DIE ZEIT: Herr Sinn, was kosten uns die Flüchtlinge?

Hans-Werner Sinn: 800.000 Migranten kosten anfangs etwa zehn Milliarden Euro pro Jahr. Es wird weniger, wenn diese Menschen integriert werden und Steuern zahlen.

ZEIT: Werden sie das?

Sinn: Genug Bedarf an Arbeitskräften hätten wir. Aber es kommen viele Analphabeten und Leute mit wenig Schulbildung oder Abschlüssen, die mit unseren nicht vergleichbar sind. Der syrische Arzt ist wohl eher die Ausnahme als die Regel – zum Glück, denn er wird ja zu Hause noch mehr gebraucht. Die Flüchtlinge werden also überwiegend in die einfachen Jobs drängen. Das wird die Löhne für einfache Arbeit unter Druck setzen.

ZEIT: Was bedeutet das?

Sinn: Es bedeutet, dass vor allem gering qualifizierte Arbeitnehmer unter dieser Entwicklung leiden. Sie bekommen Konkurrenz durch die zusätzlichen Arbeitskräfte. Sie sind die Verlierer. In der Praxis betrifft das vor allem Menschen mit Migrationshintergrund, die sich bereits im Lande befinden. Die neuen Migranten verschlechtern die Situation für die alten Migranten.

ZEIT: Es sei denn, man lockert die Zulassungsbeschränkungen für bessere Berufe.

Sinn: Standards abzusenken halte ich für kontraproduktiv. Wir sind ein Land, das von der Qualität seiner Produkte lebt. Wer nicht qualifiziert ist, kann bestimmte Dinge nicht machen, bis er sich qualifiziert hat. Die Chance der Qualifikation sollte er allerdings erhalten.

ZEIT: Wir sprachen über die Verlierer der Zuwanderung. Wer sind die Gewinner?

Sinn: Das sind vor allem diejenigen, die Leistungen der zusätzlichen Arbeitskräfte in Anspruch nehmen: Sie und ich und Ihre Leser zum Beispiel. Wir werden leichter an eine Putzkraft kommen oder unser Auto waschen lassen können, weil die Löhne für einfache Tätigkeiten sinken.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 08.10.2015.

ZEIT: Das verhindert doch der Mindestlohn.

Sinn: Wenn der bleibt, entstehen viele der benötigten Stellen gar nicht erst. Mehr Geschäftsmodelle für Geringqualifizierte werden erst dann rentabel, wenn der Lohn für einfache Arbeit fällt.

ZEIT: Es gibt Studien aus den USA, die zu dem Ergebnis kommen, dass die Löhne bei Masseneinwanderung nicht automatisch sinken.

Sinn: Richtig, wenn Hochqualifizierte kommen. Aber das ist im Moment in Deutschland nicht der Fall. Es geht um ein fundamentales Gesetz der Ökonomie: Ein zusätzliches Angebot – in diesem Fall an gering qualifizierten Arbeitskräften – drückt den Preis beziehungsweise den Lohn für diesen Typus von Arbeitskraft. Das lässt sich nicht einfach so außer Kraft setzen. Das zeigen doch gerade auch die USA: Dort stagnieren die realen Löhne im unteren Einkommensbereich seit Jahrzehnten, weil immer mehr Geringqualifizierte einwanderten. Die "industrielle Reservearmee" wird immer wieder mit Nachschub aus Mexiko und anderen Teilen der Welt aufgefüllt. Das hält das Lohnniveau niedrig.