DIE VORGESCHICHTE

Gespiegelte Flucht -  Der Fotojournalist Uwe Gerig floh im Jahr 1983 aus der DDR. Später machte er sich als "Mauerfotograf" einen Namen, indem er immer wieder die deutsch-deutsche Grenze abbildete. Heute lebt er als Verleger in Quedlinburg (Sachsen-Anhalt). Elisabeth Knoblauch hat Gerigs Geschichte dem in Köln lebenden Zenagabriel Tekle vorgelesen, dessen Flucht 2010 in Eritrea begann. Seine Kommentare haben wir in Gerigs Geschichte eingefügt.

Vor 32 Jahren habe ich mit meiner Frau die DDR verlassen. Uns ging es hinter der Mauer wirtschaftlich überdurchschnittlich gut. Wir lebten in der Penthousewohnung eines Hochhauses, fuhren keinen Trabant, sondern ein richtiges Auto, konnten die Wucherpreise in den Sonderläden Exquisit oder Delikat bezahlen, weil ich sehr gut verdiente, und wir reisten oft privat durch die anderen Ostblockländer. Weil ich als Reporter der einzigen Illustrierten, der NBI in Ost-Berlin, vom Staatssicherheitsdienst als besonders zuverlässig eingestuft war, durfte ich mit meiner Frau sogar zweimal nach Kuba fliegen, auch nach Vietnam und nach Jugoslawien. In diesen Ländern hätte es Absprungmöglichkeiten in den Westen gegeben, wir hatten sie aber jahrelang nicht genutzt, denn unsere minderjährige Tochter blieb stets als Pfand zurück.

Solche Leute gibt es bei uns in Eritrea auch. Sportler und Sänger, die in die ganze Welt reisen und den Anschein vermitteln sollen, Eritrea sei ein normales Land. Doch sie stehen unter enormem Druck, denn ihre Familienangehörigen bleiben im Land und sind Repressalien ausgesetzt, wenn die Leute nicht zurückkommen.

Derartige Reisen konnte man sich nur durch Anpassung verdienen, bezahlen musste man sie außerdem mit horrenden Summen, und in den Reisegruppen achteten stets hauptberuflich tätige Aufpasser auf parteikonformes Verhalten.

Bei der NBI, die als zentrales Bilderblatt der Partei direkt der Agitationskommission des Zentralkomitees unterstellt war, hatte ich die Aufgabe, alle Facetten des schönen sozialistischen Lebens zwischen Ostsee und Erzgebirge in Bild und Text vorzustellen. Jede Woche garnierte ich das Blatt mit Beiträgen über Hochseilartisten, Kleingärtner, Bimmelbahnen, Turmuhrmacher oder verdiente Sekundärrohstoffsammler.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 40 vom 01.10.2015.

Vor einiger Zeit war eine westliche Fernsehjournalistin unterwegs in Eritrea. Sie hat mit mehr als fünfzig Leuten gesprochen, alle erzählten ihr nur, wie gut es ihnen gehe.

Ich durchquerte die DDR von Süd nach Nord, von West nach Ost und sah, wie grau und verrottet das Land war, dass es überall an allem mangelte und wie missmutig sich die Werktätigen abmühten, ihre Arbeitspläne zu erfüllen und überzuerfüllen. Darüber stand kein Wort im Blatt, kein Bild von den verfallenden Innenstädten erschien. Wir färbten nur schön. Das geht, aber es geht nicht ein Leben lang.

"Es reicht. Wir sollten gehen!" Irgendwann im Sommer 1982 sagte meine Frau diesen Satz. Die Szene bleibt uns unvergesslich. Wir standen beide auf der Treppe unserer Erfurter Penthousewohnung, sie oben, ich unten. "Ja, es reicht wirklich", erwiderte ich.

Als ich mit 17 Jahren die Schule verließ, nach der 11. Klasse, kam ich zum Militär. Ein Leben wie im Arbeitslager. Du trägst Militärkleidung, lebst in einer Kaserne, aber du führst auch ganz andere Arbeiten aus. Ich zum Beispiel habe Reifen montiert, für eine Baufirma. Und dieser Militärdienst läuft unbefristet. Ich verdiente 500 Nafra im Monat, 30 Euro. Mir wurde klar: Die einzige Möglichkeit, dem Lager zu entkommen, ist, aus dem Land zu fliehen.