Lieber Philipp Lahm,

wie soll ich anfangen? Diese Unsicherheit hat sich seit meinem Aufbruch vor fünf Jahren in meiner alten Heimat, dem Senegal, wie ein Schleier über mein Leben gelegt. Ich möchte Ihnen auf keinen Fall Ihre Zeit stehlen. Wie viel Zurückhaltung ist angemessen, frage ich mich häufig, ab wann ist es falsch, sich zurückzunehmen? Ich bin ja auf Hilfe angewiesen. Diese Abhängigkeit macht mich manchmal wütend. Wenn man sich auf einer Reise befindet, deren Route und Ziel sich ständig verändern, dann kann man schnell den Halt verlieren. Ich meine nicht nur die bloße Orientierung, ich denke, der Sinn des ganzen Lebens ist plötzlich in Gefahr.

Es gibt nur ein Motiv, das mich antreibt: Es ist der Wunsch, Fußball zu spielen. Ich habe schon früh damit begonnen.

Können wir unsere Herkunft erst mal vergessen? Wenn ich Ihnen beim Spielen zuschaue – die meisten Ihrer Spiele habe ich im Senegal im Fernsehen verfolgt –, dann fühle ich mich Ihnen nah. Ich habe im Mittelfeld gespielt, vielleicht ein bisschen offensiver als Sie, aber meine Rolle war trotzdem ähnlich: Ich war derjenige, der die Spielzüge vorausgedacht, der die Räume gesehen hat, bevor sie die Gegner zustellen konnten. Warum spielen Sie nicht häufiger im Mittelfeld? Darf man in Deutschland eigentlich mitentscheiden, auf welcher Position man spielt? Wer hat Sie eigentlich entdeckt? Woher wussten Sie, dass Ihre Förderer es gut mit Ihnen meinen?

Im Sommer 2010 sprach mich ein Mann nach einem Ligaspiel im Senegal an. Er sagte, ich sei außergewöhnlich gut und er könne mir helfen, in der türkischen Liga durchzustarten. Er sprach türkisch, ein Bekannter musste übersetzen. Ich vertraute ihm und reiste in die Türkei. Es war nicht der Ruhm oder das Geld, das mich motivierte. Ich war einfach nur stolz. Nichts kann ich besser als Fußballspielen. Wie ist das bei Ihnen? Was treibt Sie eigentlich an?

Ich spürte schnell, dass der türkische Verein mich nicht verpflichten würde. Den Agenten sah ich nie wieder. Ein Freund, der mit mir aus dem Senegal zum Probetraining in die Türkei gereist war, überredete mich, ihn nach Griechenland zu begleiten. Wir wurden von einem Fahrer an der türkisch-griechischen Grenze abgesetzt, den Weg nach Thessaloniki wollten wir zu Fuß zurücklegen, wir waren ja fit. Nach wenigen Metern wurden wir festgenommen, weil wir kein Visum hatten. Die Polizisten rieten uns, kein Asyl zu beantragen, ansonsten müssten wir sechs Monate ins Gefängnis.

Fortan bestimmte Langeweile meinen Alltag. Es waren nicht die Haftbedingungen, die mich quälten, auch nicht die rassistischen Übergriffe nach der Entlassung. Bis auf einen abgestorbenen Schneidezahn sind alle Verletzungen verheilt. Ich hatte Angst, mit der Zeit meine Fitness zu verlieren. Damals war ich immerhin schon 23 Jahre alt. Kennen Sie den Gedanken an das Gefühl, irgendwann nicht mehr mithalten zu können? Während einer Verletzungspause?

Ich zog weiter nach Kreta, arbeitete auf einer Olivenfarm. Acht Monate später hatte ich 700 Euro zusammen. Das reichte für die Weiterreise. Eigentlich wollte ich nach Frankreich zu meiner Schwester. Über Mazedonien und Serbien kam ich nach Ungarn. Dort wurde ich registriert, fand schnell übers Internet eine Mitfahrgelegenheit, es sollte über Deutschland nach Frankreich gehen. Der Fahrer wusste nicht, dass ich keine Papiere hatte. Kaum hatten wir die Grenze überquert, stellte mich die deutsche Polizei vor die Wahl: Asylantrag oder Gefängnis? Ich kam in eine Erstaufnahmestation in München. Ein paar Tage später begleitete ich einen Freund zum Fußballtraining beim FC Wacker München.

Zwei Jahre ist das nun her. Der FC Wacker hat mir geholfen, eine Unterkunft zu finden und Deutsch zu lernen. Der Verein ist alles, was ich habe. Jeden Dienstag und Donnerstag trainiere ich in der ersten Mannschaft; spiele im Sturm. Ein guter Spieler muss flexibel sein. Ich liebe das Kurzpassspiel, weil man dafür unheimlich konzentriert sein muss. Ich mag die Entwicklung, die der Fußball in den vergangenen Jahren genommen hat. Leider gelingen uns die Kombinationen nicht so oft. Wir spielen in der Kreisliga. Neulich wurde ich auf einem Fußball-Sommerfest angesprochen, ein Mann sagte, Baidy, du verschenkst dein Talent, ich bringe dich in eine höhere Klasse. Ich habe mich bedankt und abgelehnt. Klar würde ich gerne auf höherem Niveau spielen, aber ich bin vorsichtiger geworden. Ich habe immer noch keine Arbeitserlaubnis in Deutschland, nur eine vorübergehende Aufenthaltserlaubnis. Es kann passieren, dass ich zurück nach Ungarn geschickt werde. Ich bete jeden Tag, dass das nicht passiert. Mein Vereinspräsident hat eine Arbeitsstelle für mich organisiert.

Wissen Sie eigentlich schon, was Sie nach Ihrer Karriere machen wollen? Haben Sie Angst, nichts mehr im Leben so gut zu beherrschen wie das Fußballspielen? In meinem Leben geht es nicht mehr darum, weiterzukommen, sondern darum, anzukommen. Das kann, glaube ich, auch ein schönes Gefühl sein.

Ich sende Ihnen liebe Grüße

Ihr Baidy

Der Brief von Baidy wurde von Cathrin Gilbert aufgezeichnet