Mythen ranken sich um dieses Werk, sie sind fast so schön wie das Werk selbst. Einer besagt, dass der Herr Wagenbach vom Wagenbach Verlag in einer Kneipe mit Professore Nova, Mailänder und Kunsthistoriker, vor etwa 15 Jahren einmal viel Wein trank und die beiden, so befeuert, die grandiose und ein wenig exaltierte Idee entwickelten, man könne doch die legendären Viten von Giorgio Vasari mal frisch übersetzen, diese Textgebilde von 1550/1568, welches die Biografien der Künstler der Renaissance so bündelt, dass wir diesem Blick immer noch verhaftet sind. Einfach neu publizieren. Im Wagenbach Verlag natürlich. Mit Abbildungen! Warum nicht? Kritisch annotiert! Im Taschenbuch. Kunst für alle!

Dieser Mythos ist fast so schön wie der, welcher sich um die Ursprünge der Viten selbst rankt, auch er streift das Kulinarische. Diese Erzählung führt zurück in das 16. Jahrhundert, in den Palazzo des Kardinals Alessandro Farnese zu Rom, einen der herrlichsten Paläste der Renaissance, wo an einem Abend des Jahres 1547 ebenfalls kluge Herren zum Tischgespräch versammelt gewesen sein sollen. Der Arzt Paolo Giovio, der päpstliche Sekretär Annibale Caro, der Dichter Francesco Molza, der Jurist Claudio Tolomei aus Siena – bedeutende Humanisten der Epoche! Das Gespräch wogte hierhin und dorthin, dann soll Giovio gesagt haben, jemand müsse mal die großen Künstler, von Cimabue, geboren 1240, dem Lehrer des Giotto, bis zu dem göttlichen Michelangelo, geboren 1475, im Überblick zusammenfassen – "was sagt Ihr dazu, Giorgio?" soll Giovio gesagt haben, notiert Vasari in seiner Autobiografie. Heißt: Also mir wurde der Ball zugeschoben. Bescheidenheitsgestus, hübscher Topos. Und wie vieles, das Vasari in die Welt setzte, nicht ganz falsch oder richtig.

Wahr ist, Vasari verkehrte damals im Palazzo. Molza kann nicht dabei gewesen sein, er war schon tot. Andere Herren waren nicht in Rom. Die Idee der Viten war auch nicht neu, Vasari hatte seit Jahren Notizen für ein solches Projekt angehäufelt, und bereits am 8. Juli 1547 gratulierte Giovio in einem Brief Vasari zum vollendeten Werk, das dieser (Topos: das Gelehrtengespräch) also fest in der intellektuellen Szene verschraubt hatte.

© Wagenbach Verlag


Die erste Ausgabe von Vasaris Viten enthält 133 einzelne Lebensläufe und Werkbeschreibungen und wurde 1550 gedruckt, nach dem Verlag "Torrentina" benannt. Restexemplare heute: etwa 40. Und 18 Jahre später erscheint eine sehr erweiterte, zweite Ausgabe, sie ist mehr als doppelt so lang, hat 162 Viten, sie schließt nun sogar die Vita von Vasari selbst ein. Die "Giuntina" überragt 300 Jahre der Kunstgeschichte, mit ihr etabliert sich Vasari endgültig als Mann, der das Denken des Abendlandes über sich selbst, im Spiegel seiner Kunst, geprägt hat. Giorgio Vasari, der Sohn eines Trödlers aus Arezzo.

Lebensdaten: 1511 bis 1574. Beruf: Maler und Hofarchitekt. Vasari ist ein ergebener Diener von Cosimo von Medici, für den er Florenz zu einer Bühne der Herrschaft gestaltete und nun überdacht hatte mit einem Ideengebäude, in dem auch die Kunst ihren Höhepunkt erreicht, in der Ära Medici natürlich, selbstredend in Florenz. Die Entwicklung folgt einem dreistufigen Modell, auf den Thron platziert Vasari eine Trinitas aus Leonardo, Raffael und Michelangelo. Die Viten sind übrigens, wie die Luthersche Bibel, das erste Werk seiner Art in der Sprache des Volkes.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 08.10.2015.

Die "Torrentina" besteht, wie ihre Schwester, die "Giuntina", aus handlichen Buchbriketts, die, auf Samtkissen gebettet, im Florentiner Büro von Professore Nova ausliegen, eine bibliophile Begrüßung des Gastes aus Hamburg. Man muss sich also leider sofort losreißen von dem Blick, der vom Büro aus über den windzerzauselten Oleander auf einer Terrasse zu den Hügeln geht, man beugt sich ehrfürchtig über die Kostbarkeiten. Hübsche Frontispize in Holzdruck. Mit Florentiner Stadtsilhouette. Das Papier mit den markanten schwarzen Lettern. Alessandro Nova nimmt einen der Bände auf, blättert, zeigt minusküle Notizen am Rand. Nova, der am Londoner Courtauld Institute promovierte, Jahre in Frankfurt lehrte, leitet seit 2006 das Kunsthistorische Institut in Florenz, kurz KHI, das 1897 von deutschen Privatgelehrten um Aby Warburg gegründet wurde und jetzt ein Institut der Max-Planck-Gesellschaft ist. Nova, geboren 1954, ist ein Mann voller Elan, sehr unterwegs zwischen Stanford und Peking, Berlin oder eben Florenz, er strahlt diesen Übermut aus, der ihn zum natürlichen Partner von Klaus Wagenbach machte.

Es war ein Glücksfall. Nova und ein Verleger, der studierter Kunsthistoriker ist! Ein Verlag, der einst die Toskana-Fraktion mit Bändchen italienischer Literatur in den Urlaub schickte, mit Luigi Malerba, Natalia Ginzburg, Italo Calvino oder Emilio Gadda. Wagenbach verlegt auch harte Wissenschaft sowie hübsche Bände wie Der Süden – Geschichte einer Himmelsrichtung. Von jetzt an ist Wagenbach der Verlag der Edition Giorgio Vasari . Ein Projekt von elf Jahren ist abgeschlossen. Stapel von Paperbacks liegen vor. Elegantes Design in dunklem Grün. Absolut sammelbar. Handtaschengeeignet, reisefähig. Jeder Band hebt an mit einer klar formulierten Einleitung zur Vita. Dann der Text in neuer, präziser Übersetzung, es gibt nun die Viten endlich als verlässlichen Quellentext auf Deutsch. Ein Must-read für jeden Kunstinteressierten. Band 1 knallt gleich mal Vasaris Kunsttheorie auf den Tisch, dazu das Glossar. Die Kommentierungen, Tiefenbohrungen in Aberhunderten von Anmerkungen, entfalten, was Nova die Polyphonie des Vasarischen Textes nennt, sie locken die Stimmen jener hervor, die Vasari zitiert oder nur anklingen lässt, den ganzen Kosmos der historischen Bezüge und zeitgenössischen Kollegen. So ist in jedem Band und über 45 Bände hinweg ein vibrierendes Ganzes entstanden. Die Abbildungen? Nun, es sind Paperbacks. Aber wenn Vasaris Viten der Big Bang der Kunstgeschichte sind, dann ist diese Ausgabe ein editorischer Scoop. Wie also kam es wirklich dazu?