DIE ZEIT: Herr Roth, das British Museum wird in Zukunft der Deutsche Hartwig Fischer leiten. Nach den Uffizien in Florenz und dem Victoria & Albert Museum kommt ein weiteres Kulturheiligtum in deutsche Hände. Gibt es dafür eine Erklärung?

Martin Roth: Hartwig Fischer ist klug, er ist weltoffen, und er weiß mit Budgetkürzungen umzugehen. Was will man mehr? Und weshalb so viele Europäer nach London gehen? Weil es das Zentrum der Kunst- und Kulturwelt ist und weil es sich aus Nordamerika niemand mehr leisten kann, mit unseren Minimalgehältern in Europa eine Maximalleistung zu erbringen.

ZEIT: Man hat in britischen Museen den Eindruck, dass sie, anders als die deutschen, kulturpädagogisch weniger durchorganisiert sind. Dürfen sie im V & A ein Abenteuerspielplatz sein?

Roth: Eine Überpädagogisierung macht die Dinge schwerfällig. Deutschland hat in dieser Hinsicht eine lange Tradition. In den zwanziger Jahren durchforsteten sogenannte Museumspfleger die Bestände. Geld gab es nur, wenn die Sammlungen bestimmten Sichtweisen entsprachen, bis die Nazis dann endgültig alles nach ihren Vorstellungen ausrichteten. In Deutschland arbeitet man heute mit gebrochenen Identitäten: erst eine kaiserliche Sammlung, dann ihre Umdeutung in der Weimarer Demokratie, die NS-Zeit, 1945 als große Zäsur, danach kommunistische und westlich ausgerichtete Museen, dann 1989 und der europäische Kontext. Die Frage ist, wie man in Deutschland so etwas wie die Kontinuität einer Hinterlassenschaft behaupten und sichtbar machen kann? In Wahrheit haben wir uns diese Frage nie richtig gestellt.

ZEIT: Also leben wir in Deutschland unausgesprochen mit unseren Brüchen, während wir unser Geschichtsbild ängstlich nach dem ausrichten, was gerade als das Richtige gilt?

Roth: Ja. Was die Museen anlangt, wäre ein bisschen trial and error in den Präsentationen vielleicht ganz angebracht.

ZEIT: Und das V & A darf unbeobachtet vor sich hin arbeiten?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 40 vom 01.10.2015.

Roth: Beileibe nicht, man sieht genau hin, was wir machen. Aber der Anspruch an die Kuratoren, die unsere Ausstellungen vorbereiten, ist ein anderer: Es geht nicht um eine politisch richtige Lesart, sondern um die Frage, ob es allen gefallen könnte. Selbst unsere strengsten Geister wollen den Erfolg. Dazu kommt, dass wir viele Quereinsteiger beschäftigen, Leute, die keinen Museumshintergrund mitbringen, sondern Praktiker sind, Geisteswissenschaftler aller Couleur, Journalisten, Banker, Architekten, Onlineunternehmer.

ZEIT: Museumsinsel und Humboldt-Forum in Berlin versuchen auch, auch die museale Praxis umzugestalten. Muss man nicht vorher festlegen, was man in Zukunft sein will – Kunstmuseum, Bildungseinrichtung oder Forschungsinstitution?

Roth: Ich frage zurück: Kann man sich als Museum leisten, etwas von dem Genannten nicht zu sein? Wenn wir keine brillante Forschungsinstitution wären, hätten wir so erfolgreiche Ausstellungen nicht machen können. Wer bei uns ein Projekt realisieren will, muss ein oder zwei Jahre in die Forschungsabteilung und kann danach seine Resultate präsentieren. Und alle Abteilungen reden mit, auch jene, die ausschließlich unternehmerisch denken. Dazu kommt: keine Ausstellung ohne begleitende Bildungsprogramme und Zusammenarbeit mit Schulen. Auch das Kommerzielle spielt für uns eine Rolle, und damit meine ich nicht nur unseren Shop. Viel einträglicher sind Lizenzen, beispielsweise für Textilmuster. Textilunternehmen legen V & A-Serien auf, es gab mal V & A-Hotelbettwäsche, sogar das Angebot, eine Hotelkette einzurichten. Und in Korea gelten unsere Produkte als ziemlich schick. Unsere Marke hat eine immense Verbreitung.

ZEIT: Könnten Sie sich ein Museum, das so arbeitet, auch in Deutschland vorstellen?

Roth: Ich glaube, dass Museen in Deutschland generell noch immer zu staatsnah sind. In Großbritannien läuft viel auf den Begriff der Zivilgesellschaft hinaus, obwohl den niemand benutzt. Ich als Direktor bin nicht einem Ministerium verpflichtet, sondern einem Board of Trustees, einem Aufsichtsrat. Ich berichte an den Chairman, der die Verantwortung trägt, nicht ans Kulturministerium, von dem etwa 50 Prozent unseres Etats kommen. Unser Fundraising wird vom Board unterstützt, dafür existiert sogar ein eigenes Komitee, ebenso für Investments. Übrigens gibt es keines für die Programmarbeit, da baut man auf die kreative Freiheit.

ZEIT: Also ein System aus checks and balances ...

Roth: In diesem Dreieck bewegen wir uns, immer auf Armlänge voneinander entfernt. Das Dreieck eröffnet uns beträchtliche Freiheiten. Das Museum wird zwar nie ein Unternehmen sein, aber wir können uns bei Bedarf wie ein solches verhalten, wir können inzwischen sogar Kredite aufnehmen. In Deutschland bestimmt der Staat über Mittelvergabe und Mittelverwendung, er kontrolliert mittels seiner Finanzen durchaus auch die Inhalte. Da bestimmen dann Staatssekretäre und Verwaltungsbeamte – leider nicht immer nur beseelte Leute. In Dresden zitierte mich mal ein hoher Beamter des Finanzministeriums zu sich und meinte, der damalige Rennfahrer Michael Schumacher wolle ein Schloss im Rheinland kaufen und müsse das ja auch ausstatten. Der Finanzbeamte wollte dann Vorschläge von mir hören, welche Bilder aus den Dresdner Sammlungen man Herrn Schumacher zum Kauf anbieten könnte. Es gibt noch andere solcher Highlights meiner Karriere.