DIE ZEIT: Mr. Gilmour, seit Ihrem letzten Album sind neun Jahre vergangen. Warum eigentlich?

David Gilmour: Ich bin leider total undiszipliniert. In den vergangenen Jahren bin ich nur noch sporadisch ins Studio gegangen. Aber mit der Zeit, wenn sich das Material sammelt, nimmt der Druck zu, und dann wählt man eine Deadline, zu der eine Platte fertig sein soll. Sobald man ein Album ankündigt, beginnt ja der Stress, denn zu der Platte gehören Konzerte, die lange vorher gebucht werden müssen. Man muss also einiges in Stein meißeln und wird gezwungen sich zusammenzureißen, um fertig zu werden. Platten kann man locker verschieben, aber Konzerte nicht. Trotzdem: Wenn man lange sehr erfolgreich war, sind Deadlines natürlich eine dehnbare Angelegenheit. Das ist einer der Gründe für die lange Pause.

ZEIT: Wird das Schreiben von Musik mit den Jahrzehnten eher leichter oder komplizierter?

Gilmour: Ich habe neuerdings immer mein iPhone dabei. Wenn mir jetzt eine Idee für eine Melodie kommt, während ich vielleicht im Stau stehe, kann ich sie in mein Telefon summen, das ich als musikalisches Notizbuch nutze. Das macht es möglich, jede noch so kleine Idee, die mir durch den Kopf rauscht, festzuhalten. Das war früher nicht im Ansatz so möglich. In den siebziger Jahren gab es keine Aufnahmegeräte, die man locker dabeihaben konnte. Alles war groß und schwer und nicht zu transportieren. Viele Ideen für Songs, die mir damals unterwegs kamen, hatte ich schnell wieder vergessen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 40 vom 01.10.2015.

ZEIT: Sie hätten doch ganz altmodisch und analog ein paar Noten niederschreiben können?

Gilmour: Leider nicht. Ich kann kaum Noten schreiben, und mit dem Lesen ist es auch nicht viel besser. Es reichte jedenfalls vorne und hinten nicht, um die Magie einer kleinen Idee für eine Melodie festzuhalten. Ich habe es probiert, solche Melodieabfolgen später zu notieren: Note für Note, so wie ich es im Kopf hatte. Harte Arbeit und sehr frustrierend, denn wenn ich dann versuchte, meine Notizen nachzuspielen, klang es kläglich. Wenn ich aber eine Audioaufnahme von der Idee höre, kann ich das viel besser nachvollziehen. Mir hat diese Technik das Schreiben von Musik jedenfalls enorm erleichtert. Das schöne alte Ideal von der Kammer, in der man einsam mit seiner Gitarre sitzt, vor sich hin schrubbt und auf Inspiration wartet, ist Vergangenheit. Denn meistens passiert da ewig nichts. Dann geht man vielleicht eine Runde spazieren, und – schwupp – kommt die Idee. Da hilft ein Smartphone!

ZEIT: Können Ihre Kinder Noten lesen?

Gilmour: Ja, das haben sie in der Schule gelernt und sind mir da weit voraus.

ZEIT: Ihr Sohn Gabriel spielt Klavier auf der neuen Platte. Freiwillig?

Gilmour: Ich bezahlte ihm den Satz, den bei mir jeder Session-Musiker bekommt, damit er auf einem Stück Klavier spielt. Gabriel hasst es, auf Anweisung Musik zu machen. Jahrelang hatte er Unterricht und flehte uns an, dass er aufhören darf, weil er keine Lust dazu hatte. Wir strichen also den Unterricht, und drei Monate später hörten wir, wie er allein spielte, und zwar wirklich komplexe Melodien. Ein störrischer Geist.

ZEIT: Vielleicht war es seine einzige Chance, gegen einen Rockstar-Vater zu rebellieren?

Gilmour: Er rebellierte nicht gegen mich! Er rebellierte allein gegen die Zumutung, Musiktheorie lernen zu müssen. Keines unserer Kinder hat musikalische Ambitionen. Der eine liebt die Schauspielerei, einen zieht es zur Wissenschaft, und einer ist Journalist.

ZEIT: Findet man Pink-Floyd-Platten bei Ihnen im Hause?

Gilmour: Oh Gott, nein. Vielleicht auf einigen iPods. Wenn die Familie zusammensitzt, machen wir manchmal Musik-Mixe für die Küche, jeder hat da ein Vetorecht, wenn er etwas überhaupt nicht hören möchte. Aber unsere Kinder haben noch nie etwas von den alten Sachen, die wir immer vorschlagen, verhindert, sie schlagen allerdings auch nur alte Sachen vor. Sie mögen Leonard Cohen, Ray Davies und Neil Young – was toll ist, aber neulich sagte ich mal: Warum konfrontiert ihr uns nicht mit der Musik eurer Generation, mit etwas Jungem? Aber da kommt nichts: kein Dubstep, kein Techno – nichts! So herrscht bei uns daheim eine große musikalische Retro-Harmonie.

ZEIT: Mr. Gilmour, Sie gehören zu den vermögendsten Musikern der Branche. Die Generation Ihrer Kinder zahlt nicht mehr für Musik. Würde es Sie stören, wenn ich mir Ihre neue Platte illegal aus dem Netz runtergeladen hätte?

Gilmour: Absolut. Ich habe ja hart dafür gearbeitet. Und, ja, ich bin erfolgreich und finanziell ganz gut aufgestellt. Ich brauche kein Geld mehr. Aber das Prinzip, dass etwas geklaut wird, gefällt mir trotzdem nicht. Vor allem für Nachwuchsmusiker ist das eine Katastrophe. Wovon sollen die leben, wenn keiner mehr für ihre Musik zahlt? Was bleibt denen? Fernsehshows wie X Factor? Bitte nicht!