Man sollte meinen, die Achtziger wären durch. Auserzählt in tausend Anekdoten rund um Schulterpolster und Föhnfrisuren, zu Tode genudelt in Achtziger-Jahre-Shows. Doch erstens bewegen wir uns als Erinnerungswesen in einer Riesenretroschlaufe, in der nichts je zu Ende geht, und zweitens: Was heißt hier Achtziger? Die Achtziger, sagen wir, David Hasselhoffs unterscheiden sich grundlegend von denen Alexander Hackes. Als Ersterer Looking for Freedom sang, saß Letzterer in seiner Kreuzberger Altbauwohnung und laborierte an einem Riesenkater.

Wir schreiben das Jahr 1989, gleich wird es zu jenen Szenen kommen, die seither so oft über den Bildschirm geflimmert sind, dass sie selbst etwas Halluzinatorisches angenommen haben: Scharen von DDR-Bürgern, die in Pappautos über die Grenzen drängen und enthemmt auf dem antiimperialistischen Schutzwall herumtanzen. Seither gilt Deutschland hochoffiziell als glücklichstes Land der Welt. Hacke hingegen, als Gitarrist, Bassist und Soundmann bei den Einstürzenden Neubauten altgedient, erzählt wahrheitsgemäß, wie das historische Ereignis "Mauerfall" damals in den Trutzburgen der (West-)Berliner Subkultur empfunden wurde: als lästige Randerscheinung.

Krach hat er seine Memoiren genannt, denn Krach war es, der damals aus Ritzen und Kellerlöchern der Frontstadt schallte: ein lustvoll infernalischer, in starkem Gegensatz zur verkehrsberuhigten Lage stehender Katastrophenlärm. Der Untertitel Verzerrte Erinnerungen – eine Anspielung auf Falcos Bonmot, wer sich an die Achtziger erinnern könne, habe sie nicht erlebt – passt, weil Hacke alles genommen hat, was damals zu kriegen war, von Klebstoff über Aufputschmittel bis zu Kokain. Vom Alkohol ganz zu schweigen, den Wirte, eher Künstler als gastronomische Unternehmer, in klandestinen Kneipen ausschenkten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 08.10.2015.

Es ist die anheimelnde Klaustrophobie der Insel, die hier noch einmal aufersteht: die Wärme nach innen, das programmatisch Unfreundliche nach außen, die Braunkohleöfen, mit deren Beheizung man sich lebensgefährliche Vergiftungen zuziehen konnte. Aber eben auch: die billigen Mieten, die Unterkapitalisierung, die Freiräume. Hacke, keiner Ausschweifung abgeneigt, führt durch Läden und Szenen, er macht im Dschungel halt und erzählt, wie es war, im Risiko am Tresen zu stehen, ganz dem köstlichen Gefühl hingegeben, Teil einer Weltverschwörung zu sein. Okay, so ähnlich hat man das schon gelesen. Anders jedoch als Sven Regeners fiktiver Herr Lehmann war Hacke dabei.

Als Schlüsselroman funktioniert das Erinnerungswerk wunderbar: Blixa Bargeld, Ben Becker und andere Größen des Berliner Nachtlebens kommen vorbeigegockelt, auch unbekanntere Figuren wie Frieder Butzmann oder der "Zensor" Burkhardt Seiler. Neben den Einstürzenden Neubauten kriegen auch Szenepflanzen wie die Ätztussis oder – sie hießen so! – das Mekanïk Destrüktïw Kommandöh ihren Auftritt. Leider ist Hacke ein schlichter Erzähler: Techniken der Spannungserzeugung sind ihm fremd. Selten einmal verirrt sich ein Reflexiönchen in den Bericht, meist bleibt es bei einer absatzlos vorgetragenen Chronik.

Wie viele Veteranen neigt Hacke dazu, was nach ihm kommt, nicht mehr für erheblich zu halten. Das dämpft den Gesamtsound: Krach klingt, als würde Opa vom Krieg erzählen, anekdotenreich, aber auch voller Gedächtnislücken. Darauf einen Tequila Sunrise. Die wilden Achtziger werden uns noch ein Weilchen erhalten bleiben.