Wer gelegentlich noch Fernsehen schaut, wird im großen bunten Brei vielleicht auf Die Geissens stoßen, eine RTL-2-Serie, die sich, 2011 erstmals ausgestrahlt, offenbar großer Beliebtheit erfreut; gerade begann die zehnte Staffel. Die "Dokusoap" gewährt nach Drehbuch Einblick in den sogenannten Alltag des rheinischen Millionärsehepaars Robert und Carmen Geiss und ihrer beiden minderjährigen Töchter. Sie zeigt die Familie beim Müßiggang an allerlei talmiluxuriösen Orten, gern am Mittelmeer, auf den viel geliebten Inseln der Ägäis, und begleitet sie durch ihren ewigen Lebensurlaub, auf ihren Jacht- und Einkaufstouren.

Laiendarsteller spielen Shoppingkanal. Die "Handlung" folgt ausschließlich der bewährten Glücksformel "ich, mir, mich". Damit kann man nichts falsch machen. Zumal der männliche Held der Serie, Robert Geiss, ein ebenso vitaler wie schlichter Charakter mit Mittelstandserfahrung ist, ein Kerl, der die Dinge beim Namen und beim Preis zu nennen weiß. Seine Frau Carmen steht ihm in nichts nach, Bling-Bling-Queen und Betroffenheitsblondine von resoluter Naivität. Vor allem aber: Sie wissen Bescheid. Sie waren schon überall, sie haben schon alles gesehen. Sie wissen, was läuft und wie es läuft und worauf es ankommt, wo das Teuerste am billigsten ist und das Größte noch größer. Sie kennen die Warenempfindung, sind Experten für das gute Leben und die beste aller Welten.

Family values à la RTL? Die heilige Familie im letzten Licht des neoliberalen Zeitalters? Aber nicht doch. Tatsächlich sind Die Geissens eine uralte Spielfigur. Und verfolgt man die Spur zurück, so stößt man überraschenderweise auf eins der schönsten Bücher deutscher Sprache: auf Christian Reuters Schelmuffsky. 1696 erschienen, gehört dieser kleine Roman zu den fünf oder sechs solitären Geniestreichen der deutschen Literaturgeschichte, wie Goethes Werther und Hoffmanns Kater Murr, Büchners Lenz und Droste-Hülshoffs Judenbuche. Ein Roman, nein, eigentlich kein Roman, sondern ein grandioser, monströser, geissenöser Monolog, der verkannt und vergessen war; erst hundert Jahre nach seinem Erscheinen entdeckte man ihn wieder. Vergessen wie sein Autor: der Leipziger Student Christian Reuter.

Sehr viel mehr als dieses, dass Reuter erstaunliche zwölf Jahre Student in Leipzig war, weiß man nicht von ihm, trotz heftigster Barockforschung. Nicht einmal das genaue Datum seiner Geburt, nur den Tag der Taufe: vor 350 Jahren, am 9. Oktober 1665 in Kütten bei Halle an der Saale. Ein Bauernsohn, der spät erst, als 23-Jähriger, zum Jurastudium nach Leipzig ging, dort einige Molière-inspirierte Komödien schrieb (die ihm Ärger und Beleidigungsklagen eintrugen) und der um 1700 verschwand, zunächst nach Dresden, kurz darauf in Richtung Berlin. Genaueres blieb ein Geheimnis, nicht einmal der Ort und der Tag seines Todes sind bekannt. Weder ein Bild noch ein Brief hat sich erhalten, keine zeitgenössische biografische Notiz, nichts. Nur dieses wundervolle Buch ist geblieben, das ungezählte spätere Autoren von Clemens Brentano bis Walter Benjamin begeistert hat: Schelmuffsky . Oder ganz genau: Schelmuffskys warhafftige curiöse und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser und Lande. Dem ersten Teil folgte 1697 ein kurzer zweiter. Zusammen 190 luftig bedruckte Reclam-Seiten.

Kein Schelmenroman! Und noch einmal: kein Schelmenroman! Nichts, was man gemeinhin darunter versteht, Nasreddin Hodschas oder Till Eulenspiegels lustige Streiche, Münchhausen oder Felix Krull. Stattdessen ein Monolog, eine wuchernde, kaskadierende Suada: ich, mir, mich. Es ist die antik-barocke Theaterfigur des Bramarbas, des Renommisten, von der Bühne herabgestiegen, ins Leben gestellt, das heißt, an einen Kneipentisch gesetzt – wohin genau, verrät uns Reuter, verrät uns Schelmuffsky leider nicht. Und dann: losgelabert!

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 08.10.2015.

Das Buch ist in gesprochener Sprache geschrieben. Eigentlich muss man es laut lesen. In kalkuliertem stilistischen Stimmbruch wechselt die Lage ständig zwischen Schmierentenor und Rüpelbass, auf öligste Phraserei folgt ordinärstes Gefluche.

Schelmuffsky erzählt sein müßiges Leben, das ist seine never ending Kavalierstour durch Europa bis nach Indien, ohne Ziel und Auftrag, aber voller Sternstunden, eine einzige Kette von Heldentaten. Wohin auch immer er kommt, nach Amsterdam, Hamburg, Stockholm, London, Rom, er steht im Mittelpunkt. Er kann, er will, er schafft es; Geld ist stets vorhanden, illustre Freunde umgeben ihn. Wo er steht, da ist vorn, und wenn ihm ein Malör passiert, dann ein schicksalhaft gewaltiges. Wenn ihn eine Krankheit trifft, die Seekrankheit zum Beispiel, dann elementar. Dann sind die Qualen und Konvulsionen so mächtig, dass alle nur staunen, wie ein Mensch so enorm viel kotzen kann.

Für Schelmuffsky steht Schelmuffsky immer im lodernden Brennpunkt der Ereignisse und des Interesses aller. Allein schon die ungeheuerliche, mystisch umfasste Geschichte seiner Geburt – es lief eine Ratte durchs Zimmer – kann gar nicht oft genug erzählt werden und löst unter seinen Zuhörern, egal, welchen Ranges, immer wieder ungläubiges Staunen und grenzenlose Bewunderung aus, ja eine gewisse Heilserwartung. Schelmuffskys Leben ist das Leben eines von Gott Gesegneten, eines Helden, eines Galanthommes obendrein, unnötig zu sagen, dass ihm die Frauenherzen zufliegen, sobald er den Raum betritt.