In den Vereinigten Staaten ist Jazz das unpopulärste Genre auf dem Tonträgermarkt. Das hat der Jahresbericht des Marktforschungsunternehmens Nielsen ergeben. In seinem Herkunftsland gilt der Jazz als eine Sache für alte Leute. Zum Glück aber sind die Retter nicht fern, welche den Jazz mit neuem Inhalt zu füllen wissen, gesellschaftlich relevant, auf Ohrenhöhe mit nachwachsenden Hörern: Musiker wie Christian Scott aus New Orleans gehören dazu. Der 32-jährige Innovator spielt Trompete und selbst entworfene Blasinstrumente, die er Reverse Flugelhorn nennt oder The Siren. In seiner Band ist er der Älteste. Was in ihm brodelt, hat er auf bislang acht Studioalben in Musik übersetzt: Polizeigewalt, Homoehe, die schwarze Kultur Amerikas.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 08.10.2015.

Sein neuntes Album Stretch Music erweitert das Vokabular des Jazz um Trap, jene Unterform des Hip-Hop, in der synthetische Trommeln durch düstere Klanglandschaften rasen. Pulsierende Drum-Maschinen, zischende Becken und Bässe, die in die Magengegend zielen. Diese abstrakt stolpernde Spielart des Südstaaten-Rap ist eigentlich das Gegenteil von Christian Scotts seelenvollem Spiel. Seine weihevollen Bläser könnten genauso auf dem Mardi Gras in New Orleans ertönen. Zusammen aber klingt beides famos. Keine Anbiederung, sondern universelles musikalisches Denken.

Geht es nach Christian Scott, ist Jazz eine Frage des Charakters. Wer es schafft, ihn durchs Horn zu blasen, ist gut. Seine Mitspieler sind es, an der Flöte etwa erzeugt die 20-jährige Elena Pinderhughes wahre Schwindelgefühle. Sie kreist um den Wirbel an Schlagzeug und Schlagzeugcomputer, versetzt die Rhythmik in einen Zustand wohlklingender Orientierungslosigkeit. Die schwebenden Balladen des Albums erzeugen einen Gleichklang zwischen dem resignierten Seelenecho der Band Radiohead und dem Minimalismus des Miles Davis der Tutu-Ära. Stretch Music ist das Motto eines musikalischen Systems, das sich nach allen Seiten hin offen zeigt. Sinnfällig erweitert durch eine App: In einem interaktiven Musikplayer kann man einzelne Tonspuren des Albums ausblenden und selbst dazu spielen, nach Noten oder frei improvisiert.

Christian Scott: Stretch Music (Ropeadope Records) Download: http://christianscott.tv