Eine Weberei in Vietnam © Reuters

In diesen Tagen beschließen die USA und ein Dutzend anderer Staaten die Abschaffung Europas.

Das Ende von Europa kommt in Form eines Abkommens namens ... Nein, nicht das TTIP, sondern TPP – die "Transpazifische Partnerschaft", die Handelsbarrieren zwischen zwölf pazifischen Anrainerstaaten abbauen soll: Auf der einen Seite die USA, Kanada, Chile, Mexiko und Peru, auf der anderen Neuseeland, Australien, Japan, Malaysia, Brunei, Singapur und Vietnam.

Falls Sie davon noch nichts gehört haben, dann wahrscheinlich, weil Sie von Ihren Sorgen über TTIP geblendet waren. Tja, auf lange Sicht ist das gar nichts gegen TPP. Schon in jetziger Form erfasst TPP rund ein Drittel des Welthandels. Ein halbes Dutzend weiterer Länder warten nur auf ihre Chance beizutreten, und China wird irgendwann auch anklopfen.

Natürlich stößt das Abkommen auf Kritik, und die Ratifizierung im Kongress wird für Obama harte Arbeit sein: Viele Amerikaner fürchten, dass noch mehr Jobs ins Ausland wandern.

Doch das allerstärkste Argument für TPP ist geopolitischer Natur: Es fasst die zwei dynamischsten und zukunftsträchtigsten Regionen der Welt zusammen. Das bedeutet nicht weniger als die Verlagerung des Mittelpunkts der modernen Welt vom Atlantik in den Pazifik.

Seit dem 17. Jahrhundert hat Europa die Kultur, Moral und Politik der Welt geprägt wie sonst keine andere Region. Heute ist Asien, was Europa einmal war: aufregend, hungrig, ideenreich und dynamisch. Wenn ich an Kultur aus nicht englischsprachigen Ländern denke, denke ich vor allem an Japan – Games, Animes, Mangas, Filmtrends, all das kommt von dort, auch die interessantesten Trends in Literatur, Mode, Design und Subkultur.

Wenn es um Innovation geht, führt Amerika, dicht gefolgt von Japan und anderen asiatischen Staaten. Hätten das Internet, das Smartphone, Facebook und Google, die PlayStation (das, was Filmkunst im 20. Jahrhundert war, wird in unserem Jahrhundert das Computerspiel sein) aus Europa kommen können? Undenkbar. Ist doch alles Schund!

Europa flüchtet in die hehre Vergangenheit: Wer von europäischer Kultur spricht, meint Beethoven, Victor Hugo, Picasso und Darwin. Wer hierzulande die eigentliche Welt erleben will, genießt Mad Men, Murakami, Miley Cyrus und Bloodborne. Während in Deutschland junge Autoren immer noch Thomas Mann und Heidegger nacheifern, veranstalten die Koreaner Onlinespiel-Weltmeisterschaften in Fußballstadien vor 40.000 Zuschauern. Auch die Wirtschaftsmentalität Europas steckt noch im 19. Jahrhundert: Während der Rest der Welt an Internet, Google und künstlicher Intelligenz arbeitet, perfektioniert Deutschland seine Küchengeräte.

Wenn ich mit meinen deutschen Freunden über die Pläne der Nasa spreche, in den 2030ern eine Kolonie auf dem Mars zu bauen, lachen sie nur. Meine amerikanischen und asiatischen Freunde lachen nicht darüber.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 08.10.2015.

Gerade diese Woche, als die ersten Nobelpreise für Medizin und Physik an einen Amerikaner, einen Kanadier, einen Japaner und einen Chinesen gingen, dachte ich: Hoppla! Das werden wir in Zukunft öfter sehen. Nein, das fahrerlose Auto wird nicht aus Deutschland kommen, aber es wird die deutsche Wirtschaft zerstören.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis Amerika einen interessanteren Partner findet. TPP bringt die zwei innovativsten Kulturregionen näher zusammen. Klar, die Europäer könnten schon mit Asien – und mit Amerika – konkurrieren, wenn sie es wollten. Wollen sie aber nicht. Sie haben weder das gleiche Feuer im Bauch wie die Asiaten noch die Erlaubnis im Kopf, neue Wege zu gehen.

Lieber nehmen sie in Kauf, dass andere Länder an ihnen vorbeiziehen. Und trösten sich mit dem Glauben, dass sie, solange sie den Fischer-Dübel haben, genug Geld besitzen, um den neuesten personal robot aus Tokio zu bestellen.

Auch die USA und Asien haben lieb gewordene Traditionen, aber sie bauen keinen Kult darum. Beide Regionen leben gern heute, beide Regionen freuen sich auf die Zukunft – und gerade haben sie sie auch erschaffen.