Als Béa Beste im Alter von 15 Jahren in Bukarest in ein Flugzeug stieg, die Geburtsurkunde im Schuh versteckt, da wusste sie, dass sie ihre todkranke Mutter und viele Freunde nie wiedersehen würde. Sie tat, als wolle sie in Deutschland Verwandte besuchen – tatsächlich floh sie für immer aus Rumänien, um dem Waisenhaus und der Gehirnwäsche des Geheimdienstes zu entgehen. 31 Jahre ist das her, doch erst kürzlich hat Beste sich in ihrem Blog als politischer Flüchtling, Kalter-Krieg-Flüchtling und Wirtschaftsflüchtling geoutet. Um zu zeigen, wie Flüchtlinge eine Gesellschaft bereichern. Denn dass Beste Schulen und Unternehmen gegründet hat, hängt vermutlich auch mit dieser Biografie zusammen.

Was ist schon das Risiko, mit einer Firma pleitezugehen, im Vergleich zu den Gefahren, die Beste schon hinter sich hatte? Was bedeutet es, Geld zu verlieren, wenn man einmal kaum mehr besaß als die Kleidung am Körper? "Selbst wenn es ganz dicke kommt", sagt die Unternehmerin, "werde ich einen Weg finden."

Wie Béa Beste vor 31 Jahren erreichen in diesen Tagen wieder Zehntausende Flüchtlinge das Land. Und wie Beste werden viele von ihnen in Deutschland ein Unternehmen gründen und Arbeitsplätze schaffen, so erwarten es Experten. "Der Flüchtlingszustrom ist eine historisch einmalige Chance, das Gründungsgeschehen im Land langfristig zu beleben", sagt Rolf Sternberg. Der Ökonom an der Universität Hannover arbeitet seit Jahren an der weltweiten Studie Global Entrepreneurship Monitor mit. Sie zeigt: Nahezu überall auf der Welt gründen Migranten häufiger Firmen als Einheimische.

Für Deutschland gilt das besonders, wie der Gründungsmonitor der Förderbank KfW belegt. Der Anteil der Gründer mit ausländischen Wurzeln liegt bei 21 Prozent: etwas höher als ihr Anteil an der Bevölkerung. Vier von zehn Gründern mit Migrationshintergrund beschäftigen von Anfang an Mitarbeiter – unter einheimischen Gründern nur drei von zehn. Zuwanderer sind die heimlichen Jobmacher der Republik.

Laut dem Forscher Sternberg liegt das nicht nur daran, dass ihnen der Zugang zum Arbeitsmarkt schwerer fällt. Oft sehen sie in der Selbstständigkeit mehr Chancen als Risiken und sind auch eher bereit, die Unsicherheit einer Gründung hinzunehmen. Wenn es gut geht, dann lohnt sich das – für die Gesellschaft und die Gründer selbst.

Ein eigenes Unternehmen hilft Menschen mit Migrationshintergrund zudem, ihren Status zu verbessern. Das hat der Soziologe René Leicht beobachtet, der an der Uni Mannheim seit 15 Jahren über Migrantenökonomie forscht. In dieser Zeit habe sich die Zahl der Gründer verdreifacht, die selbst oder deren Eltern eingewandert sind. Dabei handelt es sich nicht ausschließlich um Betreiber von Gemüseläden oder Imbissbuden. Migranten schaffen Leicht zufolge nicht weniger Arbeitsplätze als einheimische Unternehmer. Sie sind nicht weniger innovativ und zählen auch nicht überwiegend Landsleute zu ihren Kunden. Inzwischen beschäftigten die Migranten-Unternehmer etwa 2 bis 2,5 Millionen Menschen, hat Leicht ermittelt. Außerdem würden sie dank ihrer Netzwerke im Ausland dabei helfen, den Mittelstand zu internationalisieren: "Unternehmen von Migranten sind keinesfalls eine Nischenökonomie."

Leicht sagt allerdings auch: Migranten gründen im Schnitt erst elf Jahre nach ihrer Ankunft in Deutschland. Wer jetzt hierher fliehe, müsse eben erst einmal ein Dach über dem Kopf finden, sich um Asyl und Bleiberecht kümmern, die Sprache lernen und Wissen und Kontakte sammeln. Und doch sieht Leicht in dem Flüchtlingszustrom eine "große Chance, weil wir dringend Leute brauchen, die Unternehmen gründen".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 40 vom 01.10.2015.

Spezialisierte Berater bereiten sich bereits auf diese Gründerwelle vor – etwa bei den Industrie- und Handelskammern. Sie bieten, wie in Hamburg, regelmäßig Welcome-Veranstaltungen für Migranten an. In der Hansestadt rechnet die Kammer damit, dass "der Andrang in der Gründerberatung definitiv zunehmen wird, sobald sich die Flüchtlinge hier zurechtfinden". Schon jetzt hat bundesweit jeder fünfte Interessent, den die Kammern zur Gründung beraten, einen Migrationshintergrund – Tendenz steigend. Das zeigt der aktuelle Gründerreport des DIHK.

Die Studie beschreibt allerdings auch die Probleme, die Migranten eher zu schaffen machen als einheimischen Gründern: mangelndes kaufmännisches Grundwissen etwa oder fehlende Sprachkenntnisse. Andere Studien zeigen, dass es ihnen schwerer fällt, Startkapital zu beschaffen. "Aber wir erleben sie als gut vorbereitet und hoch motiviert", sagt DIHK-Experte Marc Evers. Er rechnet damit, dass die 800.000 Flüchtlinge, die dieses Jahr erwartet werden, mehrere Tausend Unternehmen gründen könnten. Damit es so kommt, sei es allerdings notwendig, dass die Behörden schnell über Asylanträge entscheiden und Gewerbeanmeldungen zulassen. Und das wird nicht leicht. Wenn Evers erklären will, ob Ausländer hierzulande gründen dürfen, dann muss er in einer Tabelle mit 17 Seiten nachschauen: So viele verschiedene Regeln gibt es. Außerdem müssten Bund, Länder und Kommunen für ausreichend Sprachkurse sorgen, fordert Evers.

Aus was für Ideen später ein Unternehmen werden könnte, das ließ sich kürzlich in der Hamburger IHK besichtigen, bei der Abschlusspräsentation der Initiative "Futurepreneur". Letztere will junge Menschen für Unternehmertum begeistern und bietet dafür jeden Sommer ein kostenloses Ferienprogramm an. Mehrere 15- bis 16-Jährige stellten am Ende ihre Projekte vor: ein Modelabel, eine kleine Kosmetikfirma, ein Computerservice. Das Erstaunliche war, dass alle Teilnehmer des Projekts einen Migrationshintergrund hatten – obwohl es sich auch an Nichtmigranten richtet. "Viele deutsche Jugendliche", sagt Initiatorin Kerstin Heuer, "sind wohl einfach zu satt."