Die Frau in der lila Thermoweste schaut auf die Tageskarte und staunt: "Wolfsbarsch? Boah!" Vielleicht hat sie Bismarckhering erwartet; das läge nah. Das Forsthaus Friedrichsruh liegt ja mitten im Sachsenwald, den der Kaiser dem Reichskanzler 1871 schenkte. Es ist ein schöner Spaziergang von der S-Bahn-Station Aumühle in den riesigen Forst hinein – vorbei am Eisenbahnmuseum, an Traktoranhängern voll dampfender Gülle, dem Schmetterlingsgarten und natürlich einer Menge Bismarck in Marmor und Öl. Ein Highlight ist die Unterführung am Bahnhof Friedrichsruh, vor Kurzem erst handbemalt von der betagten Fürstin Elisabeth samt einem Appell an das Gewissen der Sprayer, die vorher dort gewirkt hatten.

Man könnte meinen, so adelskauzig gehe es weiter, immerhin ist das Forsthaus-Restaurant nicht nur in Familienbesitz, sondern seit einem Jahr auch familiengeführt. Zum Glück entstand dabei kein Ort, wo Vaterlandstreue beim Käsekuchen von Blut und Eisen plaudern. Gehuldigt wird auf einer Fotowand Max Schmeling. Diesen Teil des Restaurants hat eine Fürstin ihrem Idol in den Dreißigern als Trainingslager erbaut.

Ansonsten gibt das Ausflugslokal mitten im Wald sich zeitgemäß und lässig. Man fläzt sich auf Ledersofas mit leuchtend orangefarbenen Kissen. Aus den Lautsprechern kommt Swing. Die obligaten Hirschgeweihe an den grünen Wänden wirken da beinah ironisch.

Auch die Gerichte klingen überwiegend modern. Zu modern für die Thermowestenfrau? Sie belässt es bei einem alkoholfreien Hefeweizen vom Fass. Der Kürbissalat erweist sich als gute Wahl, nicht nur, weil er mit seinen Orange-Grün-Tönen perfekt zur Einrichtung passt. Knackig gebratene Kürbisspalten, knusprige Kürbiskerne, erdigsüße Kernöl-Vinaigrette, fluffige Flocken Ricotta-Käse. Das alles wird lauwarm serviert, so entfalten sich die Aromen am besten.

Die Vorspeise schafft das Vertrauen, das man braucht, um sich an Frikadellen zu wagen. Hier kommen sie vom Wildschwein, was man am herzhaften Geschmack bemerkt. Nappiert mit einer guten Rotweinsoße, liegen sie auf einem angenehm stückigen Kartoffelstampf mit bissfest gebratenen Rosenkohlhälften. Kein Zweifel, im Forsthaus arbeiten Könner, aber können die nicht noch mehr? Wildschwein gab es hier mal als Sushi und Kürbis als Chips. Aber der Sternekoch von damals hat schon bald das Handtuch geworfen. "Der machte gerne kleine Kleckse auf große Teller", erzählt der Restaurantleiter. "Mit dem neuen Konzept kam er nicht mehr klar." Sein Nachfolger scheint auf die Besonderheiten des Sachsenwaldes besser eingestimmt zu sein. Er lädt so viel auf, dass auch ein Schmeling nach zwölf Runden satt geworden wäre. Immerhin schreitet man so angemessen gravitätisch auf den fürstlichen Wegen zum Bahnhof zurück.

Forsthaus Friedrichsruh, Ödendorfer Weg 5, Friedrichsruh. Tel. 04104/699128199, www.forsthausfriedrichsruh.de. Geöffnet mittwochs bis sonntags von 12 Uhr bis 21.30 Uhr, Küchenpause von 16 bis 17 Uhr. Hauptgerichte rund 20 € am Abend, günstiger Lunch von mittwochs bis freitags.