Auf Andris Nelsons’ Facebook-Seite ist seit Mitte September der Trailer zu einem Film zu sehen, der in Amsterdam gedreht wurde. Er heißt Nelsons No. 5, in Anlehnung an das legendäre französische Parfüm (augenzwinkernd oder nicht), und dokumentiert die umjubelten Konzerte, die der Dirigent im Oktober 2014 am Pult des Concertgebouw-Orchesters mit Schostakowitschs fünfter Sinfonie gegeben hat. Man sieht: Nelsons bei der Probenarbeit, singend, tanzend, werbend, Nelsons am Abend, in seiner unnachahmlichen körperlichen Verausgabung, die kein Gestern und kein Morgen kennt – und Nelsons im Gespräch über Dmitri Schostakowitsch, den Zwiespältigen, Schwierigen, übers Künstlersein in einer Diktatur und darüber, wie viel Politik und Programm sich eigentlich in der Musik niederschlagen können und dürfen. Er selbst gehöre zur letzten Generation, die mit dem Leben in der Sowjetunion noch konkrete Erinnerungen verbinde, hört man den 36-jährigen Letten sagen, während ihm eine Maskenbildnerin das Gesicht abpudert. Das Scheinwerferlicht blendet, die Puderquaste stäubt, Nelsons schließt geduldig die Augen.

Andris Nelsons hat in Leningrad/St. Petersburg studiert, die geistigen Wurzeln seiner Lehrer und Mentoren Alexander Titov, Neeme Järvi und Mariss Jansons reichen bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts zurück. Als Schostakowitsch-Interpreten adelt ihn das, gewiss. Welcher Mittdreißiger im globalisierten Musikgeschäft steht heute schon auf solchen Schultern? Überhaupt war man sich lange einig, dass dieser Junge aus Riga einen anderen, sozusagen naiv-unverderblichen Maestro-Typus verkörpere, weil er nicht nur hinter dem Eisernen Vorhang groß geworden war, sondern in der Enklave des Baltikums. Und weil gebrochene oder zumindest angeknackste Biografien (beim Fall der Mauer war Nelsons elf Jahre alt) in der Musik meist mehr versprechen als alle geraden, musterhaft vorgestanzten Wunderkinderlebensläufe. Größere Unsicherheiten, tiefere Zweifel, aber auch mehr künstlerische Bescheidenheit und Vorsicht. Über Riga, Herford und Birmingham ist Nelsons die Karriereleiter steil und steiler emporgeklettert, seinen Seelenrucksack aber, seine Herkunftsgewissheit, seinen Glauben hat er darüber nicht vergessen.

Seit 2014 nun ist er Chefdirigent beim Boston Symphony Orchestra und nach anfänglichem Fremdeln durchaus froh an der US-amerikanischen Ostküste. Jenes verschwitzt-glückselige Lächeln nach einer seiner ersten Walküren am Opernhaus in Riga 2002, als er auf Fragen lediglich "I’m just full of music" stammeln konnte, dieses Lächeln und innere Leuchten, dieses Staunen über die Unermesslichkeit der Musik und sich selbst, das hat er immer noch. In Hamburg nach einer siebten Symphonie von Antonín Dvořák, deren Partitur er so hingebungsvoll den Puls fühlte, dass sich alles Patriotisch-Kämpferische umstandslos in Poesie auflöste, in klingende, singende Anschauung. Oder in München während einer fulminanten Wiedergabe von Schostakowitschs Zehnter, mit der er und die Bostoner gerade auch ihre Kooperation mit der Deutschen Grammophon begründet haben.

