Die Tränen der Maria-Elisabeth Schaeffler sind unvergessen. Es waren Tränen der Rührung. Tausende Mitarbeiter ihres Unternehmens demonstrierten im Februar 2009 in Herzogenaurach und forderten staatliche Hilfen für die Schaeffler-Gruppe. "Auch wir sind Schaeffler", lautete das Motto der Beschäftigten.

Maria-Elisabeth Schaeffler trat vors Werkstor und wurde bejubelt. "Ich bin ergriffen, beeindruckt und dankbar", sagte sie. "Das gibt mir Kraft, weiter für das Unternehmen zu kämpfen." Dann reihten sie und ihr Sohn Georg F. W. Schaeffler sich in den Demonstrationszug ein und marschierten mit.

Sechseinhalb Jahre ist das her. Heute ist klar, dass die Schaefflers nicht nur ihren Kampf gewonnen haben. Tatsächlich haben die beiden Multimilliardäre ihr Vermögen seither in einem Ausmaß und einem Tempo steigern können, wie das in der deutschen Wirtschaftsgeschichte ohne Beispiel ist.

Nun will die Familie die Schaeffler AG an die Börse bringen. Der Handel mit den Aktien soll am Montag beginnen. Verkauft werden die Papiere an Großinvestoren. Die Schaefflers wollen sich von 25 Prozent der Anteile trennen, behalten aber die Kontrolle. Die neuen Aktien sind ohne Stimmrecht.

Die Einnahmen aus dem Aktienverkauf sollen dazu verwendet werden, die Schulden der Schaeffler AG, die bei 6,2 Milliarden Euro liegen, zu vermindern. Auch bei der über allem schwebenden Holdinggesellschaft der Familie, die mit 3,6 Milliarden Euro verschuldet ist, sollen die Verbindlichkeiten reduziert werden.

Das alles wirkt auf den ersten Blick seriös und solide. Aber dieser Eindruck täuscht. In Wahrheit ist der Börsengang der nächste Akt einer ungeheuren Bereicherung der Familie Schaeffler. Und wenn man sich die Umstände anschaut, sieht man, dass es sich mindestens teilweise um eine Bereicherung auf Kosten anderer und der Allgemeinheit handelt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 40 vom 01.10.2015.

Wie reich die Schaefflers heute sind, lässt sich leicht überschlagen. Ihnen gehört die Schaeffler AG, ein Hersteller von Wälz- und Kugellagern, der einen Umsatz von zwölf Milliarden Euro erwirtschaftet und 84.000 Menschen beschäftigt. Das Unternehmen ist gemessen an seinem jährlichen Gewinn mindestens zehn Milliarden Euro wert.

Überdies halten Mutter und Sohn über ihre Familienholding eine Beteiligung von 46 Prozent am Dax-Konzern Continental, nach Bosch der größte Automobilzulieferer Europas. Conti wird an der Börse auch nach dem VW-Schock noch mit 37 Milliarden Euro bewertet, wovon rechnerisch 17 Milliarden Euro auf die Schaefflers entfallen. Da das Aktienpaket der Familie so groß ist, dass man damit die Kontrolle über Conti hat, ist die Beteiligung noch wertvoller als die Summe der Einzelpreise – rund 20 Milliarden Euro.

Gemeinsam verfügen Mutter und Sohn also über ein Firmenvermögen von 30 Milliarden Euro. Davon abzuziehen sind die Schulden ihrer Familienholding. Netto ist die Kleinfamilie mehr als 26 Milliarden Euro schwer, wovon auf den Sohn 21 Milliarden Euro entfallen und auf die Mutter 5 Milliarden.

Die 74-jährige Maria-Elisabeth Schaeffler ist das Gesicht des Unternehmens. Sie heißt seit ihrer Hochzeit mit dem früheren Industriepräsidenten Jürgen Thumann 2014 Schaeffler-Thumann. Die in Prag geborene Österreicherin ist die Witwe des Firmengründers Georg Schaeffler. Sie hat sich seit seinem Tod 1996 intensiv und mit viel Erfolg um das Unternehmen gekümmert, während ihr Sohn, der Haupterbe, eigene Wege ging.

Georg F. W. Schaeffler ist ein hauptsächlich in Texas lebender Wirtschaftsanwalt. Ihm gehören 80 Prozent des Familienvermögens, weil er nicht nur von seinem Vater, sondern auch von dessen kinderlosem Bruder geerbt hat. Im Frühjahr 2015 kürte das US-Magazin Forbes den 50-Jährigen überraschend zum reichsten Deutschen. Betrachtet man die Familien als Einheiten, so sind nur die Quandts noch reicher als die Schaefflers.

Wie die Schaefflers das geschafft haben, ist eine denkwürdige Geschichte. Das Ganze war zwar nicht illegal, es hatte aber wenig mit industriellem Unternehmertum zu tun. Es handelte sich im Kern um eine hochriskante Spekulation nach Art eines Hedgefonds, die nur deshalb nicht im wirtschaftlichen Ruin der Schaefflers endete, weil Regierungen und Zentralbanken die Weltwirtschaft vor einem Kollaps und dem Niedergang bewahrten. Und weil jene Niedrigzinspolitik, die die Masse der Sparer einen Teil ihrer Altersvorsorge kostete, das ideale Umfeld war, in dem die Schaefflers neben ihrem angestammten Industriebesitz ein weiteres, noch größeres Multi-Milliarden-Vermögen anhäufen konnten.

Die feindliche Übernahme von Conti

Die Sache begann 2008. Unter der Führung des ehrgeizigen Schaeffler-Geschäftsführers Jürgen Geißinger kaufte die Familienfirma mithilfe einiger Banken Conti-Aktien auf. Das geschah heimlich mithilfe von Swaps, das sind Tauschgeschäfte mit Banken. Die Blaupause dafür hatte Porsche bei VW geliefert. Als Schaeffler sich 36 Prozent der Conti-Aktien gesichert hatte, machte das Unternehmen seinen Übernahmeplan öffentlich.

Bei Conti schlug die Nachricht wie eine Bombe ein. Der Übernahmeversuch war feindlich, er geschah gegen den Willen der Conti-Führung um Manfred Wennemer. Die Übernahme war außerdem hochspekulativ, denn erstens war Conti dreimal so groß wie Schaeffler, und zweitens hatte Schaeffler auch gar nicht das nötige Geld, um die Conti-Aktien zu kaufen, sondern musste es sich komplett von den Banken leihen. Diese Übernahme ergab entgegen den Erklärungen der Schaefflers nicht einmal industriell einen Sinn, denn die Unternehmen waren zu unterschiedlich, als dass man daraus einen erfolgreichen Konzern hätte schmieden können.

Es kam zu einem Machtkampf, den Conti-Vorstandschef Wennemer im August 2008 verlor. Conti-Aufsichtsratschef Hubertus von Grünberg, ein alter Vertrauter von Maria-Elisabeth Schaeffler, wechselte die Seiten. Aber auch er sollte später von ihr und Geißinger beiseitegeräumt und durch einen Schaeffler-Vertrauten ersetzt werden. Unter einem starken politischen Druck, der vom damaligen Ministerpräsidenten Niedersachsens, Christian Wulff, orchestriert wurde (dessen Ehefrau Bettina in der Conti-Pressestelle arbeitete), willigte Schaeffler immerhin ein, die Beteiligung an Conti vier Jahre lang auf weniger als 50 Prozent zu beschränken und machte noch weitere Konzessionen. Die Erfüllung der Vereinbarung überwachte Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder.

Laut Gesetz musste Schaeffler allen anderen Conti-Aktionären ein Angebot zum Kauf ihrer Anteile machen. Das Unternehmen bot 75 Euro pro Conti-Aktie, einen Preis, der vielen Aktionären zu niedrig war. Doch dann passierte das Unerwartete. Während die Angebotsfrist lief, ging die US-Investmentbank Lehman Brothers am 15. September 2008 pleite. Weltweit brachen die Aktienkurse ein, und auch der von Conti fiel wie ein Stein. Das führte dazu, dass das Schaeffler-Angebot plötzlich weit über dem Börsenkurs der Conti-Aktie lag, der bis auf unter 20 Euro absank. Auf einmal war das Schaeffler-Angebot für die großen und kleinen Conti-Aktionäre extrem attraktiv.

Schaeffler wurde mit Conti-Aktien zugeschüttet und musste sie alle kaufen. Das Familienunternehmen hatte sich bei der Royal Bank of Scotland und fünf weiteren Banken zu diesem Zweck einen Megakredit einräumen lassen. Nur die Deutsche Bank, sonst bei jeder großen Finanziererei dabei, hatte abgelehnt. Das Risiko des Deals sei zu groß, fanden Josef Ackermann und sein damaliger Deutschlandchef Jürgen Fitschen.

Durch die unerwartet großen Aktienkäufe stiegen Schaefflers Schulden auf beängstigende 11,5 Milliarden Euro. Dafür hatte Schaeffler nun 90 Prozent der Conti-Anteile in seinem Besitz. Bloß hatte Conti nur ein Viertel des ursprünglichen Wertes – und flog auch noch aus dem Dax.

Weil Schaeffler sich verpflichtet hatte, bei Conti unter der 50-Prozent-Schwelle zu bleiben, mussten 40 Prozent der angekauften Aktien bei den Privatbanken Metzler und Sal. Oppenheim geparkt werden. Das wirtschaftliche Risiko blieb bei Schaeffler, und dieses Risiko wurde von Tag zu Tag größer. Die Finanzkrise weitete sich aus, und die Weltwirtschaft glitt in eine Rezession ab. Schaeffler musste für zwei Drittel seiner Mitarbeiter Kurzarbeit anmelden. Die Lage war existenzbedrohend.

In dieser Situation riefen die Schaefflers, ihre Manager und Mitarbeiter im Chor nach Staatshilfen. Aber sie bekamen sie nicht. Die Bild-Zeitung druckte ein Foto, das Maria-Elisabeth Schaeffler im Pelzmantel und mit Champagnerglas in Kitzbühel zeigte, und schrieb dazu: "Diese Milliardärin will an unser Steuergeld".

Aber die Bundesregierung half den Schaefflers indirekt doch – indem sie die Krise entschlossen bekämpfte. Finanzminister Peer Steinbrück stabilisierte das ins Wanken geratene Bankensystem. Die Commerzbank, einer der Hauptkreditgeber von Schaeffler, wurde mit Staatskapital gestützt und teilverstaatlicht.

Die Schaefflers haben alles riskiert und alles gewonnen

Den Schaefflers kam nun ein Umstand zugute, der mit dem Bonmot beschrieben wird: Wenn Sie eine Million Schulden haben, haben Sie ein Problem. Wenn Sie eine Milliarde Schulden haben, hat die Bank ein Problem. Die Schaefflers hatten zwölf Milliarden Euro Schulden.

Bei einer Pleite des Unternehmens hätten die Banken Milliarden abschreiben müssen. Das durfte in der angespannten Lage nicht passieren, das konnten sich auch die Banken nicht leisten. Es blieb ihnen nur übrig, Schaeffler die Zinsen zu stunden. An Tilgung war nicht zu denken.

Einer der Banker zog im Sommer 2009 in den Schaeffler-Vorstand ein. Klaus Rosenfeld war Vorstand bei der Dresdner Bank gewesen, hatte aber nach der Übernahme der Dresdner durch die Commerzbank keinen adäquaten Job mehr. Für Schaeffler war der Finanzprofi der richtige Mann. Nun hatten sie einen in ihren Reihen, der wusste, wie Banker ticken und wie man mit ihnen als großer Kreditkunde umgehen musste. Rosenfeld verhandelte hart und setzte bessere Konditionen für Schaeffler durch. Er führte die Kredite zurück, und er holte sich das fehlende Geld über die Ausgabe von Anleihen. Auf diese Weise reduzierte er die Zinslast um mehr als die Hälfte.

Auch Conti profitierte vom allgemeinen Rückgang der Zinsen, den die Europäische Zentralbank herbeigeführt hatte. Auch dieses Unternehmen war mit elf Milliarden Euro hoch verschuldet, seit es 2007 den Automobilzulieferer VDO von Siemens gekaufte hatte. Conti und Schaeffler profitierten überdies von der Abwrackprämie, von der Subventionierung der Kurzarbeit und von den Konjunkturprogrammen der Bundesregierung. Seit März 2009 stieg der Conti-Aktienkurs wieder an, die Beteiligung gewann an Wert.

Die Schaefflers sorgten bei Conti für Chaos. Sie entließen den kurz zuvor ernannten Vorstandschef Karl-Thomas Neumann und ersetzen ihn durch Elmar Degenhart. Sie inthronisierten ihren Anwalt Rolf Koerfer als Aufsichtsratschef und versuchten trotz ihrer eigenen Probleme, in Hannover durchzuregieren. Den Fusionsplan mochten sie immer noch nicht aufgeben. Aber den Banken passte dieser Konfliktkurs nicht, vor allem Commerzbank-Chef Martin Blessing drängte zur Mäßigung. Ein Brückenbauer für Conti wurde gesucht. Einer, den alle Seiten akzeptieren konnten und der die Lage befrieden würde. Einer, der von außen kam, sich aber auskannte. Es gab tatsächlich so einen, und er war bereit, den Aufsichtsratsvorsitz bei Conti zu übernehmen: Wolfgang Reitzle, erfolgreicher Vorstandschef von Linde und langjähriger Entwicklungschef von BMW.

Nicht nur diese Wahl sollte sich als Glücksgriff erweisen – für Conti und für die Schaefflers. Auch der anfangs beargwöhnte Degenhart war der richtige Mann, um Conti auf Erfolgskurs zu bringen. Die Gewinne zogen an, der Aktienkurs stieg.

Schaeffler befreite sich schrittweise aus dem finanziellen Würgegriff. Im März 2011 verkaufte Schaeffler einen Teil der bei den Banken geparkten Conti-Aktien für 1,8 Milliarden Euro und tilgte mit dem Erlös Schulden. Im September 2012 reduzierten Unternehmen und Familie ihre Verbindlichkeiten auf gleiche Weise um weitere 1,6 Milliarden Euro. Mit jedem weiteren Schritt senkte Finanzchef Rosenfeld die Finanzierungkosten. Zum Dank machten die Schaefflers den Banker 2014 zum Vorstandsvorsitzenden. Den Vertrag Geißingers hatten sie nicht verlängern mögen.

Conti entwickelte sich glänzend, und der Aktienkurs stieg und stieg. Im Frühjahr 2015 erreichte er bei 234 Euro einen Höchstkurs, gekauft hatten die Schaefflers zu weniger als einem Drittel davon. Aber dieser Kursgewinn war nicht das Verdienst der Schaefflers und auch nur teilweise das Verdienst der Conti-Manager und -Belegschaft. Es ist auch darauf zurückzuführen, dass EZB-Präsident Mario Draghi die Schleusen öffnete und Europa mit Geld flutete. Ein Großteil dieser Liquidität floss in den Aktienmarkt und hob dort die Kurse an.

Ihren Fusionsplan haben die Schaefflers mittlerweile aufgegeben. Die beiden Automobilzulieferer kooperieren erfolgreich, aber dazu müssten sie nicht denselben Großaktionär haben.

Bevor sie mit dem Conti-Coup 2008 Schlagzeilen machten, hatten die Schaefflers keinen Einblick in ihr Unternehmen und seine Profitabilität gegeben. Ihr Vermögen wurde damals auf rund fünf Milliarden Euro geschätzt. Wie man aus später veröffentlichten Gewinnzahlen ablesen kann, lag es tatsächlich wohl damals schon eher bei zehn Milliarden Euro.

Der Einstieg bei Conti hat die Familie in sieben Jahren um gut und gern 16 Milliarden Euro reicher gemacht. Die Schaefflers haben alles riskiert und dank glücklicher Umstände alles gewonnen.

Niemand in Deutschland hat von der großen Krise so sehr profitiert wie diese Familie.