André Overdieck steht vor einem Rätsel. In der Technikzentrale des Schwimmbads ist es kühl, Neonröhren werfen ihr Licht auf ein Gewirr aus Rohren, Schläuchen, Kesseln und Kompressoren. Nur das Gurgeln aus den Leitungen ist zu hören, und Overdiecks Schritte hallen über den Betonboden. Er misst mit dem Zollstock die Abstände zwischen den Rohren, zur Decke, zur Wand. Mit einem roten Stift markiert er einige Stellen, murmelt Messwerte vor sich hin, kratzt sich am Kopf. Noch vor ein paar Minuten klang alles so einfach: "Die schneiden wir raus, da gehen wir rein, schneiden durch und machen die neu. Alles klar?" So hatte Oliver Barg, sein Ausbilder, die Aufgabe zusammengefasst und sich dann zu einer anderen Baustelle verabschiedet.

André Overdieck macht eine Ausbildung als Anlagemechaniker, die Gesellenprüfung steht kurz bevor. An diesem Donnerstag ist er im Kundendienst unterwegs, eine Rohrleitung soll erneuert werden. Ein Freibad in der Nähe von Trier wird auf die Sommersaison vorbereitet, eine Routineaufgabe. Doch André Overdieck ist kein gewöhnlicher Lehrling, bald wird er 30. Bis vor drei Jahren hat er Betriebswirtschaftslehre studiert. Nach dem Abitur fehlte dem gebürtigen Mannheimer eine Vorstellung von seiner beruflichen Zukunft, über eine Ausbildung im Handwerk dachte er nie nach. Auf Anraten seiner Mutter, die eine gut verdienende Tante als Hauptargument anführte, entschied sich Overdieck für ein Studium: "Ich habe mich überreden lassen und mich dafür beworben. BWL mit Nebenfach Soziologie. Totaler Quatsch, ich konnte nichts damit anfangen."

Mehr als eine halbe Million Menschen haben im vergangenen Jahr in Deutschland ein Studium begonnen. Ein Rekordwert. Doch wie viele von ihnen werden ihre Hochschulausbildung auch abschließen? Nach Angaben des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung brechen 28 Prozent aller Anfänger im Bachelor ihr Studium ohne Abschluss ab. Schätzungen beziffern die Zahl der Studienabbrecher auf 60.000 bis 100.000 pro Jahr. Die Universitäten verlässt jeder dritte, die Fachhochschulen jeder vierte Studienanfänger im Bachelor vorzeitig und ohne Zeugnis. Die häufigsten Gründe für den Abbruch sind nach einer Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zu hohe Anforderungen, Finanzierungsprobleme und die mangelnde Motivation der Studenten. Eine Ausbildung ist aus Sicht der Abiturienten offenbar keine Alternative: Im vergangenen Jahr schlossen so wenige Jugendliche einen Ausbildungsvertrag ab wie seit Anfang der 1990er Jahre nicht mehr. "20.000 Lehrstellen sind unbesetzt geblieben", klagt Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH). Nur rund zehn Prozent aller Abiturienten entschieden sich für eine Handwerksausbildung, der ZDH-Präsident sieht die intensivierte Beratung von Gymnasiasten als Schlüssel zu mehr Auszubildenden – und weniger Studienabbrechern.

André Overdieck zieht den alten Schlauch aus der Dichtung, muffiges Wasser tropft auf den Boden. Er sägt ein Rohr zurecht. Mit beißend riechendem Kleber bepinselt er die Kunststoffteile und klebt das Rohr, wie es ihm der Meister demonstriert hat. "Auf dem Bau ist alles ganz anders", sagt Overdieck während er im Werkzeugkoffer kramt, "da gibt es kein Sie. Mit jedem ist man gleich per Du. Und wenn man Mist baut, hat man halt Mist gebaut. Eigentlich alles ganz locker."

So locker waren die fünf Semester BWL an der Trierer Universität nicht. Overdieck quälte sich, bestärkt von der Mutter, beeinflusst von den Kommilitonen. "Bei den ganzen Entscheidungen habe ich mich immer auf die anderen verlassen", sagt er. Seine Zweifel am Studium wuchsen, aber erst nach zweieinhalb Jahren zog er Konsequenzen. Kurz vor seinem ersten Termin beim Arbeitsamt eröffnete er seiner Freundin, die heute vor dem zweiten Staatsexamen in Jura steht, dass er sein Studium vorzeitig beenden wird. Sie reagierte verständnisvoll, seine Mutter war nicht begeistert: "Ich war der Einzige in der Familie mit Abitur. Meine Mutter hat gerne erzählt, dass ich studiere."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 40 vom 01.10.2015.

