Der Sportfilm, erst recht der nach einer "wahren Begebenheit", steht vor zwei Problemen: Der Wettkampf muss möglichst "echt" aussehen, von den Bewegungen der Sportler bis hin zu den Zuschauermassen, sonst glaubt man ihm den ganzen Rest auch nicht. Und er muss eine ganz eigene Spannung jenseits des Ergebnisses kreieren, weil man von den großen Sportereignissen ja immer schon weiß, wie es ausgegangen ist. Mit seinem Film The Program über Aufstieg und Fall des Radrennfahrers Lance Armstrong hat sich der Regisseur Stephen Frears beide Probleme im XXXL-Format aufgehalst: Die Tour de France, um die sich alles dreht, ist das härteste und größte Radrennen der Welt; wer sie "nachspielen" will, braucht Darsteller mit außergewöhnlichem Talent zur Selbstquälerei und eine Menge Tricks bei Kamera und Schnitt, um ein Rennen mit 180 Fahrern und Millionen Zuschauern an der Strecke zu simulieren. Und das Schicksal von Lance Armstrong, der nach einer Hodenkrebserkrankung zum besten Radprofi aller Zeiten wurde, die Tour sieben Mal gewann und alle Titel, Ruhm und Ehre wegen Dopings verlor, ist zwar eine der spektakulärsten Geschichten der Sporthistorie – aber auch schon tausend Mal erzählt.

Frears hat sich trotzdem darangewagt – und zumindest ein paar Etappensiege errungen. Die Illusion, live bei der Tour mitzufahren, ist ihm grandios gelungen. Winzige Kameras, an den Rädern einiger für den Film verpflichteter Profis montiert, vermitteln überzeugend das rauschhafte Tempo einer Abfahrt in den Alpen oder die Quälerei auf Kopfsteinpflasterstraßen. So hat man die Tour noch nicht gesehen. Nur bei wenigen Anschlüssen, Schnittbildern, Gegenschüssen erkennt man, dass das Wetter in den Bergen nicht immer mitgespielt hat (gedreht werden musste nach dem Ende der Rennsaison im Oktober): Eben noch keuchen die Fahrer unter grauem Himmel, ehe sie ein paar Kurven später in ein sonnengoldenes Frühherbstpanorama hineinkurbeln. Doch davon abgesehen, vermischt der Cutter Valerio Bonelli das Filmmaterial virtuos mit Originalaufnahmen aus anderthalb Jahrzehnten Tour-Geschichte; Überblendungen mit den Schlagzeilen aus der Sportpresse erzählen im Zeitraffer die Geschichte von Armstrongs Triumphfahrten. Noch besser (weil es davon kaum "echtes" Material gibt, dass die filmische Fantasie einengen könnte) gelingt der Blick auf die eklige Wahrheit hinter dieser Überfliegerei, das Eintauchen in die Dr.-Frankenstein-Welt des Arztes Michele Ferrari, in die klaustrophobische Enge der Teambusse und Wohnmobile, in denen die Sportler, ihre Chefs und Betreuer mit Spritzen, Pillen, Blutbeuteln hantieren wie Drogenabhängige. Das ist das "Programm" des Filmtitels: die größte Doping-Verschwörung aller Zeiten, von Armstrong mit eisernem Willen und ohne Skrupel betrieben.

Ben Fosters buchstäbliche "Verkörperung" dieses Ausnahmeathleten ist beeindruckend. Vom zunächst chancenlosen Muskelprotz wandelt er sich zum ausgezehrten Unschlagbaren – ein Charakter in zwei Körpern. Sogar Armstrongs typische Körpersprache auf dem Rad hat der Schauspieler sich antrainiert, damit die Umschnitte aufs Archivmaterial reibungslos funktionieren. Gnadenloser Ehrgeiz und Aggressivität gegen jeden, der ihm in den Weg tritt, scheinen den hageren Leib fast zu zerreißen.

Und doch beginnen hier die Schwierigkeiten des Films. Armstrong will immer gewinnen, und der Sieg über den größten aller Gegner, den Krebs, gibt ihm die Gewissheit, unschlagbar zu sein. Einmal übt er vor dem Spiegel, wie er am überzeugendsten sagt: "Ich bin niemals positiv getestet worden" – der Diktator seines Sports trainiert noch das Manipulieren. Aber woher rührt dieser in Größenwahn gipfelnde Siegeswille? Geht es dem Burschen aus einfachen Verhältnissen ums Geld? Sein großes Haus lässt darauf schließen. Aber sonst? Außer den Durchhalte- und "Du kannst es schaffen"-Kalendersprüchen, mit denen schon der echte Armstrong die Welt nervte und an der Nase herumführte, hat auch Frears nicht viel Motivierendes zu bieten. "Armstrong ist der komplizierteste Mensch der Welt", sagt der Regisseur – und kommt seinem Rätsel in 104 Filmminuten kaum wirklich näher.

Vielleicht liegt es daran, dass Armstrong selbst es bereits meisterhaft verstand, sein Leben als Legende nach den Erzählmustern des Star-Kinos zu vermarkten. Diese wirkmächtige Lüge nun mit den gleichen Methoden zu entlarven funktioniert nur bedingt. Frears inszeniert einen Zweikampf zwischen dem Betrüger Armstrong und dem unbestechlichen irischen Journalisten David Walsh (Chris O’Dowd), an dessen Buch Seven Deadly Sins. My Pursuit of Lance Armstrong sich der Film orientiert. Aber der Star stürzte nicht allein über diese Enthüllungen. In seinem Kampf um die Spitze machte Armstrong sich überall Feinde, bis schließlich sein Lügengebäude von allen Seiten unterspült wurde. Einige dieser Widersacher treten als Nebenfiguren auf: Floyd Landis (Jesse Plemons), der tiefreligiöse Mennoniten-Junge, zunächst Armstrongs erster Helfer, später selbst gedopter Tour-Sieger – er ist dem großen Lügen auf Dauer nicht gewachsen und packt schließlich aus, auch über Armstrong. Oder der Risikoversicherer Bob Hamman (Dustin Hoffman), der Armstrong viel Geld für die Tour-Siege bezahlen muss, obwohl er ihm nicht glaubt – und so lange dranbleibt, bis er schließlich alles zurückbekommt. Diese und noch mehr Kronzeugen, Widersacher, Opfer kann und will der Film nicht verschweigen – nimmt so aber dem Zweikampf mit Walsh die dramaturgische Wucht.

The Program will mehr sein als nur ein Radsportfilm: eine Lektion über Startum, darüber, wie Ruhm die Moral ruiniert und wie gern sich das Publikum und die Medien belügen lassen, wenn nur die Story geil ist. Das bleiben allerdings Binsen, wenn sie nicht auf neue Art und Weise präsentiert werden. Dabei hat der Film jedoch wenig Spielraum: Der Dopingfall Armstrong ist noch immer juristisch vermintes Gelände, hier kann man nicht einfach die dunklen Stellen mit Fantasie verfüllen. Bei The Queen, Frears Meisterstück über die englische Königin, war das anders: Sie ist noch bekannter als Armstrong – aber verlässlich weiß man fast nichts über sie. Deshalb konnte nicht nur ihre Gefühlswelt imaginiert werden, sondern sogar ihr Tagesablauf. Von Armstrong ist viel mehr aktenkundig. Und dem muss der Film folgen, auch wenn die bloßen Fakten nicht helfen, das Phänomen zu ergründen.