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1. Im Herbst der Illusionen

Es ändert sich etwas in Flüchtlingsdeutschland. Der Sommer war geprägt von Hilfsbereitschaft und Idealismus, die immensen Probleme, die ein solcher Zustrom von Flüchtlingen unweigerlich bringen würde, wurden erst einmal nach hinten geschoben. Dabei hätte man es von Anfang an wissen können, die Politik hätte es wissen müssen: Flüchtlinge ziehen mehr Flüchtlinge nach sich, unter ihnen sind Islamisten, Terroristen und Kriminelle, nicht alle werden sich den Regeln fügen, die in Deutschland herrschen, es wird zu Engpässen kommen, zu Durcheinander, zu Gewalt. Viele wollten das nicht sehen, jetzt sehen es alle, gut so.

In diesem Herbst macht sich eine andere Stimmung breit. Doch handelt es sich dabei keineswegs um einen Wechsel von Idealismus zu Realismus, wie viele behaupten, im Gegenteil: Deutschland leidet in der Flüchtlingsfrage unter galoppierendem Realitätsverlust, die Illusionen sind zahlreicher geworden, als sie es im Sommer je waren. Und sie haben ihre Farbe gewechselt, sie tragen jetzt Schwarz: Die Angst davor, dass der Zustrom von jährlich einer Million zu 80 Millionen Deutschland überfordern könnte, bekommt mehr und mehr panische Züge, entsprechend schießen wirklichkeitsfremde Abgrenzungswünsche ins Kraut, Gewaltfantasien gegen Flüchtlinge machen sich breit. Und unter der falschen Fahne der "Realpolitik" wird im Mittleren Osten wieder mehr in Illusionen investiert und mit Bomben außenpolitischer Voodoo betrieben.

Es wird Zeit, dass Amerikaner und Europäer, dass insbesondere auch die Deutschen sich von ihren Illusionen und Obsessionen befreien und sich ihren Ängsten stellen.

2. Die Araber wollen ihr Leben nicht mehr vergeuden

Zunächst mal wird in diesen hektischen Tagen verdrängt, dass es um weit mehr geht als um Flüchtlinge und um Syrien, sondern um einen epochalen Einschnitt, der sich seit zwei Jahrzehnten anbahnt. Jetzt, da Millionen Araber sich hierher aufgemacht haben, lässt sich eines nicht mehr übersehen: Im Mittleren Osten leben nicht etwa Ölquellen, dort leben Menschen. Und diese Menschen haben seit mindestens zwanzig Jahren mehr und mehr die Schnauze voll, sie wollen nicht länger ihr Leben lassen oder vergeuden, nicht in korrupten, heuchlerischen Diktaturen und nicht im Chaos. Das Ende ihrer Geduld hat drei verschiedene Ausdrucksformen angenommen: den islamistischen Terrorismus, den Versuch, in Aufständen die Diktatoren abzuschütteln, und eben die massenhafte Flucht. Selbstverständlich sind diese drei Spielarten von "Es reicht" moralisch unterschiedlich zu bewerten, verleugnen lassen sie sich indes nicht. Darum ist es auch illusorisch, zu glauben, man könnte den Terrorismus ersticken oder den Flüchtlingsstrom stoppen, ohne den Menschen dort die Aussicht auf ein besseres Leben zu eröffnen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 08.10.2015.

Jetzt, im Angesicht der Massenflucht, wird auch klar, welchen Nutzen die Diktatoren des Mittleren Ostens für den Westen hatten und größtenteils immer noch haben. Diese Männer bewachen für uns die Ölquellen und halten uns die arabischen sowie afrikanischen Flüchtlinge vom Leib. Sie tun das, was westliche Politiker sich nicht trauen würden, sie schießen Menschen nieder und verschleppen sie in ihre Folterkeller, sie werfen Giftgas und bedrohen die Angehörigen derer, die fliehen. Das allerdings ist funktionierende Abschreckung.

3. Die schwächliche Idee von den starken Männern

Natürlich ist die Verführung groß, diesen Schutzwall aus blutrünstigen, scheinstabilen Diktaturen wieder aufrichten zu wollen. Der große Narr der westlichen Höfe, der zurzeit alle peinlichen Wahrheiten des kollektiven Unterbewusstseins ausspricht, Donald Trump also, hat auch dies klar gesagt: Mit Saddam und Gaddafi sind wir besser gefahren. Und Putin, der große Verführer aus dem Osten, singt dasselbe Lied: Kommt, wir zerstören gemeinsam alles, was sich in Syrien zwischen Assad und dem IS gebildet hat, dann stützen wir Assad oder einen seiner Verwandten, anschließend machen wir etwas Ähnliches mit Libyen, und der Flüchtlingsspuk hat ein Ende.

Das klingt, weil es so brutal und zynisch ist, zunächst mal nach der guten alten, schmutzigen

Realpolitik, nur: Nicht alles, was schmutzig ist, ist deswegen schon Realpolitik. Auch die Intervention Russlands wird das Chaos in der Region nur noch vergrößern, schließlich tut Putin nur das, was Amerikaner und Europäer mit viel größerem Mitteleinsatz immer wieder versucht haben: den Mittleren Osten mit Bomben und Gewehren wieder zu einer Region zu machen, aus der nur Öl kommt, nicht aber Terror und Menschen.