Eine Folge von El Niño sind Überschwemmungen, wie hier in Bolivien im Februar 2015. © Reuters

Das Christkind naht, jetzt schon. El niño ist Spanisch für "der Junge", gemeint ist das Jesuskind – und ein Wetterphänomen, das alle paar Jahre wieder die Menschen rund um den Pazifik peinigt. Es kehrt die Meeresströmung am Äquator um, bringt den Küsten Unwetter. Diese Heimsuchung heißt El Niño, weil sie um Weihnachten herum ihren Höhepunkt erreicht.

Das Unwetter-Christkind des Winters 2015/2016 sammelt gerade Kraft. Aktuelle Messungen zeigen, es wird wohl sehr stark werden. Weil ein El Niño kurzfristig die globale Erwärmung anheizt, sehen Meteorologen schon jetzt seinen Einfluss aufs Thermometer: Die Monate von Januar bis August brachten im globalen Durchschnitt neue Temperaturrekorde. Inzwischen gilt es als gut möglich, dass 2015 das wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen wird. Kurz gesagt: Dieses Christkind beschert uns eine Extraportion Klimawandel.

Wir erkennen des Wetters Werk und des Menschen Beitrag

Das verbindet den Unwetterwinter, der den Pazifikanliegern ins Haus steht, mit dem Weltklimagipfel, der zur Adventszeit in Paris stattfindet und dessen Vorveranstaltungen den Kalender füllen. Während dieses Gipfels könnte El Niño historische Wirkung entfalten.

Im November und Dezember müssen wir uns auf Schreckensbilder vom anderen Ende der Welt einstellen: auf obdachlose und hungernde Menschen, auf leere Fischernetze, Starkregen und Erdrutsche (an der Pazifikküste Südamerikas) genauso wie auf Missernten, Dürren und Waldbrände (in Indonesien oder Nordaustralien).

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 39 vom 24.09.2015.

Wir können uns dann nicht mehr sicher sein, da nur eine Laune der Natur zu erblicken. Eher schon des Wetters Werk und des Menschen Beitrag. Nicht nur weil der Treibhauseffekt generell extreme Wetterlagen nährt. Sondern auch weil neue Simulationen zeigen: Wenn wir Menschen das Gleichgewicht der Atmosphäre stören, indem wir immer weiter Energie hineinpumpen, dann verstärkt das auch den Effekt eines El Niño.

Das werden auch die Unterhändler von Paris wissen, sie alle, die mit der Hypothek vieler unrühmlicher Vorgängergipfel anreisen, und von deren Geschick so viel abhängt.

In Paris sollte man Erfolg oder Misserfolg daran messen, ob die Weltgemeinschaft sich auf einen weitgehenden Abschied von fossilen Brennstoffen einigen kann. Ohne eine solche "Dekarbonisierung" dürften alle anderen Klimaschutzmaßnahmen verpuffen. Sie muss jetzt her. Die Staaten müssen sie mit einem Termin versehen (bis Mitte des Jahrhunderts!). Sie müssen sich festlegen (auf Etappenziele und eine Nachweispflicht!). Dann, und nur dann, könnte es der Welt noch gelingen, ihren viel zu hohen Treibhausgasausstoß drastisch zu mindern.

Optimisten glauben nicht nur, diesmal könnte der Gipfel mit einer Einigung enden, die diesen Namen auch verdiene. Es lassen sich sogar triftige Gründe dafür aufzählen. Entsprechende Appelle werden wir bis Dezember in Dauerschleife hören. Just in dieser Woche beschwören Ban Ki Moon und Papst Franziskus vor der UN-Generalversammlung die Erhaltung der Schöpfung. Und es herrschte ja an der Notwendigkeit eines wirksamen Klimaschutzes niemals weniger Zweifel als gegenwärtig.

Doch just diese Gegenwart hält für die Menschheit mit ihrer begrenzten Aufmerksamkeitsspanne Wichtiges im Übermaß bereit. Bootsflüchtlinge, Terrorhorden, Krimrussen, Pleitegriechen, Börsenchinesen, und bald kommt auch noch die Amerikawahl. – In dieser Welt voller drohender Untergänge sollen sich die Menschheitsvertreter in Paris auf langfristige Maßnahmen einigen, um den Planeten für folgende Generationen zu bewahren?

Das klingt nach etwas, das man ja mal auf seinen Wunschzettel schreiben kann. Eigentlich. Aber vielleicht hilft diesmal just das Wetter nach. Wenn die Bilder vom Pazifik den Gipfel unterwandern, werden Experten und Staatschefs womöglich anders verhandeln, kompromissbereiter, vielleicht sogar einsichtiger. Klima ist die Statistik des Wetters, wir können es nicht fühlen. Wetterextreme hingegen können wir sehr wohl spüren, ja fürchten. Darum könnte El Niño genau im richtigen Moment eine Ahnung davon vermitteln, worüber in Paris abstrakt und statistisch verhandelt wird. Davon, was auf dem Spiel steht.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio