaben eines Professors haben sich in den letzten Jahrzehnten massiv gewandelt. Früher war er erstens Forscher, zweitens Lehrer; heute soll er Forscher, Lehrer, Administrator, akademischer Selbstverwalter, Antragschreiber, Gutachter, Kommunikator und vieles mehr sein. Diese Verdichtung ähnelt der, die Studenten bei Einführung des Bachelors erlebt haben, sie mussten mehr Arbeit in weniger Zeit leisten. Strukturen, Zielvorgaben und Praxisbezug sind gut, eine Überfrachtung mit Aufgaben und Erwartungen ist es nicht. Differenzierte Rollen könnten hier helfen; die einen Professoren könnten mehr forschen, die anderen mehr lehren, die anderen sich stärker um Konzepte und Verwaltung kümmern. Keiner ist besser als die anderen, nur anders. Wann endlich gibt es an den Hochschulen den Mut, althergebrachte Personalkonzepte aufzubrechen?