Import-Export ist ein großes Geschäft in der Billstraße in Rothenburgsort. © Philipp Reiss für DIE ZEIT

Eine rumpelige Piste aus Kopfsteinpflaster und aufgesprungenem Asphalt. Zu beiden Straßenseiten liegen alte Lagerschuppen, Werkhallen und Verwaltungsgebäude. Die Leuchtbuchstaben mit den deutschen Firmennamen sind längst erloschen. Die neuen Inhaber haben ihre bunten Schilder an die bröckeligen Backsteinfassaden geschraubt. "Import-Export", "Grosshandel" oder "International Shipping" steht darauf. Ein Stehimbiss am Straßenrand wirbt mit der Aufschrift "Deutsche Asia Küche". So deutsch wie die Asia-Küche ist die ganze Billstraße. Falls Hamburg tatsächlich ein Tor zur Welt ist, dann gehört die versteckte Gewerbemeile in Rothenburgsort auf jeden Fall dazu. Sie ist vor allem: ein Tor zu einer anderen Welt.

Am Straßenrand stehen afrikanische Männer, rauchen und tippen auf ihren Handys herum. Sie warten auf Arbeit. Arbeit für Menschen ohne Papiere, die in Deutschland eigentlich nicht arbeiten dürfen. Die Billstraße ist eine der Nischen in Hamburg, in denen das trotzdem geht. Hier kann man einen Blick erhaschen in die Hamburger Schattenwirtschaft. Hier kann man Flüchtlinge treffen, die Matratzen in Autos stopfen, bis die Arme schmerzen. Hier kann man erahnen, was es heißt, wenn junge Männer sagen, dass sie jede Arbeit annehmen würden, um jeden Preis – und zu jeder Bezahlung.

"Ich bin im April 2013 nach Hamburg gekommen", sagt Jacques (Namen der Arbeiter geändert), ein Mann aus Westafrika, der bis 2011 in Libyen arbeitete und dann vor dem Krieg floh. "Zwei Monate später habe ich hier die ersten Jobs gemacht."

Das Business boomt – alle paar Minuten donnert ein Lkw über das marode Pflaster, auf dem Weg zu den Wilhelmsburger Lagerhallen, wo Container gepackt werden für den Export in arabische und afrikanische Länder. Die Ware, mit denen sie beladen werden, gibt es hier in der Billstraße.

Jacques kennt sich aus in den Lagerhallen. Er weiß, wo er suchen muss, um seine Kunden zufriedenzustellen. Die Kunden findet er auf dem Parkplatz eines Gebrauchtwagenhändlers, der etwas versteckt hinter zwei Schuppen liegt. Dort trifft er Geschäftsleute aus Kamerun, die mit regulären Visa nach Hamburg kommen, um Autos zu kaufen und zu exportieren. Nicht irgendwelche Autos, sondern Toyota-Modelle.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 40 vom 01.10.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

"In Kamerun läuft nur Toyota", sagt Dominique, den Jacques vor zwei Jahren angelernt hat, um mit ihm an der Billstraße zu arbeiten. "Volkswagen kannst du nach Nigeria, Gabun oder an die Elfenbeinküste verkaufen, in Kamerun wirst du die schwer los. Keine Ersatzteile."

Jacques und Dominique sind Freunde. Beide sind Mitte 30, beide sind in den nuller Jahren nach Libyen ausgewandert – wie Hunderttausende Westafrikaner, die in dem seinerzeit boomenden nordafrikanischen Land Arbeit fanden. Dominique, groß und muskulös, hatte eine kleine Baufirma in Tripolis. Jacques, klein und drahtig, arbeitete als Elektriker. Beide verdienten gut, sagen sie.

Als 2011 der Krieg ausbrach, steckten Gaddafis Soldaten die afrikanischen Gastarbeiter zu Tausenden auf rostige Kähne und schickten sie gen Europa. Um sie loszuwerden, stellten ihnen die italienischen Behörden Aufenthaltspapiere aus und schickten sie weiter nach Norden. Im Winter vor drei Jahren kamen sie in Hamburg an. Von heute aus gesehen, waren sie wohl nur Vorboten für die vielen Tausend syrischen, afghanischen, irakischen oder eritreischen Flüchtlinge, die derzeit kommen.

Aber sie haben eines gemeinsam: Sie suchen eine Perspektive. Sie suchen Jobs. Und solange sie nicht arbeiten dürfen, verdingen sich viele von ihnen in der Schattenwirtschaft, wo es keine Arbeitsverträge gibt, aber viel Arbeit.

Jacques und Dominique haben gelernt, wie sie in Hamburg auch ohne Bleiberecht und Arbeitserlaubnis überleben. Die Jobs, die es hier an der Billstraße zu machen gibt, sprechen sich in den jeweiligen Communitys schnell herum. Ein Landsmann hat Jacques mit in die Billstraße genommen. Zeigte ihm, wie man die Autos richtig belädt, wie man mit den Kunden verhandelt. Seither sind Jacques und Dominique selbstständige Dienstleister. Sie füllen die Wägen, ehe sie verschifft werden – und nehmen zwischen 40 und 100 Euro dafür, je nach Größe.