Wie schnell man in den Miesen landet, das hätten Fabian und Jannik nicht gedacht. Sie verdienten ordentlich, konnten sich Smartphone, Reisen, Auto leisten, Fabian hatte ein WG-Zimmer gemietet, Jannik eine kleine Wohnung. Aber sie versuchten sich im Glücksspiel – und verloren. "Plötzlich hatten wir 700 Euro Schulden", sagt Fabian. Die Bank verlangte Zinsen. "Da kamen wir dann einfach nicht wieder raus."

Zum Glück für die beiden Gesamtschüler war die Schuldenfalle nur simuliert: Fit for finance heißt das Spiel, mit dem Wirtschaftsstudenten der Universität Münster Jugendliche wie den 15-jährigen Fabian und den 16-jährigen Jannik und ihre Mitschüler aus einer neunten Klasse der Drei-Burgen-Schule im hessischen Felsberg auf den Umgang mit Geld vorbereiten möchten. "In der Schule wird das Thema kaum behandelt, viele junge Leute haben Schulden", sagt Sebastian Artz, der Sprecher des Projekts. "Wir sehen da großen Aufklärungsbedarf."

Tatsächlich haben viele junge Menschen Geldprobleme. Über 30.000 Menschen im Alter von 18 bis 25 haben im vergangenen Jahr eine Schuldnerberatung aufgesucht. Im Schnitt, so das Statistische Bundesamt, hatten sie etwa 8.000 Euro Schulden. Allein die offene Mobilfunkrechnung belief sich bei vielen auf ein Mehrfaches ihrer Monatseinkünfte. Die Auskunftei Creditreform kommt in ihrem aktuellen Schuldneratlas zu dem Schluss, dass 1,75 Millionen Menschen unter 30 überschuldet sind – eine Quote von 15,4 Prozent. Das sind fast doppelt so viele wie noch im Jahr 2004. Bei den unter 20-Jährigen hat sich die Zahl sogar mehr als vervierfacht.

Brisant ist auch die Ursache dieser Notlage. Während Ältere meist durch eine gescheiterte Selbstständigkeit, Arbeitslosigkeit oder den Tod des Partners in die Überschuldung geraten, konsumieren junge Leute einfach zu viel. Sie shoppen ohne Rücksicht aufs Konto, schließen Verträge mit Fitnessstudios und Mobilfunkanbietern, bestellen Abos, geben in Computerspielen mehr Geld aus, als sie haben.

Auf solche Gefahren wollen die Studenten mit ihrem Spiel hinweisen. Drei Phasen durchlaufen die Spieler: Schule, Ausbildung und Beruf. In jeder Runde haben sie einen Etat, anfangs ein bescheidenes Taschengeld, später ein ordentliches Gehalt. Damit können sie Handys anschaffen, die Mitgliedschaft im Fitnessclub bezahlen oder eine Lederjacke kaufen. All das bringt Punkte – Schulden bedeuten Punktabzüge. Und wie in der Wirklichkeit ist auch im Spiel das Leben nicht ganz planbar: Ereigniskarten bringen Überraschungen, etwa Urlaubsgeld, Heizkosten-Nachzahlung oder eben Verlust beim Glücksspiel. Während des Spiels schauen die Teilnehmer Video-Tutorials, in denen Johannes Wimmer, ein junger Mann mit Hornbrille, erklärt, worauf man als Jugendlicher beim Thema Finanzen achten sollte. Das ist auch interessant für Eltern, die sich fragen, wie sie ihren Kindern den Umgang mit Geld beibringen können.

1. Die Vertragsfalle

"Nichts ist ärgerlicher, als wenn du verpennst, den Vertrag zu kündigen, und der sich automatisch um ein Jahr verlängert", warnt Wimmer in den Tutorials. Mobilfunkverträge sind oft verlockend, weil man beim Abschluss ein Gerät gratis erhält. Aber sie können teuer werden: Wer nicht rechtzeitig kündigt, muss gleich ein ganzes Jahr weiterzahlen. Auch Fitnessclubs locken mit günstigen Einstiegskonditionen, die Mitgliedschaft verlängert sich automatisch. "Am besten tragt ihr die Kündigungstermine sofort im Kalender ein", rät Wimmer. Manchmal gibt es für Schüler und Auszubildende besondere Verträge mit kürzerer Kündigungsfrist, nach solchen sollte man stets fragen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 39 vom 24.09.2015.

