DIE ZEIT: Herr Seckler, wollten Sie schon als Kind reich und berühmt werden?

Herbert Seckler: Nein, nein. Ich bin in einem winzigen Dorf auf der Schwäbischen Alb groß geworden. Da ist das Leben sehr klein gewesen – im positiven Sinne. Es gab kein Fernsehen, also sind die Wünsche gering gewesen.

ZEIT: Sie hatten aber irgendwann das Bedürfnis wegzugehen.

Seckler: Mein Leben ist Zufall. Ich habe mich immer treiben lassen. Ich bin kein Pläneschmieder.

ZEIT: Aber Sie hatten damals doch wohl schon eine Leidenschaft fürs Kochen?

Seckler: Ich weiß nicht einmal, ob ich heute ein leidenschaftlicher Koch bin. Mit 13 habe ich jedenfalls schon gearbeitet, in einem Waldgasthof mit Forellenzucht und viel Wild. Da habe ich dann eine Lehre gemacht. Die ganze Verwandtschaft hat gedacht: Mit dem Jungen stimmt was nicht. Der Beruf des Kochs war damals kurz hinter Straßenfeger. Und wenn Sie früher da in einer stinkenden kleinen Küche standen, das war garantiert nicht begehrenswert. Das war brutal.

ZEIT: Denken Sie heute: Hätte ich nur studiert?

Seckler: Ich bin nach der Hauptschule von der Schule gegangen. Ich konnte das nicht. Schule war für mich ein Albtraum.

ZEIT: Wann hatten Sie das erste Mal Spaß an Ihrer Arbeit?

Seckler: Ich habe Spaß an anderen Dingen.

ZEIT: An was?

Seckler: Meiner Frau.

ZEIT: Sie haben fast Ihr ganzes Leben als Koch gearbeitet, obwohl es Ihnen keinen Spaß macht?

Seckler: Meine Zeit als Koch war gnadenlos. Nicht so: Juhu, ich darf in die Küche. Nee, nee. Solche Gefühle hatte ich nie.

ZEIT: Was war dann Ihr Antrieb?

Seckler: Hunger. Hunger hat nicht nur was mit Nahrung zu tun. Später, auf Sylt, haben wir in einem Winter nur trockene Nudeln gegessen. Da hatten wir zeitweise nicht mal Geld für die Butter.

ZEIT: Jetzt haben Sie ein paar Millionen auf dem Konto. Wann hatten Sie erstmals das Gefühl, sich über Geld keine Gedanken mehr machen zu müssen?

Seckler: Das Gefühl hatte ich nie.

ZEIT: Wissen Sie denn, wie viel Geld Sie haben?

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 41 vom 08.10.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Seckler: Nein.

ZEIT: Warum nicht?

Seckler: Weil alles spekulativ ist. Ein Wert ist doch nur das, was Ihnen jemand dafür gibt. Was ist die Sansibar jetzt wert? Wenn ich morgen pleite bin und keiner kaufen will, ist sie null Mark wert. Kommt einer und gibt ein paar Millionen, habe ich ein paar Millionen. Die Zahl auf dem Kontoauszug sagt nichts.

ZEIT: Sie haben einmal in einem Interview gesagt, Ihr Antrieb sei Ihr Ego.

Seckler: Das ist länger her, das Ego habe ich nicht mehr. Es ist so: Ich habe hier angefangen und hatte null Akzeptanz. Die Menschen haben mich behandelt wie einen Mülleimer. Der Laden war leer, die Leute kommen, nehmen eine Pommes mit Cola und meinen, davon lebst du. Jahrelang haben sie mich tyrannisiert. Irgendwann wurden sie freundlicher, von einem Tag auf den anderen.