Ein Kleiner gegen die Großen! Gilles-Éric Séralini ist ein furchtloser Held, ein Edward Snowden der Wissenschaft. Das ist die Ansicht einer von der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) und der Juristenorganisation Ialana bestückten Jury: Der französische Molekularbiologe bekommt am 16. Oktober in Karlsruhe den Whistleblower-Preis 2015 umgehängt. Damit soll sein unerschrockener Kampf gegen die mächtige Gentechnik- und Agrarindustrie belohnt werden.

Nun sind VDW und Ialana von sicherlich guten Menschen mit besten Absichten bevölkert, was stets befürchten lässt, dass die Sache den schlechtesten Ausgang nimmt. So ist es geschehen. Denn Séralini ist in der Wissenschaft zu Recht und zur Gänze diskreditiert – nicht weil er verheimlichte Wahrheiten öffentlich machte, nicht als Whistleblower, sondern weil er als wissenschaftliche Pfeife auffiel. Was der Professor 2012 als Erkenntnis zur Krebsgefahr durch Genmais und das Herbizid Roundup ablieferte, war junk science – Datenmüll.

Séralini hatte in seiner Studie Ratten über zwei Jahre mit den verdächtigten Ingredienzien gefüttert: Die Tiere bekamen Genmais von Monsanto zu fressen, der gegen Roundup resistent ist. Angebaut mit oder ohne Roundup. Außerdem mischten die Forscher das Herbizid ins Trinkwasser einer dritten Tiergruppe. Das Ergebnis: Um das Zwei bis Dreifache sei die Tumorrate hochgeschnellt. Es gab mediale Aufregung.

Doch Séralini hatte in seiner Studie Fehlerquellen. Die verwendeten Ratten gehörten zu einem sehr krebsanfälligen Stamm, 70 bis über 80 Prozent der Tiere entwickeln in ihrem Leben ohnehin einen Tumor. Und der Forscher hätte für statistisch belastbare Aussagen in jeder der drei Versuchsgruppen mindestens 65 Tiere verwenden müssen. Tatsächlich benutzte er jeweils nur zehn Ratten. Pikant erscheint, dass Séralini ein gentechnik-kritisches Buch zeitgleich mit der ominösen Veröffentlichung auf den Markt brachte. Zudem soll er mit einer Firma zusammenarbeiten, die ein homöopathisches Mittel zur Roundup-Entgiftung vertreibt. 2013 zog das Fachblatt Food and Chemical Toxicology Séralinis Veröffentlichung gegen dessen Willen zurück.

Wieso wird dieser Mann nun mit dem Whistleblower-Preis geadelt? Ausgerechnet von einem Wissenschaftlerverband?

Kritiker der Gentechnik und ihre Lobby halten zu Séralini und stilisieren ihn zum Opfer einer Rufmordkampagne. Die Jury scheint ihnen auf den Leim gegangen zu sein. In der Begründung verweist sie auf eine Beurteilung der International Agency for Research on Cancer, die Roundup als "wahrscheinlich krebserregend" einstuft. Allerdings hat Séralini zu dieser – umstrittenen – Bewertung nichts Haltbares beigetragen.

Séralini ist kein Whistleblower, der wie Edward Snowden seine Existenz, gar sein Leben aufs Spiel setzt, um über Gefahren aufzuklären. Er ist ein Anti-Gentechnik-Aktivist, der einen Feldzug mit fragwürdigen Mitteln führt.