Im Jahr 1928 kommt es in Russland zu einer unerhörten Begebenheit. Die Filmgesellschaft Moszroprom plant einen Film über Pogrome, bei denen ein Gouverneur namens Muratow fürchterliche Gräueltaten begangen hatte. Kurz vor Drehbeginn wird der Darsteller des Muratow, ein renommierter Schauspieler aus Moskau, entlassen, weil eine Naturbegabung aufgetaucht ist, ein unbekannter Mime, der den Muratow noch viel besser spielt. Seine Darstellung ist nicht zu überbieten. Einziges Problem: Der geniale Laienschauspieler ist, wie sich herausstellt, Muratow selbst. Er hat sich aus schierer Geldnot in die Verfilmung seines eigenen Lebens geschlichen.

Bert Brecht liest von diesem Vorfall und ist fasziniert. Er schreibt die Geschichte so um, dass sie noch gespenstischer wird: Auch in seiner Erzählung Die Bestie bewirbt sich der verarmte Muratow inkognito für die Rolle des Muratow – er möchte sein Leben retten, indem er es spielt. Aber er hat keine Chance gegen einen renommierten Großschauspieler, der ihn an die Wand spielt und ihm zeigt, wie man eine Bestie darzustellen hat. Muratow wird, entlohnt mit einem wurmstichigen Apfel, aus dem Studio gejagt.

Der Film, der nun, am 8. Oktober, in die Kinos kommt, speist sich aus beiden Varianten dieser Geschichte – der echten und der von Brecht. Beide kommen zur Deckung in Er ist wieder da. Im Mittelpunkt steht: die allergrößte Bestie. 70 Jahre nach seinem vermeintlichen Ende erwacht Adolf Hitler unversehrt im Berlin des Jahres 2014 – und greift erneut nach der Macht. Es ist der echte Tyrann, der sich, begleitet vom allgemeinen Wohlwollen, wieder unters Volk mischt – aber unter der irrigen öffentlichen Annahme, er sei nur ein Witzbold, ein Borderline-Comedian, der ansatzlos die tollsten "Führer"-Reden halten kann.

Bei Brecht wird der wahre Verbrecher durch einen Schauspieler ausgestochen. In dem Film Er ist wieder da hingegen wird der Verbrecher gerade dadurch wieder mächtig, dass er sich als reiner Darsteller, ja als Parodist des Täters missverstehen lässt. So steigt er in seiner neuen Branche, dem Entertainment, rasch nach oben, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis seine Popularität es ihm erlaubt, fugenlos in die Politik zu wechseln.

Der Film beruht auf Timur Vermes’ hypererfolgreichem, in 38 Sprachen übersetztem deutschen Roman gleichen Titels. Im Buch ist Hitler der grimmige Icherzähler, der uns in seine Pläne einweiht. Der Text lebt von der Verheißung, man befinde sich in Hitlers Kopf, denke in seiner Sprache, sehe mit seinen Augen, spreche mit seiner Stimme. So erklärt sich auch der Erfolg, den der Schauspieler Christoph Maria Herbst mit seinem Er ist wieder da- Hörbuch und seinen Hitler-Lesungen hat.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 40 vom 01.10.2015.

Im Film ist Hitler nun eine Figur unter anderen, und dass er "echt" sei, kann nur seine Umgebung beglaubigen: durch den freudigen Schreck in den Gesichtern derer, die ihn erkennen, als sei er ihr natürlicher, lange verschollener, endlich zurückgekehrter Vorgesetzter. An der Offenheit, mit der sie den vermeintlichen Parodisten begrüßen, erkennt man, wie sehr ihnen das Original fehlt.

Hitler seinerseits tritt auf wie ein Revisor, der feststellt, dass das Land verkommen ist, das er 70 Jahre lang nicht besucht hat. Aus der Leserfrage "Was würde ich tun, wenn ich in seinem Kopf säße?" wird so im Kino die Frage: "Was würde ich tun, wenn ich ihm (oder einem wie ihm) gegenübersäße?" Der Film gibt keine optimistische Antwort. Er endet damit, dass ein grimmig entschlossener Hitler im offenen Wagen durch eine mutmaßlich rechte Demonstration fährt – zum nächtlichen Horizont. Das wirkt, als wollte der Regisseur David Wnendt nicht sagen, "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch", sondern eher schon: "So richtig fruchtbar ist der Schoß erst jetzt!" Der "Führer" ist jedenfalls zuversichtlich: Die Nachfahren derer, die ihn einst gewählt haben, würden ihn wohl wieder wählen. Sie sind die eigentlichen Wiedergänger in dieser Geschichte. Und so ist Er ist wieder da die Komödie eines Landes, das sich seiner selbst nicht sicher ist.

Der Darsteller Hitlers ist der Schauspieler Oliver Masucci, ein Mann, der mit dem Intendanten Matthias Hartmann einst von Bochum über Zürich nach Wien zog; dort ist er heute Ensemblemitglied des Burgtheaters. Ein wuchtiger Spieler, den man auf der Bühne oft in der Rolle des lustig-gewaltbereiten, mutwilligen Mannes sieht: ein Brecher vom Typ Hans Albers oder Curd Jürgens eher als ein hinfälliger Wiedergänger. Diese Besetzung suggeriert: Hitler hat seinen Untergang gestärkt hinter sich gebracht; die Auszeit tat ihm gut. War’s nur ein Burnout, der überstanden werden musste? Masuccis Hitler ist jedenfalls der coolste Typ in diesem Film – unter lauter Mitläufern der einzige Unbestechliche. Er lügt nicht, schleimt nicht, taktiert nicht. Er sagt, wenn auch mit anderen Worten: Nicht ich verstelle mich, sondern ihr anderen tut es immerzu – auch das Gesindel an den Fernsehgeräten und im Kinosaal. Das ist der Trick des Regisseurs, mit dem er die Last der Schuld ans Publikum delegiert: Wir lassen den Mörder wieder davonkommen, indem wir, beeindruckt von seiner Selbstgewissheit, am Wegrand Spalier stehen. Was Hitler in seinem früheren Leben tat, ist für diesen Film auf frappierende Weise ohne Belang. Er kommt gut davon: als der dunkle Zauberer, der uns entblößt. Der Glanz, den er in dieser Komödie besitzt, ist der Preis, den der Regisseur dafür zahlen muss, unsere Gegenwart zu entlarven. Allerdings wirkt dieser Glanz über David Wnendts didaktische Absicht hinaus: Für manche Zuschauer könnte er das Entscheidende sein – also das, was sie aus dem Film mitnehmen.

Integrität beweisen ansonsten nur ein paar Besitzlose am Straßenrand, die Hitler, dem im Wagen Vorbeifahrenden, grimmig den Mittelfinger zeigen. Alle anderen werden in seiner Nähe zu Untergebenen – man ahnt, dass sie, erniedrigungsbereit, den uralten Grüßreflex in sich spüren, wenn er vor ihnen steht.