Syrische Ärzte versorgen einen Verwundeten in einem Krankenhaus in Damaskus. © Hassan Ammar/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Immer wieder wird in der Flüchtlingsdebatte das Beispiel der syrischen Ärzte genannt, die hierzulande problemlos einen Job fänden. Ist das wirklich so? Oder sind die beiden Medizinsysteme nicht doch sehr unterschiedlich? Vielleicht beginnen wir damit, dass Sie uns von Ihren Erfahrungen als Ärzte in Syrien erzählen.

Naji Alsebaie: Kurz nachdem ich 2010 im Nationalkrankenhaus von Homs meine Ausbildung zum Facharzt für Allgemeinchirurgie begann, gingen die Unruhen in Syrien los. Ich war die meiste Zeit in der Notaufnahme, wo wir alle Kriegsverletzten behandelt haben. Dass ein Anfänger wie ich in seinem ersten oder zweiten Jahr bereits bei großen Bauchoperationen mitarbeitet – das hatte ich mir nicht vorstellen können. Doch nach einiger Zeit wurde unser Krankenhaus angegriffen und beschädigt. In dieser Zeit habe ich Ola kennengelernt ...

Ola Alghawi: Ich bin von Beruf Zahnärztin. Ich habe mich auf Kiefer-Gesichts-Chirurgie spezialisiert.

ZEIT: Warum wollten Sie nach Deutschland?

Alsebaie: In Homs wurde es jeden Tag gefährlicher. 2012 sind wir gemeinsam noch an ein anderes Krankenhaus in Homs gewechselt. Aber auch dort wurde es immer schlimmer. Wir haben nichts mehr gelernt und konnten nichts mehr tun. In den vergangenen Jahren sind viele unserer Freunde hierher nach Deutschland gekommen. Von ihnen haben wir gehört, dass die medizinische Ausbildung hier sehr fortschrittlich ist.

Tawfeek Haddad: Aus dem eigenen Land wegzugehen ist eine sehr schwere Entscheidung. Vielleicht ist es für Dr. Alghawi und Dr. Alsebaie einfacher als für mich. Beide stehen noch am Anfang ihrer ärztlichen Laufbahn, sie können leichter reisen und woanders neu beginnen. Ich aber habe 17 Jahre in Aleppo gearbeitet und hatte dort einen guten Ruf. Ich bin Internist, hatte eine eigene Praxis und half bei Notfällen in anderen Krankenhäusern. Die Entscheidung, die Stadt zu verlassen, ist mir sehr schwergefallen. Aber es wurde jedes Jahr schlimmer. In Aleppo gibt es keinen Strom mehr, kein Benzin ... Für meine Familie, meine Kinder gab es dort keine Zukunft mehr.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 40 vom 01.10.2015.

ZEIT: Was haben Sie erlebt?

Haddad: Vor allem besteht immer und überall die Gefahr, dass man getötet wird. Jeden Tag fallen Bomben. Jeden Tag kann man auf dem Weg zur Arbeit sterben.

ZEIT: Herr Kalil, Sie sind vor rund zwanzig Jahren aus dem Irak geflüchtet, haben inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft und eine eigene Praxis als Hausarzt in Hannover. Sie haben also das erreicht, wovon unsere syrischen Gäste vermutlich alle träumen. Was hat Sie damals bewogen wegzugehen?

Osama Kalil: Ich bin 1995 aus Bagdad weggegangen, als es dort unter Saddam zu gefährlich wurde. Ich habe in einer Klinik in der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde gearbeitet, und irgendwann hieß es: Wir sollten Männern, die den Kriegsdienst verweigerten, die Ohren abschneiden. Da wollte ich nicht mitmachen. Doch entweder man macht mit, oder man verschwindet.

ZEIT: Wie kamen Sie aus dem Land?

Kalil: Wir mussten unsere Pässe fälschen lassen. Denn meine Frau hat einen Master in Soziologie, und ich bin Arzt – und Akademiker durften den Irak nicht verlassen. Mit Bestechungsgeld haben wir andere Pässe bekommen. Bei mir stand "Händler" drauf, meine Frau wurde zur "Hausfrau". Damit konnten wir nach Jordanien ausreisen und von dort weiter.