Im Zentrum von Charlotte Roches neuem Roman steht Chrissie, eine Frau über dreißig in einem 850 000 Euro teuren Haus, das noch abbezahlt werden will. Sie teilt es mit Jörg, ihrem in der IT-Branche tätigen Mann, der einen kleinen Penis und kurze, dicke Finger hat, rund um die Uhr Club-Mate trinkt und nur Kapuzen-Sweatshirts trägt. Es gibt auch noch Mila, eine Tochter im Säuglingsalter, die vermutlich nicht Jörg zum Vater hat und die er doch liebevoll umsorgt. Das ist auch sehr nötig, denn die TV-Serien-süchtige Mutter ignoriert ihr Kind. Seit der Geburt hat sie Brüste wie Briefbeschwerer und schläft auf dem Sofa. Zum Sitcom-Personal des Romans gehören neben Jörgs Verwandtschaft eine auf brühend heiß getunte Kaffeemaschine, ein Kindermädchen namens Marie und ein Fitnesstrainer, den Chrissie in bar bezahlt, weil ihr auf rubeneske Formen abonnierter Mann nicht erfahren darf, dass sie Sport treibt.

Ein wenig unglaubwürdig sind diese Pascharechte, denn für eine gefügige Haremsdame ist die Erzählerin Chrissie zu selbstbewusst und aggressiv. So wie sie unter ihren Fettröllchen heimlich Muskeln aufbaut, ist auch ihr Geist schlank und durchtrainiert. "Ich hatte mal einen Beruf, um den mich viele beneidet haben", weiht sie uns ein. Sie gab ihn für die Schwangerschaft auf, der Weg zurück in die Unabhängigkeit kann demnach nicht allzu weit sein. Von ehelicher Abhängigkeit lässt sich weder im existenziellen noch im emotionalen oder, Gott bewahre, sexuellen Sinne sprechen. Denn Jörg ist eine Witzfigur, einer, der nicht merkt, dass Chrissie beim Pflichtsex den Orgasmus vortäuscht, und den sie überdies für schwul hält.

Charlotte Roches legendäre Beischlaf- und Intimbereich-Expertise, die sich in ihrer Ausführlichkeit oft wie eine Wartungsanleitung für Feinmotoren las, feiert in Mädchen für alles ein lustloses Finale in lesbischen Gehversuchen mit dem Kindermädchen. Richtig ins Zeug legt sich ihre Technikversessenheit erst bei Chrissies sadistischen Phantasmen von der Abservierung ihrer Eltern. Als eine Postkarte aus Spanien eintrifft, die nach einer Jahrzehnte zurückliegenden Scheidung nun von Neuanfang kündet, verwandelt sich Roches Heldin in einen Natural Born Killer und schmiedet einen teuflischen Plan. Psychologisch ist all das schwer auf die Reihe zu bringen. Wenn die Heldin bipolar ist, wie sie selbst vermutet, so gibt ihre Erzählstimme nur der manischen Seite recht.

Was den Roman trägt, ist Chrissies hochstilisiertes Selbstgespräch, ihr saufreches Es, dem die gezielten Pointen eines erbarmungslosen Ichs zur Seite stehen. So hatte sich James Joyce den weiblichen Bewusstseinsstrom gewiss nicht vorgestellt. Chrissies Sarkasmus ist so kurzweilig wie ihre Selbstironien, wenn sie in ihrer "Schmittchenschleichermanier" durchs Haus geistert oder sich wonnig als "ganz schön aggressives Frettchen" deklariert. Ihr Monolog ist mit pubertären Kolloquialismen wie "Alter!", "Also echt!" und "voll einfach" aufgemotzt, von Jargonmetaphern wie "jemanden an der Backe" und "einen im Tee" haben getränkt, von triumphierenden "Ha!s" und genüsslich zelebrierter Sprachschlampigkeit interpunktiert: "Ziehding rausgezogen vom Koffer, voll cooles Teil", heißt es, als sie für einen 10.000-Euro-Flugangstkurs in München aus dem ICE steigt.

Nicht Exzess ist die Wahrheit dieses Buches, sondern der experimentelle Forscherblick, der immer kühler wird, je extremer es zugeht. Roches Erzählerin ist ein Geschöpf des Medienzeitalters, das alles gesehen hat und auf Hochtouren läuft, um es locker wegzustecken. Unsere Sympathie gilt ihrer Unverfrorenheit. Im Vorwort nennt sie die Menschen in Fernsehserien ihre Wahlverwandten. Ihr Roman surft zwischen Talkshow, Sitcom und Splattermovie hin und her. Alles ist virtuell, reine Pose, der finale Showdown so wie Mutterschaft, Ehe und lesbische Eskapaden. Mädchen für alles ist ein Symptom in der Tradition von Bret Easton Ellis, reich an schattenhaften Abziehfiguren und ohne jede existenzielle Konsequenz. Ein Roman? Sicher nicht. Ein Rhetorikkurs für Fortgeschrittene.