Ein immer größerer Teil eines Jahrgangs macht heute das Abitur, ein Hochschulstudium erscheint attraktiv wie nie. In Zeiten sinkender Schülerzahlen wird das zum Problem: "Die berufliche Ausbildung steht in zunehmendem Wettbewerb um Nachwuchskräfte mit den Hochschulen", so steht es im Berufsbildungsbericht 2015, den die Bundesministerinnen Johanna Wanka (Bildung) und Andrea Nahles (Arbeit und Soziales) im April vorgestellt haben. Die Bundesregierung fordert mehr Attraktivität von beruflicher Bildung und möchte noch mehr Studienabbrecher für eine Ausbildung gewinnen. "Die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung muss in den Köpfen ankommen", sagt Wanka.

Die Luft im Freibad riecht verbrannt, Funken sprühen durch den Raum, Overdieck sägt Metallhalterungen zurecht. Seine Fleecejacke hat er trotz des kalten Bodens abgelegt. Mittlerweile ist auch der Meister zurück. Er schaut sich den Fortschritt an und fragt knapp: "Alles klar?" – "Joa", kommt es zurück. Das Duo wirkt eingespielt, ihre Dialoge sind kurz. "Am Anfang war ich zu doof, um eine Bohrmaschine vom Akkuschrauber zu unterscheiden", erinnert sich der Azubi an die ersten Schritte bei der Trierer Sanitärfirma Steinbiss. In der zweiten Woche bohrt er ohne Schutzbrille, ein Metallsplitter landet in seinem Auge, aber er kommt mit dem Schrecken davon. "Auf dem Bau heißt es einfach: Mach mal! Da darf man nicht zimperlich sein."

Dass Overdieck heute kurz vor der Gesellenprüfung steht, verdankt er einem Mann, an dessen Namen er sich nicht erinnert. Auf dem Arbeitsamt erklärte der damalige Student seine Situation. "Ich hatte nicht einmal darüber nachgedacht, ob das Handwerk eine Option sein könnte." Mit verschiedenen Tests versuchte der Mann im Jobcenter, Overdiecks Veranlagungen besser einzuschätzen. "Am Anfang kam mir das alles komisch vor. Aber zum Schluss hat er mir verständlich erklärt, dass ich eher der Mann bin, der mit den Händen arbeitet", sagt Overdieck heute. Kurz darauf folgt ein Praktikum bei seinem jetzigen Arbeitgeber. "Ich war eine Woche lang mit dem Meister unterwegs und fand es richtig gut."

Nach der Mittagspause arbeiten Azubi und Ausbilder von den beiden Enden der neuen Leitung aufeinander zu, den Chlorgeruch nehmen sie längst nicht mehr wahr. "Mach den Mist da mal sauber", mahnt Oliver Barg von einer Leiter zur anderen, bevor Overdieck zwei weitere Plastikteile miteinander verleimt. Kurz darauf ist die Leitung fertig: Die graue Schlange nimmt auf zehn Meter Länge neun Kurven, windet sich über einen Schrank, duckt sich unter anderen Leitungen – sicher gehalten von Metallstreben. Zufrieden zieht Barg an seiner Zigarette, während sein Azubi die Aufräumarbeiten erledigt. "Wir brauchen mehr von der Sorte", sagt der Ausbilder. Im vergangenen Jahr habe sein Betrieb nur einen tauglichen Azubi gefunden.

Von immer weniger Schulabgängern würden sich immer weniger für eine Handwerksausbildung entscheiden, da sie gar nicht wüssten, welche Möglichkeiten sie hätten, ist ZDH-Präsident Wollseifer überzeugt. Es geht ihm aber nicht nur um Gymnasiasten. Wie von Ministerin Wanka gefordert, wirbt das Handwerk mit Möglichkeiten zur Verkürzung der Ausbildungsdauer, der Weiterbildung zum Meister und guten Aufstiegschancen um unzufriedene Studenten. "Studienaussteiger" heißen sie im Jargon des Handwerkerverbandes. Zahlreiche Kooperationen mit Hochschulen und Arbeitsagenturen wurden geschlossen, eine Auswertung der Bemühungen um die Aussteiger steht noch aus.

André Overdieck gefällt vor allem die Abwechslung im Berufsleben. "Ich lerne jeden Tag Neues und wende es direkt an." An den Arbeitsbeginn um 7.30 Uhr in der Frühe und Berufsschulunterricht mit Teenagern hat er sich rasch gewöhnt. Leicht war der Wechsel trotzdem nicht: "Die meisten meiner Freunde studieren und wissen nicht, was ein Anlagenmechaniker macht. Sie denken bei Heizung an einen Toilettenmann." Doch die Zweifel sind überwunden: "Das macht mir keine Kopfschmerzen mehr", sagt Overdieck. "Ich bin stolz, weil ich zu einer Allzweckwaffe im Handwerk ausgebildet werde." In fünf Jahren möchte er als Meister selbst jungen Menschen seinen Beruf nahebringen. Vielleicht ja auch dem einen oder anderen Studienabbrecher. Seine Gesellenprüfung hat er Anfang September bestanden. Mit Auszeichnung.