Der italienische Schriftsteller Umberto Eco ist tot. ©  Carmen Siguenza/dpa

DIE ZEIT: In Ihrem neuen Roman sagt Simei, der durchtriebene Chefredakteur der Zeitung Domani, Interviews mit Schriftstellern sind friedensstiftend, weil sie dem Leser den Verriss des Buches ersparen.

Umberto Eco: Ja, aber nicht nur das. Autoreninterviews sind Gratiswerbung, schließlich würde ein Autor nie schlecht über sein eigenes Buch reden. Ich weiß aus jahrzehntelanger Erfahrung, dass jede Zeitung sagt: Wenn Sie uns kein Interview geben, gibt’s von uns keine Rezension. Also macht man das Interview, und schon haben die Zeitungen keinen Grund mehr, eine Rezension zu bringen.

ZEIT: Für diese perfide Verkaufsstrategie kann man sich nur mit heimtückischen Fragen revanchieren: Wieso haben Sie wieder eine Parabel über Journalismus und Macht in der Berlusconi-Ära geschrieben? Das haben Sie doch in den letzten Jahrzehnten nun wirklich wiederholt getan!

Eco: Wiederholt ist das entscheidende Wort. Seit über dreißig Jahren verfasse ich Artikel und Essays über die Laster des Journalismus. Es hat also möglicherweise mit Faulheit zu tun, dass ich mich in meinem letzten Roman diesem vertrauten Thema widme.

ZEIT: Ist das Ihr Ernst: Nullnummer ist Ihr letzter Roman?

Eco: Aber ja, jetzt reicht’s, zumal ich mehrere große nicht narrative Projekte habe, denen ich mich voll und ganz widmen möchte. Ich habe mir gesagt: Wieso packe ich das Thema nicht in einen Roman? Die Idee zu Nullnummer hatte ich schon eine ganze Weile, seit Rizzoli in den siebziger, achtziger Jahren eine Zeitung namens Oggi – il quotidiano di domani ("Heute – die Zeitung von morgen") herausgeben wollte und an den Fassaden ihrer Verlagshäuser große Werbung dafür gemacht hat. Doch dann ist das Blatt nie erschienen. Die ersten Notizen hatte ich mir vor rund fünfzehn Jahren gemacht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 39 vom 24.09.2015.

ZEIT: Warum spielt Ihre Geschichte im Italien der neunziger Jahre?

Eco: Irgendwann reifte die Idee, die Geschichte 1992 anzusiedeln, und das nicht zuletzt aus dem pragmatischen Grund, dass ich mich mit den damaligen Autos besser auskenne, was mir bei der Beschreibung meines paranoiden Protagonisten, der nicht weiß, für welches Auto er sich entscheiden soll, sehr hilfreich war. Wenn ich mir einen neuen Wagen anschaffen muss, bin ich genauso, ich zermartere mir das Hirn mit tausend Fragen: Ist er groß genug, ist er schmal genug, komme ich gut rein und raus?

ZEIT: Das klingt ein bisschen nach Woody Allen, der sagt, sobald er neue Handtücher kaufen will, muss er erst einmal monatelang zum Psychoanalytiker.

Eco: Typisch Woody Allen! Ich weiß noch, wie er mir erzählte, er müsse ständig Klarinette üben – dabei spielt er miserabel. Er sagte, weil er auf Reisen meistens gezwungen sei, im Hotel zu üben, würde er es unter der Bettdecke tun, um die anderen Hotelgäste nicht zu stören.

ZEIT: Sind Sie und Allen befreundet?

Eco: Nicht direkt. Ich hatte seine ersten Bücher übersetzen lassen, deshalb sind wir uns ein paar Mal begegnet und zusammen essen gegangen. Aber kommen wir zum Thema zurück. 1992 interessierte mich aus zwei weiteren Gründen: Erstens musste ich die Geschichte nicht in der Ära des Internets ansiedeln, was die Sache grundlegend geändert hätte, und zweitens galt 1992 in Italien als das Jahr der großen Wende, in dem alles anders werden sollte, doch dann ist nichts passiert. Kritiker haben gesagt, ich würde von Berlusconi reden, und natürlich habe ich auch an Berlusconi gedacht, aber die Welt ist voll mit Typen wie dem Commendatore Vimercate (die Figur des bösen alten Finanziers im Hintergrund, Anm. d. Red.), man denke nur an Murdoch.

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ZEIT: In Italien lässt sich allerdings schwerlich an jemand anderen als an Berlusconi denken. Das hat auch in Italien für einige Ratlosigkeit gesorgt.

Eco: Das stimmt, aber ich wollte nicht, dass sich die Sache allzu sehr auf Berlusconi beschränkt. Auch weil Berlusconi zu der Zeit noch gar nicht richtig auf den Plan getreten war. Aber Sie haben etwas völlig Unzutreffendes gesagt: Mein Buch habe für große Ratlosigkeit gesorgt.

ZEIT: Für einige Ratlosigkeit.

Eco: Das war kaum der Fall: Die sogenannten seriösen Zeitungen haben sich über diesen Angriff auf den schlechten Journalismus gefreut. Die Zeitungen hingegen, die sich in meinem Buch wiedererkannten, reagierten, wie zu erwarten war. Die Episode mit den Essstäbchen beispielsweise ist mir wirklich passiert. Im Giornale (Die Tageszeitung gehört Paolo Berlusconi, dem Bruder des ehemaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, Anm. d. Red.) war einmal zu lesen, Professor Eco sei doch tatsächlich in einem chinesischen Restaurant gesehen worden, zusammen mit einem Unbekannten, der mit Stäbchen gegessen habe.