Es gibt etwas an der, nennen wir sie mal teutonischen Plattenverschiebung in Europa, das wahrscheinlich die Deutschen selbst noch gar nicht richtig bemerkt haben. Ist euch eigentlich klar, wie sehr Deutschland immer mehr dem "alten" Skandinavien ähnelt?

Während der Reisen, die ich für mein neues Buch unternahm, fiel mir auf, dass den Deutschen etwas Bemerkenswertes gelungen ist, etwas, das wir im Norden immer angestrebt haben: eine produktive Balance zwischen Ordnung und Flexibilität. Diese Ausgewogenheit erklärt nicht nur, warum Deutschland die erfolgreichste Wirtschaft Europas hat, sondern auch den Ton seiner politischen Kultur. Ihr setzt auf Kompromisse, statt zu polarisieren.

Sicher, viele Deutsche beschweren sich ständig über Dinge, die besser laufen könnten, doch ich halte das Fehlen von Selbstzufriedenheit für eine Tugend. Vor allem, da ich als Norweger gestehen muss: Wir Skandinavier haben eher das umgekehrte Problem. Die Unterschiede zwischen unseren nationalen Idealbildern und der Wirklichkeit klaffen immer weiter auseinander.

Die Deutschen haben die skandinavischen Gesellschaften immer bewundert. Als wirtschaftlich erfolgreiche und zugleich egalitäre Systeme, so schien es, hatten sie mit einer liberalen und aufgeschlossen Kultur einen Mittelweg zwischen Sozialismus und Kapitalismus gefunden.

Wer heute jedoch einen genaueren Blick auf diese Länder wirft, wird feststellen, dass der Traum ausgeträumt ist. Schweden wies zwischen den Jahren 1985 und 2000 von allen 34 OECD-Ländern die am schnellsten wachsende Ungleichheit zwischen hohen und niedrigen Einkommen auf. Die Leistungen des Wohlfahrtsstaats wurden stetig reduziert, während die Zustimmung zu den rechtsradikalen Schwedendemokraten wuchs; laut einer aktuellen Umfrage sind sie die Partei mit der größten Popularität. Bei den Dänen wird der alte Witz, wonach sie mehr "Stamm" als Volk" seien, immer weniger lustig. Seit über zehn Jahren beschäftigt sich das Königreich wie besessen mit Fragen wie Einwanderung und Islam.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 08.10.2015.

In Norwegen schließlich erweist sich der Ölreichtum allmählich als Fluch. Einwanderer (von denen übrigens viele Schweden sind) übernehmen mehr und mehr die praktische Arbeit – sie reinigen unsere Häuser, bedienen unsere Restaurants, fahren unsere Busse und betreuen unsere Senioren. Viele norwegische Jugendliche werden depressiv, wenn sie merken, dass die Luxussteigerung, Hollywoodschauspieler zu werden, womöglich doch nicht realistisch ist.

Nun, da der Ölpreis sinkt und die ölabhängige Industrie wackelt, sorgen sich viele Norweger um ihren Platz auf dem Arbeitsmarkt. Gibt es in diesem Hochlohnland für sie noch eine attraktive Nische? Oder müssen sie in Zukunft ihre Fische selber filetieren, statt das in China erledigen zu lassen? Viele ehrgeizige junge Norweger werden in nächster Zeit sicher nach Deutschland auswandern, um dort einen interessanten Job zu finden.

Ohne den faulen Zustand Skandinaviens überzeichnen zu wollen – der Trend ist klar: Die nordischen Länder werden weniger gleichberechtigt, und die Gemütlichkeit des guten alten skandinavischen Lebens ist durch die Angst vorm Fremden gestört worden.

Natürlich kann man kann sagen, das gelte auch für Deutschland. Trotzdem unterscheidet es sich von anderen großen Nationen wie Frankreich oder Großbritannien durch einen wirksamen sozialen Ausgleich. Zum Beispiel ist das Niveau der Familien- und Sozialausgaben, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, genauso hoch wie in Skandinavien, und das in einem weniger homogenen, föderalen Staat. Die Mordrate in Deutschland ist unter die von Norwegen, Schweden und Dänemark gesunken. Während Deutschland alte Gefängnisse schon zu Wohnhäusern umbaut, sind die norwegischen so überfüllt, dass die Regierung begonnen hat, Zellen in den Niederlanden zu mieten. In Deutschland ist die Zahnarztversorgung Teil der Krankenversicherung. In den nordischen Ländern ist der Zahnarzt nur für Kinder und Jugendliche kostenlos – und für Erwachsene sehr teuer. Und während die lokalen Banken in Skandinavien fast irrelevant werden, erfreut sich der deutsche Mittelstand an Sparkassen, die nicht nur an den Profit denken, sondern auch an die Interessen der Gemeinschaft.

Sicher, viele Menschen arbeiten im Niedriglohnsektor, und manchmal verdienen sie so wenig, dass sie ihren Kindern die Klassenfahrt nicht bezahlen können. Aber die Entwicklung zeigt nach oben, nicht zuletzt wegen der Einführung des Mindestlohns. Nebenbei wird eure Gesellschaft informeller und weniger hierarchisch. Selbst in Bundesministerien, habe ich mir sagen lassen, sei es mittlerweile üblich, sich zu duzen. Ganz wie bei uns.

Im Grunde entdecken wir Nordländer erst jetzt wieder, wie nah uns Deutschland nicht nur geografisch, sondern auch kulturell ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten sich die Skandinavier verständlicherweise zur angelsächsischen Welt hin orientiert. Heute nimmt das Interesse an Deutschland wieder zu, auch in Norwegen, wo die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die als Fremdsprache Deutsch statt Französisch oder Spanisch wählen, stark ansteigt. Wenn diese Entwicklung so weitergeht, könnten diese Skandinavier eines Tages ein Land entdecken, das sie womöglich dafür mögen werden, dass es ein bisschen so ist, wie ihre Heimat einmal war.

Sten Inge Jørgensen ist Journalist bei der norwegischen Wochenzeitung "Morgenbladet". Soeben ist sein Buch "Tyskland stiger frem" ("Deutschland steigt auf") erschienen