Jetzt also auch noch der Sexismus-Vorwurf. Ein paar zusätzliche Schlagzeilen. Aufregung unter Feministinnen. Ein schicker, aber noch überschaubarer Shitstorm im Internet. Von Wanda, der Band, von der alle sprechen, sprechen noch ein paar mehr. Und ein paar von denen werden womöglich sogar das neue Album Bussi kaufen. Ein guter Plan. Wenn ihn sich jemand ausgedacht hätte. Was die Band natürlich bestreitet. Was allerdings auch wieder zum Plan gehören könnte. Es ist kompliziert.

Oder vielleicht auch nicht. "Das ist kein Theaterstück, das ein Regisseur inszeniert", sagt Manuel Poppe. Poppe ist 29 Jahre alt, Gitarrist bei Wanda und sitzt an diesem Spätsommernachmittag in einem Berliner Café vor allem deshalb neben Marco Michael Wanda, 30 Jahre alt und Sänger, Texter und Wortführer der Wiener Band, damit der nicht allein trinken muss. Wanda trinkt Weißwein, Poppe trinkt Bier. Sie sind angekommen bei "der dritten Runde oder so", sagt Wanda. Dazu rauchen die beiden ohne Unterlass. Poppe sagt wenig. Wenn er etwas sagt, dann ist es womöglich wichtig. Keine Inszenierung, sagt Poppe also, alles echt. Der Sex, die Drogen und der gute alte Rock ’n’ Roll, der plötzlich wieder funktioniert. Die Selbstaufgabe der Band auf der Bühne, die religiöse Begeisterung des Publikums davor. Der Schweiß, die Tränen, die Klischees, die irgendwie nun doch keine mehr sind. Sie seien wirklich nur fünf ehrlich kaputte Typen, die Lieder spielen wollen, sagt der Gitarrist. Und Marco Michael Wanda sagt, er habe nun Hunderttausenden Menschen in den vergangenen Monaten in die Augen gesehen, wenn sie auf die mittlerweile berühmte Refrainzeile "Wenn jemand fragt, wofür du stehst" im Chor "Amore!" geantwortet haben. Und er habe festgestellt: "Das ist keine Ironie, da geht es um Leben und Tod."

Mittlerweile spielt die Band regelmäßig vor Tausenden, sie tritt als Headliner bei Festivals auf. Ihr erstes Album Amore, das im vergangenen Jahr herausgekommen ist, hat in Österreich nun Platinstatus erreicht und weigert sich, im Nachbarland Deutschland die Charts wieder zu verlassen. Der Nachfolger Bussi erscheint nicht mehr bei einem kleinen Wiener Label, sondern bei der größten Plattenfirma der Welt. Die fünf kaputten Typen könnten schon bald richtig große Popstars sein.

Der Weg dorthin verlief bislang steil nach oben – bis vor wenigen Wochen der Videoclip zu Bussi Baby erschien. An dessen Ende taucht Sänger Marco Michael Wanda in einem weiten Ozean zwischen den riesenhaften Beinen einer gewissen Ronja von Rönne ab, die vorher eher züchtig in einem frisch bezogenen Bett gelegen hatte. Allerdings ist von Rönne nicht irgendwer, sondern ehemaliges Model und Journalistin, die mit dem Artikel Warum mich der Feminismus anekelt in diesem Frühjahr zur Berühmtheit aufstieg. Das Management der Band behauptete zwar, die Tatsache, dass die Hauptdarstellerin ihres Filmchens eine Ikone des Antifeminismus sei, wäre ihm entgangen, und Sänger Marco Michael Wanda distanzierte sich eilig und pflichtschuldig in Interviews von jeder Form von Sexismus.

Der Erfolg von Wanda gründet tatsächlich nicht darauf, ein besonders ungehobeltes Männermodell aus der Altkleiderkammer geholt zu haben. Er geht allerdings durchaus damit einher. Denn die Faszination von Wanda besteht in Grenzüberschreitungen und einer Rebellion gegen gesellschaftliche Konventionen. Das fängt beim Alkoholmissbrauch in Songtexten und bei nachmittäglichen Interviews an und hört beim beiläufig erwähnten Inzest im größten Hit Bologna noch lange nicht auf. In Tourneeberichten inszeniert sich die Band als reisender Ekstasetross kurz vor der Leberzirrhose, ab und an muss der Tourbus aber auch mitten im Nirgendwo stehen bleiben, damit der Sänger seiner Begeisterung für die Sportfischerei nachgehen kann. So viel Exzentrik muss eben sein.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 40 vom 01.10.2015.

Was hingegen nicht sein muss: Überbau. "Wir sind nicht die Typen, die gegen irgendwas rebellieren müssen", sagt Marco Michael Wanda. "Wenn überhaupt, dann ist unser ganzes Tun ein Aufbegehren gegen die Langeweile." Dieser Langeweile setzen Wanda nicht nur ein paar sehr eingängige Melodien und knarzende Gitarren entgegen, sondern vor allem die Kunst der Selbstverschwendung, die dem neoliberalen Zeitgeist, seinem Jugend- und Gesundheitswahn so schön widerspricht. Oder, wie es Wanda singend formulieren: "Es muss halt jeder einmal untergeh’n." Statt sich fit und verfügbar zu halten, sich zu optimieren für die Arbeitswelt und den eigenen Körper denkbar lange im bestmöglichen Zustand zu erhalten, propagieren Wanda in Tun und Text reuelosen Sex und hemmungslosen Rausch, mitleidlose Romantik und die endlose Schönheit des kurzen Augenblicks.

Aber natürlich darf der Rock ’n’ Roll keine Absicht haben, darf die Selbstentäußerung keiner Strategie folgen, muss der Intellektuelle seine Intellektualität verdammen. Lieber sieht sich Marco Michael Wanda als "Schamane", der unbewusst die Zeichen der Zeit verarbeitet, und reimt in Kein Herz im Hirn, verziert von einem hübschen Streicherarrangement: "Wann’s ned weitergeht mit dir, is’ ah wurscht", solange man nur seinen "Durscht" nicht verliert. Der nach Eigeneinschätzung "kleine Amateurdichter" trägt weiterhin ständig dieselbe speckige Lederjacke, die er auf einem Berliner Flohmarkt für fünf Euro erworben hat, er geht ausschließlich angetrunken auf die Bühne, trägt stets einen Glimmstängel im Mundwinkel und schreibt ausnahmslos Liebeslieder, in denen das Wort Liebe allerdings tunlichst vermieden wird.

Dass Wanda, die Band, nicht in selbstbesoffener Gefühlsduselei enden, liegt vor allem an den assoziativen Texten von Wanda, dem Texter, der ein Bachelorstudium der Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst Wien nie abgeschlossen hat. Er und seine Band verfahren mit dem Rock ’n’ Roll wie Jeff Koons mit dem Kitsch: Indem sie Klischees nachgerade pornografisch überhöht noch einmal ausstellen, können sie sich auch ohne ironischen Sicherheitsabstand in ihnen suhlen. Damit treffen Wanda ein Bedürfnis, das Hausfrauen und Hauptstadthipster, Altrocker und Teenager eint. Kaum zu glauben, aber alle wollen sie ein Bussi.