Wer studieren will, sucht das perfekt passende Fach. Das gibt es nicht, sagt die Studienberaterin Elisabeth Kummert. Was tun?

DIE ZEIT: Frau Kummert, wenn Abiturienten Sie fragen, welcher Studiengang zu ihnen passt, was antworten Sie?

Elisabeth Kummert: Ich versuche die Frage anders zu stellen: Wie sieht derjenige sich selbst? Was interessiert ihn? Womit möchte er seine Zeit verbringen? Die Abiturienten sollen anfangen, über sich selbst nachzudenken.

ZEIT: Sie geben keine konkrete Empfehlung?

Kummert: Nein. Viele sind ganz enttäuscht, dass ich ihnen nach 30 Minuten Gespräch nicht tief in die Augen schaue und sage: Sie sind der Typ für Jura. Sie wünschen sich, dass Ihnen jemand genau sagt, was sie tun sollen. Aber das ist nicht meine Aufgabe. Und es gibt nicht den einen, perfekt passenden Studiengang. Das ist ein Märchen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 40 vom 01.10.2015.

ZEIT: Ein weit verbreitetes Märchen. Woher kommt der Wunsch danach?

Kummert: Die Studienwahl ist oberflächlicher geworden. Die Abiturienten haben tausend Studiengänge zur Verfügung und denken, sie müssten sich möglichst über alle informieren und dann die optimale Kombination für sich zusammenstellen. Sie wollen ihr Studium wählen wie einen Kaffee bei Starbucks.

ZEIT: Die große Auswahl überfordert sie?

Kummert: Das macht es schwieriger. Aber das eigentliche Problem ist, dass die Abiturienten sich selbst nicht kennen.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Kummert: Viele Abiturienten mussten sich nie mit sich selbst auseinandersetzen. Nie darüber nachdenken, was sie interessiert und was sie wollen. Mir kommt es manchmal so vor, als hätten sie Angst davor.

ZEIT: Sie wissen nicht, was sie wollen?

Kummert: Sie wissen nur, dass sie es gradlinig möchten: Abitur, Studium, toller Beruf. Die Abiturienten, die zu uns kommen, sind sehr jung. Und das Paradoxe ist, dass sie trotzdem einen wahnsinnigen Zeitdruck verspüren. Sie meinen, sie müssen sich jetzt sofort für einen Studiengang entscheiden, und wenn sie eine Fehlentscheidung treffen, wird sich das auf ihr ganzes Leben auswirken. Nach dem ersten Semester kommen Studierende zu mir, 18 oder 19 Jahren alt, und sagen: Um Gottes willen, ich studiere das falsche Fach. Mein Leben ist vorbei.

ZEIT: Wer macht ihnen diesen Druck? Die Eltern? Die Uni?

Kummert: Sie machen ihn sich selbst. Hinter dem Wunsch nach dem perfekten Studiengang steckt auch der Wunsch nach Sicherheit. Manche entscheiden sich nur darum für ein Studium, weil sie wissen, was sie damit werden können. Ich studiere Lehramt, damit ich Lehrer werden kann. Ich studiere Jura, damit ich Anwalt werden kann.

ZEIT: Das ist ja an sich nichts Schlechtes …

Kummert: Nein, aber es reicht eben nicht, um sich für ein Studium zu entscheiden. Man muss sich auch für ein Fach interessieren, und es kann sein, dass man koreanische Sprachen einfach spannender findet als Jura. Das Studium ist keine Ausbildung, die nur zu einem bestimmten Beruf führt. Selbst wenn das durch die vielen Spezialisierungen nach der Bologna-Reform manchmal so wirkt.