Eines vorweg: Mit dieser Aktie werden Sie nicht reich. Dass sie in den nächsten Jahren überhaupt eine Dividende abwirft, ist sehr unwahrscheinlich. Ziemlich sicher hingegen ist es, dass sie erst einmal an Wert verliert. Außerdem sollte man wissen, dass selbst der Vorstand dieser Aktiengesellschaft sagt: "Sie sollten das investierte Geld besser nicht dringend brauchen."

Und doch lohnt es sich, in sogenannte Regionalwert-Aktien zu investieren. Jedenfalls wenn man sich beim Einkaufen fragt, wie "bio" ein aus Chile eingeflogener Apfel eigentlich sein kann. Wenn man findet, dass Milch eher kürzer als "länger frisch" sein sollte und man den Hühnern, die das Frühstücksei legen, auch ein bisschen Auslauf gönnt.

Die Idee: Regionalwert-AGs geben regelmäßig Aktien aus, die jeder Bürger kaufen kann. Mit dem so eingesammelten Geld hilft die AG Kleinbetrieben in der Umgebung – vom Biobauern über die traditionelle Molkerei bis hin zum Hofladen oder Restaurant. Sie bekommen von der AG Unterstützung bei Buchhaltung oder rechtlichen Fragen, vor allem aber bekommen sie Geld. Die AG beteiligt sich langfristig als stiller Gesellschafter, damit Existenzgründer ihren Betrieb aufbauen und nach sozialen und ökologischen Kriterien führen können.

Arbeiten die Unternehmen irgendwann profitabel, fließen die Gewinnanteile wieder an die Regionalwert AG zurück – dann entscheiden die Aktionäre, ob sie das Geld als Dividende ausschütten oder aufs Neue investieren wollen. Allerdings dauert es oft viele Jahre, bis die Ökounternehmer das Geld, das sie in Traktoren, Stalldächer oder Milchtanks gesteckt haben, wieder einspielen. Die Rendite der Regionalwert-Aktie muss man deshalb weniger in Euro-Scheinen bemessen als darin, dass Kühe echtes Gras und einen Namen bekommen, Höfe einen Nachfolger und Menschen einen Ausbildungsplatz.

Man könnte das als ideelle Rendite bezeichnen. Christian Hiß nennt es lieber "richtig rechnen". 2006 hat er in Freiburg die erste Regionalwert AG Deutschlands gegründet. Die Idee kam ihm, als er seinen Biohof ausbauen wollte und keine Bank ihm einen Kredit gab. Nachhaltige Landwirtschaft? Kein Geschäftsmodell, so hieß es.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 39 vom 24.09.2015.

Hiß sieht das anders. Er will kein Moralapostel sein, aber man müsse "erweitert bilanzieren", also nicht nur nach den eigenen Einnahmen und Ausgaben fragen, sondern auch, wer dafür bezahlt, wenn Fleisch voller Antibiotika steckt und ganze Regionen veröden.

Heute hat seine Freiburger Regionalwert AG mehr als 600 Aktionäre. Knapp drei Millionen Euro haben sie in 20 Höfe, Weingüter und Ökomärkte gesteckt. Geld zurückbekommen haben sie bislang nicht. Trotzdem hat das Konzept so viele Anhänger gefunden, dass Hiß mittlerweile Lizenzen verteilt: Regionalwert-AGs gibt es in Bayern, Hamburg und Schleswig-Holstein. Rund um Köln, in Wien und in der Schweiz gründen sich weitere.