Es sieht aus, als würde die Felswand weinen. Lange dunkle Spuren sind auf dem Bild zu erkennen, Flüssigkeit scheint den steilen Abhang hinabzurinnen. Auf der Erde ist so etwas nicht der Rede wert, doch das Foto zeigt den Hale-Krater auf der Südhalbkugel des Mars. Und dort wäre flüssiges Wasser eine Sensation. Am Montag hat die Nasa ihren Fund in einer Pressekonferenz verkündet.

Zuvor waren sensationelle Meldungen der Raumfahrtbehörde allerdings mit Vorsicht zu genießen. 2010 entdeckten Nasa-Forscher auf der Erde Bakterien, die angeblich ohne Phosphor auskamen und somit womöglich auch auf anderen Planeten existieren könnten. Doch diese Nachricht entpuppte sich als falsch. Und auch der spektakulär verkündete Funde versteinerter Bakterien in Mars-Meteoriten wurde von Fachleuten zurückgewiesen.

Beim Wasser auf dem Roten Planeten sieht die Befundlage jedoch besser aus.

Schon lange ist klar, dass H₂O auf unserem Nachbarplaneten reichlich vorkommt. Bereits im 17. Jahrhundert waren Astronomen die hellen Polkappen aufgefallen. Inzwischen weiß man, dass sie neben gefrorenem CO₂ aus einem kilometerdicken Panzer aus Staub und Wassereis bestehen. 2008 hatte das amerikanische Phoenix-Landegerät auch jenseits der Polarregion ein paar weiße Bröckchen von der Marsoberfläche geschabt und beim Erhitzen der Bodenprobe Wasserdampf nachgewiesen.

Ausgewaschene Täler deuten darauf hin, dass einst kilometerbreite Ströme über den Mars geflossen sein müssen. Doch das ist sehr lange her. Wohl schon vor 3,5 Milliarden Jahren hat sich die einstige Atmosphäre verflüchtigt, und der Rote Planet verwandelte sich in die staubtrockene und eiskalte Wüstenlandschaft, die ein ganzes Dutzend Marssonden in den letzten 20 Jahren immer wieder beobachten konnten. Alle hatten nach flüssigem Wasser gesucht, keine hatte es gefunden.

Doch die Indizien werden immer stärker. 2011 entdeckte Lujendra Ojha, ein junger Planetologe am Georgia Institute of Technology, die tränenden Felswände auf Fotos des Mars Reconnaissance Orbiters, den die Nasa 2006 in eine Umlaufbahn manövriert hatte. Mit Radar und hochauflösenden Kameras kartografiert er seitdem die Marsoberfläche mit nie dagewesener Genauigkeit. Und dabei zeigte sich nun: Die dunklen Spuren an den Wänden von vier verschiedenen Kratern verändern sich mit den Jahreszeiten. Im Spätsommer, wenn die Sonne die Oberfläche auf bis zu 25 Grad aufgeheizt hat, werden sie größer, im Winter verschwinden sie wieder. Am deutlichsten zeigt sich das im Hale-Krater.

Um Trinkwasser handelt es sich bei der Flüssigkeit allerdings nicht. Das würde unter dem extrem niedrigen Druck der Marsatmosphäre sofort verdampfen. Wenn an den weinenden Felswänden etwas rinnt, dann ist es stark konzentrierte Sole. Woraus sie besteht, ist auf den spektroskopischen und am Computer stark bearbeiteten Bildern der Nasa-Sonde nicht direkt zu erkennen. Denn die Rinnsale sind so schmal, dass selbst die höchste Kameraauflösung nicht ausreicht, um sie getrennt vom Nachbargestein zu analysieren. Ein achtköpfiges Wissenschaftlerteam nahm die Messdaten deshalb jetzt mit statistischen Methoden unter die Lupe. Das Ergebnis weist auf einen hohen Anteil von Magnesiumsalzen hin. "Trinken würde ich das lieber nicht", sagt Ojha.

Doch Mikroben würden sich darin womöglich wohlfühlen. Das ist zumindest in Yungay so, dem trockensten Ort der Erde in der chilenischen Atacama-Wüste. Kleinste Lebewesen finden sich dort nur in Salzflocken, die frühmorgens von etwas Tau angefeuchtet werden. "Auf dem Mars könnte der Wassergehalt für Leben, wie wir es von der Erde kennen, zu niedrig sein", schreiben Ojha und Kollegen im Fachblatt Nature Geoscience. Dennoch könnten sich weitere astrobiologische Untersuchungen dort lohnen.

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