2. Das Schockrisiko

Wenn unvorhergesehene Ereignisse eintreten, sprechen Ökonomen gerne von Schocks. Solche Schocks bringen in der Drei-Burgen-Schule selbst die cleversten Spieler in die roten Zahlen. Jan etwa, der für jede Anschaffung sofort ausrechnet, welchen Nutzen sie ihm bringt, wie viele Punkte er also pro Euro Kaufpreis erhält. Er muss ein Darlehen aufnehmen, als plötzlich eine teure Reparatur seines Autos fällig wird. Einige der Ereigniskarten bringen auch erfreuliche Überraschungen, den Preis beim Forschungswettbewerb zum Beispiel, doch letztlich belohnen sie den Umsichtigen: Wer nicht immer auf Kante näht, sondern Rücklagen bildet, der muss nicht gleich das Konto überziehen, wenn es mal einen Strafzettel fürs zu schnelle Fahren gibt.

3. Das Minenfeld im Kleingedruckten

Das Smartphone für null Euro, All-inclusive-Reisen zu Schleuderpreisen: Für Jugendliche, die wenig Erfahrung im Umgang mit Geld haben, können solche Angebote verlockend sein. Aber: "Dir wird nichts geschenkt", warnt der Finanzexperte Wimmer, "das holt sich die Firma doppelt und dreifach zurück." Er rät den Schülern zur Lektüre des Kleingedruckten: Wie hoch sind die Folgekosten? Welche Leistungen sind wirklich inklusive? Bei Bedenken sollten sie sich Rat bei Eltern oder Verbraucherschützern holen und im Zweifel lieber die Finger vom Vertrag lassen.

4. Die Dispogefahr

Per Lastschrift zu bezahlen ist verlockend: Das Unternehmen bucht das Geld direkt vom Konto ab, man muss sich nicht um Rechnungen kümmern. Aber gerade junge Menschen können da den Überblick verlieren und ins Minus geraten, ohne es zu merken. Dispozinsen türmen sich oft zu Schuldenbergen auf. Wimmer empfiehlt den Schülern daher für den Anfang das Zahlen per Rechnung: Das hilft, die Ausgaben besser im Blick zu behalten. Und sollte mal eine hohe Handyrechnung kommen, kann man zur Not die Eltern anpumpen. Das führt zu klärenden Gesprächen und vermeidet Strafzinsen.

5. Der Werbenepp

Nicht immer sind Anbieter, die mit den günstigsten Preisen werben, am Ende die billigsten. Ein gutes Beispiel sind Fahrschulen. Für die meisten jungen Menschen ist die Fahrerlaubnis das erste große Sparziel, sie macht unabhängig, ermöglicht Nebenjobs und ist ein Statussymbol. Ihr Preis steigt allerdings mit der Zahl der Fahrstunden. Sind sie auch noch so billig: Wer viele benötigt, weil der Fahrlehrer schlecht ist, gibt am Ende vielleicht mehr aus als die üblichen 1.500 bis 2.000 Euro. Wimmer rät deswegen dazu, Preise und Leistungen der Fahrschulen zu vergleichen, sich über die Erfahrungen von Freunden zu informieren und eine Reserve einzukalkulieren, falls es doch mehr Stunden werden.

So simpel manche dieser Ratschläge aus Sicht von Erwachsenen scheinen mögen: Für viele Schüler sind sie überraschend, wie die Erfinder von Fit for finance beobachtet haben. Weil Schulden mit hohen Zinsen und Minuspunkten bestraft werden, lernen die meisten der Jugendlichen erstmals, vorsichtig vorzugehen: Sie sparen auf größere Investitionen hin und geben wenig aus. Mitunter können Schulden sinnvoll sein, und dieser Erwägung wird das Spiel gerecht. Wer einen Kredit aufnimmt, um ein Studium zu finanzieren, kann sich damit bessere Jobs ermöglichen – und später nicht nur Schulden zurückzahlen, sondern sich auch mehr leisten und das Spiel als Sieger beenden.