Mit der Eitelkeit eines Stars ist Helen Feng nicht gesegnet. Gleich bei der Begrüßung weist sie darauf hin, dass sie ungern über sich selbst redet, eine Biografie habe schließlich jeder. Jetzt sitzt sie im Büro ihrer Berliner Plattenfirma und windet sich angesichts der Etiketten, die ihr aufgeklebt wurden. "Ein hell leuchtendes Licht in Pekings Musikszene", schrieb der britische "Guardian", "Pekings Indie-Superstar" nannte sie das Musikmagazin "Vice". Solche Komplimente lässt sie ungern auf sich sitzen. Sobald es aber um ihre Musik und deren Hintergründe geht, redet sie sturzbachartig.

DIE ZEIT: Helen, Sie sind Chinas einzige über die Landesgrenzen hinaus erfolgreiche Popmusikerin. Erstaunlich, wenn man bedenkt, wie viele Chinesen es gibt.

Helen Feng: Ja, da besteht ein enormes Missverhältnis. Wir sind ein Volk von über einer Milliarde Menschen. Wenn man den gesamten asiatischen Raum hinzunimmt, hat etwa die Hälfte der Weltbevölkerung eine gelbe Hautfarbe. Wirtschaftlich kommt keiner an uns vorbei, kulturell sind wir, vorsichtig ausgedrückt, stark unterrepräsentiert.

ZEIT: Die meisten kennen bloß Ai Weiwei.

Feng: Nichts gegen Ai Weiwei, er hat wunderbare Sachen gemacht. Die Zeit wird zeigen, was an seinem Werk Werbung in eigener Sache ist und was darüber hinausgeht. Trotzdem schade, dass so wenig Interesse an allem anderen besteht.

ZEIT: Warum ist das so? Der Westen sucht doch ständig nach Auffrischung von den Rändern.

Feng: Kann sein, aber er tut es nach seinen eigenen Bedingungen. Egal, wie global die Wirtschaft heute agiert, in der Popmusik bestimmt noch immer Angloamerika das Bild. Schwarze Künstler sind seit einiger Zeit akzeptiert, neuerdings auch ein paar Latinos, wir Asiaten sind es nicht. Die Ironie ist: Wir akzeptieren uns selbst nicht. Nach Jahren und Jahrzehnten der Gehirnwäsche ist unser Geschmack fremdbestimmt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 08.10.2015.

ZEIT: China ist ein popmusikalisches Entwicklungsland.

Feng: Absolut. Bildlich gesprochen sind wir wie ein Kind, das gerade laufen lernt. Ein paar Schritte kann es sich aufrecht halten, dann fällt es wieder hin. Es ist eine Lernphase, in der wir uns befinden. Auf China trifft das doppelt zu, weil die Folgen der Kulturrevolution noch immer zu spüren sind: Niemand interessiert sich für die Tradition, alles, was von außen kommt, gilt als gut. Ich habe Verständnis dafür, wenn die Leute sagen: Hey, ihr Asiaten seid aber ziemlich unoriginell. Es geht erst einmal um das Aufsaugen von Einflüssen.

ZEIT: Wie passt der Koreaner Psy dazu? Das Video zu Gangnam Style wurde millionenfach geklickt, mehr als jeder Gangsta-Rap-Song.

Feng: Der ist das beste Beispiel für das, was ich gerade gesagt habe. So koreanisch ist Gangnam Style nämlich gar nicht. Zieht man das bisschen Exotik ab, das vor allem über den Tanzstil vermittelt wird, und denkt sich das Ganze auf Englisch, kommt ziemlich exakt ein westlicher Pophit heraus. Ein Stück Eurotrash aus den Neunzigern vielleicht. Der Song erinnert mich an den Trend zu Schönheitsoperationen, der gerade von Korea nach China schwappt: Alle wollen sie eine hohe Nase, ein schmales Gesicht, ausgeprägte Wangenknochen – lauter Merkmale, die nicht spezifisch asiatisch sind.

ZEIT: Sie sind in Peking geboren, in den USA und Kanada aufgewachsen und als Sechsjährige mit Ihren Eltern nach Peking zurückgekehrt. Warum singen Sie nicht auf Mandarin?

Feng: Ich fühle mich im Englischen einfach wohler. Um ehrlich zu sein: Chinesische Schriftzeichen zu lesen strengt mich an, ich arbeite noch heute mit phonetischen Transskriptionen. Aber ich singe manchmal auch auf Mandarin, mündlich hat Mandarin einen interessanten Flow. Es ist eine Art Kauderwelsch, das ich auf einigen Stücken vor mich hin brabble. Vielleicht werde ich mich in diese Richtung weiterbewegen.

ZEIT: Wie stark ist das chinesische Element in Ihrer Musik?

Feng: Was meine Band Nova Heart anbelangt: Wir sind vier Leute, die den größten Teil ihres Lebens in China verbracht haben. Insofern haben wir den gleichen Erfahrungshintergrund wie die meisten in unserem Publikum. Wenn uns das "chinesisch" macht, bitte schön. Was mich selbst anbelangt: Ich singe einfach von Dingen, die mich beschäftigen, und hoffe, dass andere da draußen etwas damit anfangen können. Deswegen bin ich aber keineswegs auf ein Land festgelegt, und mit musikalischen Schubladen kann ich sowieso nichts anfangen. Ich bin kein "Chink", ich bin ein Mensch. Ich komme halt nur zufällig aus China.

ZEIT: Auf Ihrer Homepage lese ich, der Sound von Nova Heart rufe "Bilder von nackten Geistern" hervor, "die in einem heruntergekommenen Ballsaal in einer zum Abriss freigegebenen Pekinger Gasse vor sich hintanzen".

Feng: Wirklich? (lacht) Auf was war ich da gerade? Nein, im Ernst, das habe nicht ich geschrieben, es ist das Ergebnis professioneller Pressearbeit. Daran ist nichts verkehrt, Musik ist heutzutage eine Industrie. Da sind griffige Bilder gefragt.