Nils

Die Studiengebühren am New Yorker Pratt Institute, wo Kunst und Design gelehrt werden, wären extrem hoch gewesen. Heute denke ich, dass das auch eine Ausrede war. Ich fragte mich nämlich auch: Traue ich mir das zu? Ein Studium in New York? Und ich war zu dieser Zeit sehr zufrieden mit meinem Leben in Hamburg. Also blieb ich, begann ein Bachelorstudium an der Hamburger Medienakademie und setzte noch einen Master in Medienkunst an der Bauhaus-Universität in Weimar darauf. Diesen April machte ich mich mit einer Kommilitonin selbstständig: Wir haben ein Büro in Hamburg-Altona, machen Grafiken, Illustrationen, Videoprojekte.

Kathrin

Meine Entscheidung für Jura war eine pragmatische. Nach dem Abitur jobbte ich, mit dem verdienten Geld ging es nach Südafrika, Namibia und Mosambik. Mein Ziel: den Kopf vom Lernen freibekommen und in andere Kulturen eintauchen. Klappte gut! Als ich mich dann aber online für ein Studium bewerben wollte, merkte ich: Ich komme zwei Wochen zu spät in Hamburg an, um im Sommersemester zu starten; bei den neuen Bachelorstudiengängen herrschte Anwesenheitspflicht. Und Bachelor, passte das überhaupt? Wo ich doch das Selbstentscheiden so schätze? Ich wollte mich im Studium nicht wie auf der Schulbank fühlen, mit festem Stundenplan. Also Jura, das endete mit Staatsexamen.

Anders als geplant, begann ich mein Studium in Hamburg. Nach der Reise hatte ich nicht mehr das dringende Bedürfnis, meine Heimatstadt zu verlassen. Im Gegenteil, das Gewohnte tat mir gut.

Ich gab mir ein halbes Jahr. Und bin bei Jura geblieben. Bereut habe ich es nie, Jura war und ist genau mein Fach. Es ließ mir viel Raum: Ich jobbte bei einem Radiosender, denn auch mit einem Jurastudium kann man schließlich später als Journalistin arbeiten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 40 vom 01.10.2015.

Ich merkte, dass es noch mehr gibt, das ich kann, das mir Spaß macht. Ich absolvierte Praktika im Bundestag, beim Jugoslawien-Tribunal in Den Haag, bei den Grünen in der Hamburgischen Bürgerschaft, in einer Kanzlei. Als Juristin stehen einem viele Türen offen. Anfangs sah ich mich eher in einer Institution wie den Vereinten Nationen. Gegen Studienende begeisterte mich mehr das reine Recht. Jetzt will ich als Anwältin arbeiten, am liebsten auf dem Energiesektor.

Vor vier Jahren schloss ich mein Studium mit dem ersten Staatsexamen ab, danach habe ich ein halbes Jahr für eine Anwaltskanzlei in Berlin gearbeitet. Mit dem Geld finanzierte ich meinen Master of Laws in Washington, D. C. Momentan bin ich im Referendariat, meine jetzige und gleichzeitig letzte Station ist die Deutsche Botschaft in Sarajewo.

Ich bin heute an einer ganz anderen Stelle, als ich es mir vor zehn Jahren erträumt habe. Man könnte deshalb sagen: Meine Träume haben sich nicht erfüllt. Ich sehe es anders. Wir selbst verändern uns. Jeder hat wohl mehr als eine Begabung. Dafür muss man aber einfach mal machen und Dinge ausprobieren.

Sebastian

Die Idee vom Recht auf Faulheit ist für mich ein schöner Gedanke, immer noch. Ich hatte diesen Gedanken während des Abi-Wahnsinns, weil ich dem Druck und der Aggression etwas entgegensetzen wollte. Die meisten meiner Mitschüler blickten damals nicht mehr nach rechts und links. Die waren im Tunnel. Es gab nur noch sie selbst: ihre Noten, ihre Karriere. Mir ging es aber auch um anderes. Wie geht es den Menschen neben mir? Wie geht es mir selbst? Was passiert politisch in unserem Land und auf der Welt? Wo kann, wo muss ich mich engagieren? Faul in dem Sinn, dass ich nichts gemacht hätte, war ich also schon damals nicht. Ich setzte halt meine Prioritäten anders, klemmte mich nicht nur hinter den Schreibtisch.

Nach meinem Zivildienst studierte ich Soziale Arbeit in Hamburg. Mir ging und geht es darum, einen Beruf zu haben, den ich nicht auf dem Rücken anderer ausübe. Vielleicht klingt es pathetisch, aber ich will mich nicht an anderen bereichern. Durch mich soll niemand Schaden nehmen. Lieber möchte ich andere unterstützen. Innerhalb von drei Jahren machte ich meinen Bachelor und schloss ein Masterstudium an. Das brach ich aber ab – kurz vor dem Abschluss. Ich sah schlicht keinen Sinn mehr darin, es hatte keinen praktischen Bezug zu dem, was ich beruflich machen wollte und auch schon machte: Ich jobbte während meines Studiums parallel im sozialen Bereich. Also weg von der Hochschule. Mein erster Job war bei der Drogenhilfe. Inzwischen bin ich bei der Stadt Hamburg angestellt, als Amtsvormund. Ich bin der gesetzliche Vertreter für Kinder und Jugendliche, die ohne ihre Eltern leben.

Mein Leben heute könnte man fast schon als bürgerlich bezeichnen. Ich habe einen festen Job, bin seit diesem Jahr verheiratet und Vater einer Tochter. Ich weiß, was Verantwortung heißt. Der totale Spießer auf dem Papier! Aber wie wir dieses Leben nun genau leben und gestalten, entscheiden ja wir. An ein Recht auf Faulheit glaube ich immer noch. Es bedeutet heute für mich: auch mal aus der Mühle treten, sich von außen betrachten. Wenn ich mich dann frage, ob das, was mir gerade so einen Stress und Zeitdruck macht, wirklich so überwichtig ist, verliert es fast immer an Brisanz.