Studenten bei einer Jobbörse in Tokio im März 2015 © Chris McGrath/Getty Images

Es klang so, als gingen dem Mann langsam die Erklärungen aus. Neben den zurückhaltenden Käufern im Ausland und der schwachen Binnennachfrage sei auch das Wetter schuld, sagte Wirtschaftsminister Akira Amari. Hätte im zurückliegenden Frühjahr häufiger die Sonne geschienen, so wäre Japans Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal nicht geschrumpft. Dann würde die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt jetzt auch nicht auf eine neue Rezession zusteuern.

Wie konnte das passieren? Wo doch die japanische Regierung ihre berühmt gewordene Wirtschaftspolitik namens Abenomics betreibt, benannt nach Premierminister Shinzo Abe: eine Kombination aus üppigen Ausgabeprogrammen, einer sehr lockeren Geldpolitik und wachstumsorientierten Strukturreformen.

Die Regierung bewirbt sie seit Längerem als einzige Lösung für die ökonomischen Probleme des Landes. "Japan, wir holen es uns zurück!", hatte Abe vor drei Jahren im Wahlkampf getönt und damit versprochen, dass das Land wieder an alte Wachstumszeiten anknüpfen werde. Nun schwindet die Hoffnung.

Dabei fing alles so gut an. Mit absoluter Mehrheit stürmte Abe Ende 2012 das Amt geradezu, bald war er so mächtig wie schon lange kein Regierungschef mehr. Sechs Premierminister in sechs Jahren hatte die japanische Bürokratie zuvor verschlungen. Die Gründe für ihr jeweiliges Scheitern waren vielfältig, eines aber blieb gleich: Keiner von ihnen hatte es geschafft, die hohen Wirtschaftswachstumsraten der Vergangenheit wieder herbeizuführen.

Abe wollte es besser machen als seine Vorgänger. Und es gelang ihm vorzüglich, große Hoffnungen zu wecken. Seit den Reaganomics, das Schlagwort für die wirtschaftsliberalen Maßnahmen des US-Präsidenten Ronald Reagan in den achtziger Jahren, wurde keine Wirtschaftspolitik mehr nach einem Regierungschef benannt. Kurz nach der Wahl Abes im Frühjahr 2013 zeigte der britische Economist Abe im Superman-Kostüm auf der Titelseite. Jede große Zeitung analysierte die Erfolgschancen der Reformpolitik.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 39 vom 24.09.2015.

Bis 1990 hatte Japan einen über Jahrzehnte fast pausenlos währenden Boom erlebt. Dann platzte eine riesige Spekulationsblase, und seitdem ist die japanische Volkswirtschaft kaum noch gewachsen. Eine Vertrauenskrise setzte eine Deflationsspirale in Gang, die Haushalte und Betriebe dazu brachte, ihr Geld aus Vorsicht lieber zu horten, als es auszugeben. Die Wirtschaft stagnierte, und allmählich verloren die Japaner den Glauben an eine bessere Zukunft.

Dank der Abenomics schien das plötzlich wieder anders zu sein. Kaum war Abe im Amt, drängte er die offiziell unabhängige Zentralbank, deren Leitzins schon seit der Jahrtausendwende an der Nulllinie lag, zu noch mehr Käufen von Staatsanleihen, als sie sie ohnehin schon tätigte.

So wollte er Inflation und dadurch Wachstum erzwingen. Mittlerweile kauft die Notenbank jährlich Schuldpapiere für 80 Billionen Yen (das sind umgerechnet etwa 601 Milliarden Euro). Die Bilanzsumme hat sich damit auf die Hälfte der japanischen Wirtschaftsleistung aufgebläht – sie ist etwa doppelt so hoch wie jene der Bank of England, die ebenfalls aggressiv Staatsanleihen erwirbt.