Den dämlichen Titel Under Stalin’s Shadow freilich hätte diese Erstlings-CD (auf die ein ganzer Schostakowitsch-Zyklus folgen soll) kaum nötig gehabt. Die Einspielung – ein Live-Mitschnitt aus Boston vom April dieses Jahres – ist auch ohne PR-Geplärr gut genug: In großer Bedächtigkeit, mit großem Bedacht, was die Tempi betrifft (fast 26 Minuten für den ersten Satz!), entfalten Nelsons und sein Orchester ein beklemmendes und doch lichtes, sinnlich-sanguinisches Panorama der späten Stalin-Ära bis zum Tod des Diktators im März 1953. Noch im selben Jahr hat Schostakowitsch seine e-Moll-Sinfonie komponiert, die erste überhaupt nach 1945, und nicht nur die russische Musikwissenschaft streitet sich bis heute darüber, welcher "Realismus", wie viel Kompensation persönlicher Demütigungen und existenzieller Schmach tatsächlich in den Noten steckt.

Ist der kurze zweite Satz, Allegro, mit seinen Karateschlägen, seiner Raserei nun ein Porträt der "Spinne" Stalin, wie Schostakowitsch in seinen Memoiren behauptet? Ist das in Noten übersetzte Monogramm DSCH wirklich als Selbstbehauptungsstempel des Komponisten zu betrachten, als trotziges Sich-Einschreiben in die Geschichte, jetzt endlich, jetzt erst recht? Und was steht am Ende, im dritten und vierten Satz: das Gute, Klarheit, Frieden, gar der Sieg der Kunst über alle politische Repression?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 08.10.2015.

Wären diese Fragen je zu beantworten, Schostakowitsch wäre kein großer, die Verhältnisse stets transzendierender Komponist – und Nelsons’ Aufnahme der Zehnten wohl kaum weiter bemerkenswert. Gewiss, Bostons Symphoniker spielen hinreißend, nie präpotent an den solistischen Stellen, immer idiomatisch im Timbre und dabei von einer klanglichen Tiefenschärfe, die amerikanisch, europäisch und russisch zugleich anmutet, als hätte das Orchester seit seiner Gründung 1881 sämtliche Zeitläufte inhaliert, hüben wie drüben. Und Nelsons gelingt es, was nach eigenem Bekunden Teil seiner Strategie ist, diesen hoch intellektuellen Klangkörper (in Boston, der Stadt mit Harvard, dem MIT und insgesamt 37 Universitäten, ist irgendwie alles intellektuell) so zu erschüttern, ja positiv zu verunsichern, dass sich viele Fragen neu stellen. Wer sind wir als Superprofis? Und wer ist Dmitri Schostakowitsch, was sagt er uns heute und in Zukunft, da allüberall so viel Krise herrscht wie noch nie? Rückt er uns näher, ferner?

Spricht man vor Ort mit den Verantwortlichen des BSO, mit Mark Volpe, dem Intendanten, oder mit dem Psychiater (!) Paul Buttenweiser, seines Zeichens President of Board of Trustees, also Aufsichtsratschef des Orchesters, dann schlägt einem jene riesenhafte, typisch amerikanische Freundlichkeit entgegen, vor der die Europäer sich immer ein bisschen fürchten. Freundlichkeit und Stolz. In Boston, erklärt Volpe, nachdem er lässigst ein paar Zahlen durchdekliniert hat (100 Millionen Dollar Jahresbudget! 15 Millionen Dollar Fundraising! 350.000 Besucher jährlich nur beim Sommerfestival in Tanglewood!), gehöre die Musik zum öffentlichen Leben wie der Baseball oder die U-Bahn, man erreiche damit faktisch jeden. Dies bedeute viel Arbeit, auch jenseits des Konzertpodiums, und Andris Nelsons sei darin schlicht "genial": weil er die Sponsoren von Anfang an als "part of the team" begriffen habe und weil er jedes Dinner und jede CD-Präsentation und jeden noch so albernen PR-Act (bei dem er schon einmal zum Baseballschläger greift oder sich in Tanglewood in einen Golf-Cart setzt) nicht nur klaglos über sich ergehen lasse, sondern stets ehrlich kommuniziere, den Menschen so Vertrauen entgegenbringe. "Wir beten ihn an", sagt Buttenweiser, "because he is so real".