Es waren einmal das Innen und das Außen. Das Außen war das Andere, das Gefährliche, das Ungewisse. Brave Bürger wussten, wovon sie sich abzugrenzen hatten: vom Primitiven und Naiven. So schufen sie, Klavier spielend und die Buddenbrooks lesend, ein heimeliges Innen. All das war einmal.

In liberalen Konsumgesellschaften wechseln heute Innen und Außen unablässig die Rollen, ja sie sind im eigentlichen Sinne nicht mehr unterscheidbar. Waren Tätowierungen einst das Zeichen von Seeleuten, Knastbrüdern und anderen Menschen am Rande der Gesellschaft, so ist der Rand in die Mitte gerutscht und das Tattoo zum Normaldekor geworden. Menschen ohne Punkrock-Jugend tun gut daran, ihren Lebenslauf entsprechend zu schönen, um sich für Jobs als kreative Quertreiber im Stadtmarketing zu qualifizieren.

Kein Zufall also, dass sich aktuell auch die "Outsider Art" (Roger Cardinal) größter Beliebtheit erfreut, in Museen und Galerien, auf dem Kunstmarkt, in Kunstwissenschaft und -kritik. Die autodidaktischen Maler und Bastler verwies man einst als edle Wilde oder geisteskranke Sonderlinge hinter die Grenzen der offiziellen Kultur. Mittlerweile gelten sie als integraler, gleichwertiger Bestandteil der Gegenwartskunst, wie nicht zuletzt die munter steigenden Preise auf Outsider-Auktionen zeigen. Kritische Stimmen würden sagen: Vergleichbar mit Konzernen wie Red Bull, die Subkulturen für ihre Vermarktungsinteressen assimilieren, hegt nun auch das Kunstsystem sein Außen ein. Befürworter würden entgegnen, dass sich endlich Vielfalt und Toleranz breitmachten. In diesem Spannungsfeld schickt sich auch eine große Ausstellung in Essen an, den Graben zwischen Insider und Outsider Art zwar nicht zuzuschütten, aber doch zu verschmälern.

Wurde Outsider Art früher meist isoliert von der Kunst allgemein beglaubigter Avantgardisten präsentiert, gehen die Kuratoren Kasper König und Falk Wolf einen anderen, von Harald Szeemanns documenta 5 inspirierten Weg. Im Museum Folkwang teilen sich bekannte Insider Artists wie Emil Nolde, Pablo Picasso oder Hanne Darboven einen Raum mit Outsider Artists wie Camille Bombois (1883 bis 1970) und Nikifor Krynicki (1895 bis 1968) – und die Besucher müssen sehen, wie sie das Vertraute mit dem Unvertrauten zusammenbringen.

Manchmal ist das nicht eben einfach, wenn etwa Gustave Courbets Gemälde Die Woge (1870) zusammengespannt wird mit den Fotografien des erotomanischen Exzentrikers Miroslav Tichý (1926 bis 2011), der in den 1960er Jahren in der Tschechoslowakei begann, mit selbst gebastelten Kameras heimlich Frauen zu fotografieren. Unweit davon starrt ein Beton-Zebra des ehemaligen Bergmanns Erich Bödeker (1904 bis 1971) unbewegt auf ein abstraktes Gemälde von Robert Delaunay. Was manche wohl als Konfrontation zwischen Progression, Regression und Stagnation interpretieren würden, erweist sich bei näherer Betrachtung als weitaus vielschichtiger.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 08.10.2015.

So inszenierte sich Courbet 1855 als Außenseiter im wörtlichen Sinne, indem er vor den Toren der Pariser Weltausstellung seinen eigenen Pavillon eröffnete und damit die Ära des etablierten Außenseiters einläutete. Umgekehrt muss sich das Beton-Zebra in der gegenwärtigen Ära von Post-Originalität, Kreativrecycling und Tod-des-Autors-Folklore nicht vorwerfen lassen, dem modernen Fortschrittsnarrativ der Kunst kein radikal neues Kapitel hinzugefügt zu haben. Galt gegenständliche Plastik in der Nachkriegszeit als überholt, gilt nun die Zuschreibung des Überholten als überholt, weil elitär, willkürlich, normativ. Stattdessen entdeckt man Wegweisendes im scheinbar Trivialen.

Zudem lässt sich vielerorts beobachten, wie die Künstler der Gegenwart die bisherigen Grenzen zwischen Autonomie und Anwendung, zwischen Kunst, Handwerk und Design auflösen, man denke an Tobias Rehberger oder Ólafur Elíasson. Auch das findet seinen Widerhall in den Werken vieler Outsider-Autodidakten. So ist etwa Bödekers Beton-Holz-Plastik Apollo 8 (um 1969) praktischerweise auch als Vogeltränke nutzbar.

Nimmt man den Gedanken ernst, dass für viele Outsider Künstler keine rigide Trennung zwischen Kunst und Handwerk besteht, sind sie in der Tat Propheten unserer Ära des Hybriden und Diffusen, in der sich Künstler-Forscher wie Julius von Bismarck Bildmaschinen patentieren lassen oder transdisziplinäre Künstler wie Koen Vanmechelen sich als Hühnerzüchter betätigen. Ähnlich wie Massimiliano Gioni in seiner Ausstellung The Encyclopedic Palace auf der Venedig Biennale 2013 wirft somit auch die Essener Ausstellung die Frage auf, wo denn eigentlich die Grenzen zwischen Innen und Außen verlaufen. Lässt sich weiterhin behaupten, ein Künstler wie Bödeker zähle zu den Naiven, während aber Emil Nolde wie selbstverständlich zu den Profis gehöre? Wie anders als naiv wollte man Noldes treuherzige Sätze aus dem 1936 verfassten Neuguinea-Tagebuch nennen? "Ich bin jedenfalls der Meinung, daß meine Bilder der Urmenschen und manche Aquarelle so echt und herb sind, daß sie unmöglich in parfümierten Salons zu hängen sind. Gar keinen anderen bildenden Künstler weiß ich, außer Gauguin und mir selbst, der aus der unendlichen Fülle des Urnaturlebens Bleibendes brachte." Bödeker wiederum stand in regem Kontakt mit der zeitgenössischen Kunstszene und verortete sich selbst in der Tradition von Bildhauern wie Wilhelm Lehmbruck und Henry Moore.